Das Höchste, was wir von Gott und der Natur erhalten haben, ist 
das Leben, die rotierende Bewegung der Monas um sich selbst, welche 
weder Rast noch Ruhe kennt; der Trieb, das Leben zu hegen und zu 
pflegen, ist einem jeden unverwüstlich eingeboren, die 
Eigentümlichkeit desselben jedoch bleibt uns und andern ein Geheimnis.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1
%
Die zweite Gunst der von oben wirkenden Wesen ist das Erlebte, das 
Gewahrwerden, das Eingreifen der lebendig-beweglichen Monas in die 
Umgebungen der Außenwelt, wodurch sie sich erst selbst als innerlich 
Grenzenloses, als äußerlich Begrenztes gewahr wird. Über dieses 
Erlebte können wir, obgleich Anlage, Aufmerksamkeit und Glück dazu 
gehört, in uns selbst klar werden; andern bleibt aber auch dies immer 
ein Geheimnis.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 2
%
Als Drittes entwickelt sich nun dasjenige, was wir als Handlung 
und Tat, als Wort und Schrift gegen die Außenwelt richten; dieses 
gehört derselben mehr an als uns selbst, sowie sie sich darüber auch 
eher verständigen kann, als wir es selbst vermögen; jedoch fühlt sie, 
dass sie, um recht klar darüber zu werden, auch von unserm Erlebten 
soviel als möglich zu erfahren habe. Weshalb man auch auf 
Jugendanfänge, Stufen der Bildung, Lebenseinzelheiten, Anekdoten und 
dergleichen höchst begierig ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 3
%
Dieser Wirkung nach außen folgt unmittelbar eine Rückwirkung, es 
sei nun, dass Liebe uns zu fördern suche oder Hass uns zu hindern 
wisse. Dieser Konflikt bleibt sich im Leben ziemlich gleich, indem ja 
der Mensch sich gleich bleibt und ebenso alles dasjenige, was 
Zuneigung oder Abneigung an seiner Art zu sein empfinden muss.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 4
%
Was Freunde mit und für uns tun, ist auch ein Erlebtes; denn es 
stärkt und fördert unsere Persönlichkeit. Was Feinde gegen uns 
unternehmen, erleben wir nicht, wir erfahren's nur, lehnen's ab und 
schützen und dagegen wie gegen Frost, Sturm, Regen und Schloßenwetter 
oder sonst äußere Übel, die zu erwarten sind.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 5
%
Man mag nicht mit jedem leben, und so kann man auch nicht für 
jeden leben; wer das recht einsieht, wird seine Freunde höchlich zu 
schätzen wissen, seine Feinde nicht hassen noch verfolgen, vielmehr 
erlangt der Mensch nicht leicht einen größeren Vorteil, als wenn er 
die Vorzüge seiner Widersacher gewahr werden kann: Dies gibt ihm ein 
entschiedenes Übergewicht über sie.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 6
%
Gehen wir in die Geschichte zurück, so finden wir überall 
Persönlichkeiten, mit denen wir uns vertrügen, andere, mit denen wir 
uns gewiss in Widerstreit befänden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 7
%
Das Wichtigste bleibt jedoch das Gleichzeitige, weil es sich in 
uns am reinsten abspiegelt, wir uns in ihm.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 8
%
Cato ward in seinem Alter gerichtlich angeklagt, da er denn in 
seiner Verteidigungsrede hauptsächlich hervorhob, man könne sich vor 
niemand verteidigen, als vor denen, mit denen man gelebt habe. Und er 
hat vollkommen recht: Wie will eine Jury aus Prämissen urteilen, die 
ihr ganz abgehen? Wie will sie sich über Motive beraten, die schon 
längst hinter ihr liegen?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 9
%
Das Erlebte weiß jeder zu schätzen, am meisten der Denkende und 
Nachsinnende im Alter; er fühlt mit Zuversicht und Behaglichkeit, 
dass ihm das niemand rauben kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 10
%
So ruhen meine Naturstudien auf der reinen Basis des Erlebten; 
wer kann mir nehmen, dass ich 1749 geboren bin, dass ich (um vieles 
zu überspringen) mich aus Erxlebens "Naturlehre" erster Ausgabe 
treulich unterrichtet, dass ich den Zuwachs der übrigen Editionen, 
die sich durch Lichtenbergs Aufmerksamkeit grenzenlos anhäuften, 
nicht etwa im Druck zuerst gesehen, sondern jede neue Entdeckung im 
Fortschreiten sogleich vernommen und erfahren; dass ich, Schritt für 
Schritt folgend, die großen Entdeckungen der zweiten Hälfte des 
achtzehnten Jahrhunderts bis auf den heutigen Tag wie einen 
Wunderstern nach dem andern vor mir aufgehen sehe? Wer kann mir die 
heimliche Freude nehmen, wenn ich mir bewusst bin, durch 
fortwährendes aufmerksames Bestreben mancher großen Welt 
überraschenden Entdeckung selbst so nahe gekommen zu sein, dass ihre 
Erscheinung gleichsam aus meinem eignen Innern hervorbrach und ich 
nun die wenigen Schritte klar vor mir liegen sah, welche zu wagen ich 
in düsterer Forschung versäumt hatte?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 11
%
Wer die Entdeckung der Luftballone mit erlebt hat, wird ein 
Zeugnis geben, welche Weltbewegung daraus entstand, welcher Anteil 
die Luftschiffer begleitete, welche Sehnsucht in so viel tausend 
Gemütern hervordrang, an solchen längst vorausgesetzten, 
vorausgesagten, immer geglaubten und immer unglaublichen, 
gefahrvollen Wanderungen teilzunehmen; wie frisch und umständlich 
jeder einzelne glückliche Versuch die Zeitungen füllte, zu 
Tagesheften und Kupfern Anlass gab; welchen zarten Anteil man an den 
unglücklichen Opfern solcher Versuche genommen. Dies ist unmöglich 
selbst in der Erinnerung wiederherzustellen, so wenig als wie lebhaft 
man sich für einen vor dreißig Jahren ausgebrochenen, höchst 
bedeutenden Krieg interessierte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 12
%
Die schönste Metempsychose ist die, wenn wir uns im andern wieder 
auftreten sehn.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 13
%
Professor Zaupers "Deutsche Poetik aus Goethe" sowie der Nachtrag 
zu derselben, Wien 1822, darf dem Dichter wohl einen angenehmen 
Eindruck machen; es ist ihm, als wenn er an Spiegeln vorbeiginge und 
sich im günstigen Lichte dargestellt erblickte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 14
%
Und wäre es denn anders? Was der junge Freund an uns erlebt, ist 
ja gerade Handlung und Tat, Wort und Schrift, die von uns in 
glücklichen Momenten ausgegangen sind, zu denen wir uns immer gern 
bekennen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 15
%
Gar selten tun wir uns selbst genug, desto tröstender ist es, 
andern genug getan zu haben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 16
%
Wir sehen in unser Leben doch nur als in ein zerstückeltes 
zurück, weil das Versäumte, Misslungene uns immer zuerst 
entgegentritt und das Geleistete, Erreichte in der Einbildungskraft 
überwiegt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 17
%
Davon kommt dem teilnehmenden Jüngling nichts zur Erscheinung; er 
sieht, genießt, benutzt die Jugend eines Vorfahren und erbaut sich 
selbst daran aus dem Innersten heraus, als wenn er schon einmal 
gewesen wäre, was er ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 18
%
Auf ähnliche, ja, gleiche Weise erfreuen mich die mannigfaltigen 
Anklänge, die aus fremden Ländern zu mir gelangen. Fremde Nationen 
lernen erst später unsere Jugendarbeiten kennen; ihre Jünglinge, ihre 
Männer, strebend und tätig, sehen ihr Bild in unserm Spiegel, sie 
erfahren, dass wir das, was sie wollen, auch wollten, ziehen uns in 
ihre Gemeinschaft und täuschen mit dem Schein einer rückkehrenden 
Jugend.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 19
%
Die Wissenschaft wird dadurch sehr zurückgehalten, dass man sich 
abgibt mit dem, was nicht wissenswert, und mit dem, was nicht wissbar 
ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 20
%
Die höhere Empirie verhält sich nur Natur wie der 
Menschenverstand zum praktischen Leben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 21
%
Vor den Urphänomenen, wenn sie unseren Sinnen enthüllt 
erscheinen, fühlen wir eine Art von Scheu, bis zur Angst. Die 
sinnlichen Menschen retten sich ins Erstaunen; geschwind aber kommt 
der tätige Kuppler Verstand und will auf seine Weise das Edelste mit 
dem Gemeinsten vermitteln.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 22
%
Die wahre Vermittlerin ist die Kunst. Über Kunst sprechen heißt 
die Vermittlerin vermitteln wollen, und doch ist uns daher viel 
Köstliches erfolgt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 23
%
Es ist mit den Ableitungsgründen wie mit den Einteilungsgründen, 
sie müssen durchgehen, oder es ist gar nichts dran.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 24
%
Auch in Wissenschaften kann man eigentlich nichts wissen, es will 
immer getan sein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 25
%
Alles wahre Aperçu kommt aus einer Folge und bringt Folge. Es ist 
ein Mittelglied einer großen, produktiv aufsteigenden Kette.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 26
%
Die Wissenschaft hilft uns vor allem, dass sie das Staunen, wozu 
wir von Natur berufen sind, einigermaßen erleichtere; sodann aber, 
dass sie dem immer gesteigerten Leben neue Fertigkeiten erwecke zu 
Abwendung des Schädlichen und Einleitung des Nutzbaren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 27
%
Man klagt über wissenschaftliche Akademien, dass sie nicht frisch 
genug ins Leben eingreifen; das liegt aber nicht an ihnen, sondern an 
der Art, die Wissenschaften zu behandeln, überhaupt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 28
%
Alles Gescheite ist schon gedacht worden; man muss nur versuchen, 
es noch einmal zu denken.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 29
%
Wie kann man sich selbst kennen lernen? Durch Betrachten niemals, 
wohl aber durch Handeln. Versuche, deine Pflicht zu tun, und du weißt 
gleich, was an dir ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 30
%
Was aber ist deine Pflicht? Die Forderung des Tages.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 31
%
"Die vernünftige Welt ist als ein großes unsterbliches Individuum 
zu betrachten, das unaufhaltsam das Notwendige bewirkt und dadurch 
sich sogar über das Zufällige zum Herrn macht."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 32
%
Mir wird, je länger ich lebe, immer verdrießlicher, wenn ich den 
Menschen sehe, der eigentlich auf seiner höchsten Stelle da ist, um 
der Natur zu gebieten, um sich und die Seinigen von der gewalttätigen 
Notwendigkeit zu befreien; wenn ich sehe, wie er aus irgendeinem 
vorgefassten falschen Begriff gerade das Gegenteil tut von dem, was 
er will, und sich alsdann, weil die Anlage im ganzen verdorben ist, 
im einzelnen kümmerlich herumpfuscht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 33
%
Tüchtiger, tätiger Mann, verdiene dir und erwarte:
von den Großen - Gnade,
von den Mächtigen - Gunst,
von den Tätigen und Guten - Förderung,
von der Menge - Neigung,
von dem einzelnen - Liebe.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 34
%
Sage mir, mit wem du umgehst, so sage ich dir, wer du bist; weiß 
ich, womit du dich beschäftigst, so weiß ich, was aus dir werden kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 35
%
Jeder Mensch muss nach seiner Weise denken: Denn er findet auf 
seinem Wege immer ein Wahres oder eine Art von Wahrem, die ihm durchs 
Leben hilft. Nur darf er sich nicht gehen lassen: Er muss sich 
kontrollieren; der bloße nackte Instinkt geziemt nicht dem Menschen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 36
%
Unbedingte Tätigkeit, von welcher Art sie sei, macht zuletzt 
bankrott.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 37
%
In den Werken des Menschen wie in denen der Natur sind eigentlich 
die Absichten vorzüglich der Aufmerksamkeit wert.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 38
%
Die Menschen werden an sich und andern irre, weil sie die Mittel 
als Zweck behandeln, da denn vor lauter Tätigkeit gar nichts 
geschieht oder vielleicht gar das Widerwärtige.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 39
%
Was wir ausdenken, was wir vornehmen, sollte schon vollkommen so 
rein und schön sein, dass die Welt nur daran zu verderben hätte; wir 
blieben dadurch in dem Vorteil, das Verschobene zurechtzurücken, das 
Zerstörte wiederherzustellen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 40
%
Ganze, Halb- und Viertelsirrtümer sind gar schwer und mühsam 
zurechtzulegen, zu sichten und das Wahre daran dahin zu stellen, 
wohin es gehört.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 41
%
Es ist nicht immer nötig, dass das Wahre sich verkörpere: Schon 
genug, wenn es geistig umherschwebt und Übereinstimmung bewirkt, wenn 
es wie Glockenton ernst-freundlich durch die Lüfte wogt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 42
%
Allgemeine Begriffe und großer Dünkel sind immer auf dem Weg, 
entsetzliches Unglück anzurichten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 43
%
"Blasen ist nicht flöten; ihr müsst die Finger bewegen."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 44
%
Die Botaniker haben eine Pflanzenabteilung, die sie Incompletae 
nennen; man kann eben auch sagen, dass es inkomplette, unvollständige 
Menschen gibt. Es sind diejenigen, deren Sehnsucht und Streben mit 
ihrem Tun und Leisten nicht proportioniert ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 45
%
Der geringste Mensch kann komplett sein, wenn er sich innerhalb 
der Grenzen seiner Fähigkeit und Fertigkeiten bewegt; aber selbst 
schöne Vorzüge werden verdunkelt, aufgehoben und vernichtet, wenn 
jenes unerlässlich geforderte Ebenmaß abgeht. Dieses Unheil wird sich 
in der neuern Zeit noch öfter hervortun; denn wer wird wohl den 
Forderungen einer durchaus gesteigerten Gegenwart, und zwar in 
schnellster Bewegung, genugtun können?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 46
%
Nur klugtätige Menschen, die ihre Kräfte kennen und sie mit Maß 
und Gescheitigkeit benutzen, werden es im Weltwesen weit bringen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 47
%
Ein großer Fehler, dass man sich mehr dünkt, als man ist, und 
sich weniger schätzt, als man wert ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 48
%
Es begegnet mir von Zeit zu Zeit ein Jüngling, an dem ich nichts 
verändert noch gebessert wünschte; nur macht mir bange, dass ich 
manchen vollkommen geeignet sehe, im Zeitstrom mit fort zu schwimmen; 
und hier ist's, wo ich immerfort aufmerksam machen möchte, dass dem 
Menschen in seinem zerbrechlichen Kahn eben deshalb das Ruder in die 
Hand gegeben ist, damit er nicht der Willkür der Wellen, sondern dem 
Willen seiner Einsicht Folge leiste.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 49
%
Wie soll nun aber ein junger Mann für sich selbst dahin gelangen, 
dasjenige für tadelnswert und schädlich anzusehen, was jedermann 
treibt, billigt und fördert? Warum soll er sich nicht und sein 
Naturell auch dahin gehen lassen?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 50
%
Für das größte Unheil unserer Zeit, die nichts reif werden lässt, 
muss sich halten, dass man im nächsten Augenblick den vorhergehenden 
verspeist, den Tag im Tage vertut und so immer aus der Hand in den 
Mund lebt, ohne irgendetwas vor sich zu bringen. Haben wir doch schon 
Blätter für sämtliche Tagezeiten! Ein guter Kopf könnte wohl noch 
eins und das andere interkalieren. Dadurch wird alles, was ein jeder 
tut, treibt, dichtet, ja, was er vorhat, ins Öffentliche geschleppt. 
Niemand darf sich freuen oder leiden, als zum Zeitvertreib der 
übrigen, und so springt's von Haus zu Haus, von Stadt zu Stadt, von 
Reich zu Reich und zuletzt von Weltteil zu Weltteil, alles 
veloziferisch.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 51
%
So wenig nun die Dampfmaschinen zu dämpfen sind, so wenig ist 
dies auch im Sittlichen möglich; die Lebhaftigkeit des Handels, das 
Durchrauschen des Papiergelds, das Anschwellen der Schulden, um 
Schulden zu bezahlen, das alles sind die ungeheuern Elemente, auf die 
gegenwärtig ein junger Mann gesetzt ist. Wohl ihm, wenn er von der 
Natur mit mäßigem, ruhigem Sinn begabt ist, um weder 
unverhältnismäßige Forderungen an die Welt zu machen, noch auch von 
ihr sich bestimmen zu lassen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 52
%
Aber in einem jeden Kreis bedroht ihn der Tagesgeist, und nichts 
ist nötiger, als früh genug ihm die Richtung bemerklich zu machen, 
wohin sein Wille zu steuern hat.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 53
%
Die Bedeutsamkeit der unschuldigsten Reden und Handlungen wächst 
mit den Jahren, und wen ich länger um mich sehe, den suche ich 
immerfort aufmerksam zu machen, welch ein Unterschied stattfinde 
zwischen Aufrichtigkeit, Vertrauen und Indiskretion, ja, dass 
eigentlich kein Unterschied sei, vielmehr nur ein leiser Übergang vom 
Unverfänglichsten zum Schädlichsten, welcher bemerkt oder vielmehr 
empfunden werden müsse.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 54
%
Hierauf haben wir unsern Takt zu üben, sonst laufen wir Gefahr, 
auf dem Weg, worauf wir uns die Gunst der Menschen erwarben, sie ganz 
unversehens wieder zu verscherzen. Das begreift man wohl im Lauf des 
Lebens von selbst, aber erst nach bezahltem teuren Lehrgeld, das man 
leider seinen Nachkommenden nicht ersparen kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 55
%
Wahrheitsliebe zeigt sich darin, dass man überall das Gute zu 
finden und zu schätzen weiß.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 56
%
Ein historisches Menschengefühl heißt ein dergestalt gebildetes, 
dass es bei Schätzung gleichzeitiger Verdienste und 
Verdienstlichkeiten auch die Vergangenheit mit in Anschlag bringt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 57
%
Das Beste, was wir von der Geschichte haben, ist der 
Enthusiasmus, den sie erregt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 58
%
Eigentümlichkeit ruft Eigentümlichkeit hervor.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 59
%
Man muss bedenken, dass unter den Menschen gar viele sind, die 
doch auch etwas Bedeutendes sagen wollen, ohne produktiv zu sein, und 
da kommen die wunderlichsten Dinge an den Tag.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 60
%
Tief und ernstlich denkende Menschen haben gegen das Publikum 
einen bösen Stand.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 61
%
Wenn ich die Meinung eines andern anhören soll, so muss sie 
positiv ausgesprochen werden, Problematisches hab' ich in mir selbst 
genug.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 62
%
Der Aberglaube gehört zum Wesen des Menschen und flüchtet sich, 
wenn man ihn ganz und gar zu verdrängen denkt, in die wunderlichsten 
Ecken und Winkel, von wo er auf einmal, wenn er einigermaßen sicher 
zu sein glaubt, wieder hervortritt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 63
%
Wir würden gar vieles besser kennen, wenn wir es nicht zu genau 
erkennen wollten. Wird uns doch ein Gegenstand unter einem Winkel von 
fünfundvierzig Graden erst fasslich.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 64
%
Mikroskope und Fernröhre verwirren eigentlich den reinen 
Menschensinn.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 65
%
Ich schweige zu vielem still, denn ich mag die Menschen nicht 
irremachen und bin wohl zufrieden, wenn sie sich freuen, da, wo ich 
mich ärgere.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 66
%
Alles, was unsern Geist befreit, ohne uns die Herrschaft über uns 
selbst zu geben, ist verderblich.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 67
%
Man ist nur eigentlich lebendig, wenn man sich des Wohlwollens 
anderer freut.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 68
%
Frömmigkeit ist kein Zweck, sondern ein Mittel, um durch die 
reinste Gemütsruhe zur höchsten Kultur zu gelangen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 69
%
Deswegen lässt sich bemerken, dass diejenigen, welche Frömmigkeit 
als Zweck und Ziel aufstecken, meistens Heuchler werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 70
%
Wenn man alt ist, muss man mehr tun, als da man jung war.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 71
%
Erfüllte Pflicht empfindet sich immer noch als Schuld, weil man 
sich nie ganz genug getan.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 72
%
Die Mängel erkennt nur der Lieblose; deshalb, um sie einzusehen, 
muss man auch lieblos werden, aber nicht mehr, als hiezu nötig ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 73
%
Das höchste Glück ist das, welches unsere Mängel verbessert und 
unsere Fehler ausgleicht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 74
%
Kannst du lesen, so sollst du verstehen; kannst du schreiben, so 
musst du etwas wissen; kannst du glauben, so sollst du begreifen; 
wenn du begehrst, wirst du sollen; wenn du forderst, wirst du nicht 
erlangen; und wenn du erfahren bist, sollst du nutzen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 75
%
Man erkennt niemand an als den, der uns nutzt. Wir erkennen den 
Fürsten an, weil wir unter seiner Firma den Besitz gesichert sehen. 
Wir gewärtigen uns von ihm Schutz gegen äußere und innere 
widerwärtige Verhältnisse.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 76
%
Der Bach ist dem Müller befreundet, dem er nutzt, und er stürzt 
gern über die Räder; was hilft es ihm, gleichgültig durchs Tal 
hinzuschleichen?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 77
%
Wer sich mit reiner Erfahrung begnügt und darnach handelt, der 
hat Wahres genug. Das heranwachsende Kind ist weise in diesem Sinne.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 78
%
Die Theorie an und für sich ist nichts nütze, als insofern sie 
uns an den Zusammenhang der Erscheinungen glauben macht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 79
%
Alles Abstrakte wird durch Anwendung dem Menschenverstand 
genähert, und so gelangt der Menschenverstand durch Handeln und 
Beobachten zur Abstraktion.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 80
%
Wer zu viel verlangt, wer sich am Verwickelten erfreut, der ist 
den Verirrungen ausgesetzt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 81
%
Nach Analogien denken, ist nicht zu schelten: Die Analogie hat 
den Vorteil, dass sie nicht abschließt und eigentlich nichts Letztes 
will; dagegen die Induktion verderblich ist, die einen vorgesetzten 
Zweck im Auge trägt und, auf denselben losarbeitend, Falsches und 
Wahres mit sich fortreißt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 82
%
Gewöhnliches Anschauen, richtige Ansicht der irdischen Dinge ist 
ein Erbteil des allgemeinen Menschenverstandes; reines Anschauen des 
Äußern und Innern ist sehr selten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 83
%
Es äußert sich jenes im praktischen Sinn, im unmittelbaren 
Handeln; dieses symbolisch, vorzüglich durch Mathematik, in Zahlen 
und Formeln, durch Rede, uranfänglich, tropisch, als Poesie des 
Genies, als Sprichwörtlichkeit des Menschenverstandes.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 84
%
Das Abwesende wirkt auf uns durch Überlieferung. Die gewöhnliche 
ist historisch zu nennen; eine höhere, der Einbildungskraft 
verwandte, ist mythisch. Sucht man hinter dieser noch etwas Drittes, 
irgendeine Bedeutung, so verwandelt sie sich in Mystik. Auch wird sie 
leicht sentimental, so dass wir uns nur, was gemütlich ist, aneignen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 85
%
Die Wirksamkeiten, auf die wir achten müssen, wenn wir wahrhaft 
gefördert sein wollen, sind:
            vorbereitende,
            begleitende,
            mitwirkende,
            nachhelfende,
            fördernde,
            verstärkende,
            hindernde,
            nachwirkende.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 86
%
Im Betrachten wie im Handeln ist das Zugängliche von dem 
Unzugänglichen zu unterscheiden; ohne dies lässt sich im Leben wie im 
Wissen wenig leisten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 87
%
"Le sens commun est le génie de l'humanité."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 88
%
Der Gemeinverstand, der als Genie der Menschheit gelten soll, 
muss vorerst in seinen Äußerungen betrachtet werden. Forschen wir, 
wozu ihn die Menschheit benutzt, so finden wir folgendes:
Die Menschheit ist bedingt durch Bedürfnisse. Sind diese nicht 
befriedigt, so erweist sie sich ungeduldig; sind sie befriedigt, so 
erscheint sie gleichgültig. Der eigentliche Mensch bewegt sich also 
zwischen beiden Zuständen, und seinen Verstand, den so genannten 
Menschenverstand, wird er anwenden, seine Bedürfnisse zu befriedigen; 
ist es geschehen, so hat er die Aufgabe, die Räume der 
Gleichgültigkeit auszufüllen. Beschränkt sich dieses in die nächsten 
und notwendigsten Grenzen, so gelingt es ihm auch. Erheben sich aber 
die Bedürfnisse, treten sie aus dem Kreis des Gemeinen heraus, so ist 
der Gemeinverstand nicht mehr hinreichend, er ist kein Genius mehr, 
die Region des Irrtums ist der Menschheit aufgetan.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 89
%
Es geschieht nichts Unvernünftiges, das nicht Verstand oder 
Zufall wieder in die Richte brächten; nichts Vernünftiges, das 
Unverstand und Zufall nicht missleiten könnten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 90
%
Jede große Idee, sobald sie in die Erscheinung tritt, wirkt 
tyrannisch; daher die Vorteile, die sie hervorbringt, sich nur allzu 
bald in Nachteile verwandeln. Man kann deshalb eine jede Institution 
verteidigen und rühmen, wenn man an ihre Anfänge erinnert und 
darzutun weiß, dass alles, was von ihr im Anfang gegolten, auch jetzt 
noch gelte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 91
%
Lessing, der mancherlei Beschränkung unwillig fühlte, lässt eine 
seiner Personen sagen: Niemand muss müssen. Ein geistreicher, froh 
gesinnter Mann sagte: Wer will, der muss. Ein dritter, freilich ein 
Gebildeter, fügte hinzu: Wer einsieht, der will auch. Und so glaubte 
man den ganzen Kreis des Erkennens, Wollens und Müssens abgeschlossen 
zu haben. Aber im Durchschnitt bestimmt die Erkenntnis des Menschen, 
von welcher Art sie auch sei, sein Tun und Lassen; deswegen auch 
nichts schrecklicher ist, als die Unwissenheit handeln zu sehen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 92
%
Es gibt zwei friedliche Gewalten: Das Recht und die 
Schicklichkeit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 93
%
Das Recht dringt auf Schuldigkeit, die Polizei aufs Geziemende. 
Das Recht ist abwägend und entscheidend, die Polizei überschauend und 
gebietend. Das Recht bezieht sich auf den einzelnen, die Polizei auf 
die Gesamtheit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 94
%
Die Geschichte der Wissenschaften ist eine große Fuge, in der die 
Stimmen der Völker nach und nach zum Vorschein kommen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 95
%
Die Geheimnisse der Lebenspfade darf und kann man nicht 
offenbaren; es gibt Steine des Anstoßes, über die ein jeder Wanderer 
stolpern muss. Der Poet aber deutet auf die Stelle hin.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 96
%
Es wäre nicht der Mühe wert, siebzig Jahre alt zu werden, wenn 
alle Weisheit der Welt Torheit wäre vor Gott.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 97
%
Das Wahre ist gottähnlich; es erscheint nicht unmittelbar, wir 
müssen es aus seinen Manifestationen erraten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 98
%
Der echte Schüler lernt aus dem Bekannten das Unbekannte 
entwickeln und nähert sich dem Meister.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 99
%
"Aber die Menschen vermögen nicht leicht, aus dem Bekannten das 
Unbekannte zu entwickeln; denn sie wissen nicht, dass ihr Verstand 
ebensolche Künste wie die Natur treibt."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 100
%
"Denn die Götter lehren uns ihr eigenstes Werk nachahmen; doch 
wissen wir nur, was wir tun, erkennen aber nicht, was wir nachahmen."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 101
%
"Alles ist gleich, alles ungleich, alles nützlich und schädlich, 
sprechend und stumm, vernünftig und unvernünftig. Und was man von 
einzelnen Dingen bekennt, widerspricht sich öfters."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 102
%
"Denn das Gesetz haben die Menschen sich selbst auferlegt, ohne 
zu wissen, über was sie Gesetze gaben; aber die Natur haben alle 
Götter geordnet."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 103
%
"Was nun die Menschen gesetzt haben, das will nicht passen, es 
mag recht oder unrecht sein; was aber die Götter setzen, das ist 
immer am Platz, recht oder unrecht."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 104
%
"Ich aber will zeigen, dass die bekannten Künste der Menschen 
natürlichen Begebenheiten gleich sind, die offenbar oder geheim 
vorgehen."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 105
%
"Von der Art ist die Weissagekunst. Sie erkennt aus dem 
Offenbaren das Verborgene, aus dem Gegenwärtigen das Zukünftige, aus 
dem Toten das Lebendige und den Sinn des Sinnlosen."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 106
%
"So erkennt der Unterrichtete immer recht die Natur des 
Menschen; und der Ununterrichtete sieht sie bald so, bald so an, und 
jeder ahmt sie nach seiner Weise nach."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 107
%
"Wenn ein Mann mit einem Weibe zusammentrifft und ein Knabe 
entsteht, so wird aus etwas Bekanntem ein Unbekanntes. Dagegen wenn 
der dunkle Geist des Knaben die deutlichen Dinge in sich aufnimmt, so 
wird er zum Mann und lernt aus dem Gegenwärtigen das Zukünftige 
erkennen."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 108
%
"Das Unsterbliche ist nicht dem sterblichen Lebenden zu 
vergleichen, und doch ist auch das bloß Lebende verständig. So weiß 
der Magen recht gut, wann er hungert und durstet."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 109
%
"So verhält sich die Wahrsagekunst zur menschlichen Natur. Und 
beide sind dem Einsichtsvollen immer recht; dem Beschränkten aber 
erscheinen sie bald so, bald so."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 110
%
"In der Schmiede erweicht man das Eisen, indem man das Feuer 
anbläst und dem Stabe seine überflüssige Nahrung nimmt; ist er aber 
rein geworden, dann schlägt man ihn und zwingt ihn, und durch die 
Nahrung eines fremden Wassers wird er wieder stark. Das widerfährt 
auch dem Menschen von seinem Lehrer."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 111
%
"Was einem angehört, wird man nicht los, und wenn man es 
wegwürfe."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 112
%
Die neueste Philosophie unserer westlichen Nachbarn gibt ein 
Zeugnis, dass der Mensch, er gebärde sich, wie er wolle, und so auch 
ganze Nationen immer wieder zum Angebornen zurückkehren. Und wie 
wollte das anders sein, da ja dieses seine Natur und Lebensweise 
bestimmt?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 113
%
Die Franzosen haben dem Materialismus entsagt und den Uranfängen 
etwas mehr Geist und Leben zuerkannt; sie haben sich vom Sensualismus 
losgemacht und den Tiefen der menschlichen Natur eine Entwicklung aus 
sich selbst eingestanden; sie lassen in ihr eine produktive Kraft 
gelten und suchen nicht alle Kunst aus Nachahmung eines gewahr 
gewordenen Äußern zu erklären. In solchen Richtungen mögen sie 
beharren!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 114
%
Eine eklektische Philosophie kann es nicht geben, wohl aber 
eklektische Philosophen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 115
%
Ein Eklektiker aber ist ein jeder, der aus dem, was ihn umgibt, 
aus dem, was sich um ihn ereignet, sich dasjenige aneignet, was 
seiner Natur gemäß ist; und in diesem Sinne gilt alles, was Bildung 
und Fortschreitung heißt, theoretisch oder praktisch genommen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 116
%
Zwei eklektische Philosophen könnten demnach die größten 
Widersacher werden, wenn sie, antagonistisch geboren, jeder von 
seiner Seite sich aus allen überlieferten Philosophien dajenige 
aneignete, was ihm gemäß wäre. Sehe man doch nur um sich her, so wird 
man immer finden, dass jeder Mensch auf diese Weise verfährt und 
deshalb nicht begreift, warum er andere nicht zu seiner Meinung 
bekehren kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 117
%
Sogar ist es selten, dass jemand im höchsten Alter sich selbst 
historisch wird, und dass ihm die Mitlebenden historisch werden, so 
dass er mit niemanden mehr kontrovertieren mag noch kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 118
%
Besieht man es genauer, so findet sich, dass dem 
Geschichtsschreiber selbst die Geschichte nicht leicht historisch 
wird; denn der jedesmalige Schreiber schreibt immer nur so, als wenn 
er damals selbst dabei gewesen wäre, nicht aber, was vormals war und 
damals bewegte. Der Chronikenschreiber selbst deutet nur mehr oder 
weniger auf die Beschränktheit, auf die Eigenheiten seiner Stadt, 
seines Klosters, wie seines Zeitalters.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 119
%
Verschiedene Sprüche der Alten, die man sich öfters zu 
wiederholen pflegt, hatten eine ganz andere Bedeutung, als man ihnen 
in späteren Zeiten geben möchte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 120
%
Das Wort: Es solle kein mit der Geometrie Unbekannter, der 
Geometrie Fremder, in die Schule des Philosophen treten, heißt nicht 
etwa: Man solle ein Mathematiker sein, um ein Weltweiser zu werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 121
%
Geometrie ist hier in ihren ersten Elementen gedacht, wie sie 
uns im Euklid vorliegt, und wie wir sie einen jeden Anfänger beginnen 
lassen. Alsdann aber ist sie die vollkommenste Vorbereitung, ja 
Einleitung in die Philosophie.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 122
%
Wenn der Knabe zu begreifen anfängt, dass einem sichtbaren 
Punkte ein unsichtbarer vorhergehen müsse, dass der nächste Weg 
zwischen zwei Punkten schon als Linie gedacht werde, ehe sie mit dem 
Bleistift aufs Papier gezogen wird, so fühlt er einen gewissen Stolz, 
ein Behagen. Und nicht mit Unrecht: Denn ihm ist die Quelle alles 
Denkens aufgeschlossen, Idee und Verwirklichtes, potentia et actu, 
ist ihm klar geworden; der Philosoph entdeckt ihm nichts Neues; dem 
Geometer war von seiner Seite der Grund alles Denkens aufgegangen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 123
%
Nehmen wir sodann das bedeutende Wort vor: Erkenne dich selbst, 
so müssen wir es nicht im asketischen Sinne auslegen. Es ist 
keineswegs die Heautognosie unserer modernen Hypochondristen, 
Humoristen und Heautontimorumenen damit gemeint; sondern es heißt 
ganz einfach: Gib einigermaßen acht auf dich selbst, nimm Notiz von 
dir selbst, damit du gewahr werdest, wie du zu deinesgleichen und der 
Welt zu stehen kommst. Hiezu bedarf es keiner psychologischen 
Quälereien: Jeder tüchtige Mensch weiß und erfährt, was es heißen 
soll; es ist ein guter Rat, der einem jeden praktisch zum größten 
Vorteil gedeiht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 124
%
Man denke sich das Große der Alten, vorzüglich der Sokratischen 
Schule, dass sie Quelle und Richtschnur alles Lebens und Tuns vor 
Augen stellt, nicht zu leerer Spekulation, sondern zu Leben und Tat 
auffordert.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 125
%
Wenn nun unser Schulunterricht immer auf das Altertum hinweist, 
das Studium der griechischen und lateinischen Sprache fördert, so 
können wir uns Glück wünschen, dass diese zu einer höhern Kultur so 
nötigen Studien niemals rückgängig werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 126
%
Der Schulmann, indem er lateinisch zu schreiben und zu sprechen 
versucht, kommt sich höher und vornehmer vor, als er sich in seinem 
Alltagsleben dünken darf.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 127
%
Denn wenn wir uns dem Altertum gegenüberstellen und es ernstlich 
in der Absicht anschauen, uns daran zu bilden, so gewinnen wir die 
Empfindung, als ob wir erst eigentlich zu Menschen würden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 128
%
Der für dichterische und bildnerische Schöpfungen empfängliche 
Geist fühlt sich dem Altertum gegenüber in den anmutigst-ideellen 
Naturzustand versetzt; und noch auf den heutigen Tag haben die 
homerischen Gesänge die Kraft, uns wenigstens für Augenblicke von der 
furchtbaren Last zu befreien, welche die Überlieferung von mehrern 
tausend Jahren auf uns gewälzt hat.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 129
%
Es gibt nur zwei wahre Religionen: Die eine, die das Heilige, 
das in und um uns wohnt, ganz formlos, die andere, die es in der 
schönsten Form anerkennt und anbetet. Alles, was dazwischen liegt, 
ist Götzendienst.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 130
%
Es ist nicht zu leugnen, dass der Geist sich durch die 
Reformation zu befreien suchte; die Aufklärung über griechisches und 
römisches Altertum brachte den Wunsch, die Sehnsucht nach einem 
freieren, anständigeren und geschmackvolleren Leben hervor. Sie wurde 
aber nicht wenig dadurch begünstigt, dass das Herz in einen gewissen 
einfachen Naturzustand zurückzukehren und die Einbildungskraft sich 
zu konzentrieren trachtete.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 131
%
Aus dem Himmel wurden auf einmal alle Heiligen vertrieben und 
von einer göttlichen Mutter mit einem zarten Kinde Sinne, Gedanken, 
Gemüt auf den Erwachsenen, sittlich Wirkenden, ungerecht Leidenden 
gerichtet, welcher später als Halbgott verklärt, als wirklicher Gott 
anerkannt und verehrt wurde.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 132
%
Er stand vor einem Hintergrunde, wo der Schöpfer das Weltall 
ausgebreitet hatte; von ihm ging eine geistige Wirkung aus, seine 
Leiden eignete man sich als Beispiel zu, und seien Verklärung war das 
Pfand für eine ewige Dauer.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 133
%
So wie der Weihrauch einer Kohle Leben erfrischt, so erfrischt 
das Gebet die Hoffnungen des Herzens.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 134
%
Ich bin überzeugt, dass die Bibel immer schöner wird, je mehr 
man sie versteht, d.h. je mehr man einsieht und anschaut, dass jedes 
Wort, das wir allgemein auffassen und im besondern auf uns anwenden, 
nach gewissen Umständen, nach Zeit und Ortsverhältnissen einen 
eignen, besondern, unmittelbar individuellen Bezug gehabt hat.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 135
%
Genau besehen, haben wir uns noch alle Tage zu reformieren und 
gegen andere zu protestieren, wenn auch nicht in religiösem Sinne.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 136
%
Wir haben das unabweichliche, täglich zu erneuernde, 
grundernstliche Bestreben: Das Wort mit dem Empfundenen, Geschauten, 
Gedachten, Erfahrenen, Imaginierten, Vernünftigen möglichst 
unmittelbar zusammentreffend zu erfassen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 137
%
Jeder prüfe sich, und er wird finden, dass dies viel schwerer 
sei, als man denken möchte; denn leider sind dem Menschen die Worte 
gewöhnlich Surrogate: Er denkt und weiß es meistenteils besser, als 
er sich ausspricht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 138
%
Verharren wir aber in dem Bestreben: Das Falsche, Ungehörige, 
Unzulängliche, was sich in uns und andern entwickeln oder 
einschleichen könnte, durch Klarheit und Redlichkeit auf das 
möglichste zu beseitigen!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 139
%
Mit den Jahren steigern sich die Prüfungen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 140
%
Wo ich aufhören muss, sittlich zu sein, habe ich keine Gewalt 
mehr.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 141
%
Zensur und Pressfreiheit werden immerfort miteinander kämpfen. 
Zensur fordert und übt der Mächtige, Pressfreiheit verlangt der 
Mindere. Jener will weder in seinen Planen noch seiner Tätigkeit 
durch vorlautes, widersprechendes Wesen gehindert, sondern gehorcht 
sein; diese wollen ihre Gründe aussprechen, den Ungehorsam zu 
legitimieren. Dieses wird man überall geltend finden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 142
%
Doch muss man auch hier bemerken, dass der Schwächere, der 
leidende Teil, gleichfalls auf seine Weise die Pressfreiheit zu 
unterdrücken sucht, und zwar in dem Falle, wenn er konspiriert und 
nicht verraten sein will.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 143
%
Man wird nie betrogen, man betrügt sich selbst.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 144
%
Wir brauchen in unserer Sprache ein Wort, das, wie Kindheit sich 
zu Kind verhält, so das Verhältnis Volkheit zum Volke ausdrückt. Der 
Erzieher muss die Kindheit hören, nicht das Kind; der Gesetzgeber und 
Regent die Volkheit, nicht das Volk. Jene spricht immer dasselbe aus, 
ist vernünftig, beständig, rein und wahr; dieses weiß niemals für 
lauter Wollen, was es will. Und in diesem Sinne soll und kann das 
Gesetz der allgemein ausgesprochene Wille der Volkheit sein, ein 
Wille, den die Menge niemals ausspricht, den aber der Verständige 
vernimmt, den der Vernünftige zu befriedigen weiß und der Gute gern 
befriedigt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 145
%
Welches Recht wir zum Regiment haben, darnach fragen wir nicht: 
Wir regieren. Ob das Volk ein Recht habe, uns abzusetzen, darum 
bekümmern wir uns nicht: Wir hüten uns nur, dass es nicht in 
Versuchung komme, es zu tun.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 146
%
Wenn man den Tod abschaffen könnte, dagegen hätten wir nichts; 
die Todesstrafen abzuschaffen, wird schwer halten. Geschieht es, so 
rufen wir sie gelegentlich wieder zurück.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 147
%
Wenn sich die Sozietät des Rechtes begibt, die Todesstrafe zu 
verfügen, so tritt die Selbsthilfe unmittelbar wieder hervor, die 
Blutrache klopft an die Türe.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 148
%
Alle Gesetze sind von Alten und Männern gemacht. Junge und 
Weiber wollen die Ausnahme, Alte die Regel.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 149
%
Der Verständige regiert nicht, aber der Verstand; nicht der 
Vernünftige, sondern die Vernunft.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 150
%
Wen jemand lobt, dem stellt er sich gleich.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 151
%
Es ist nicht genug, zu wissen, man muss auch anwenden; es ist 
nicht genug, zu wollen, man muss auch tun.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 152
%
Es gibt keine patriotische Kunst und keine patriotische 
Wissenschaft. Beide gehören, wie alles hohe Gute, der ganzen Welt an 
und können nur durch allgemeine freie Wechselwirkung aller zugleich 
Lebenden in steter Rücksicht auf das, was uns vom Vergangenen übrig 
und bekannt ist, gefördert werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 153
%
Der unschätzbare Vorteil, welchen die Ausländer gewinnen, indem 
sie unsere Literatur erst jetzt gründlich studieren, ist der, dass 
sie über die Entwicklungskrankheiten, durch die wir nun schon beinahe 
während dem Laufe des Jahrhunderts durchgehen mussten, auf einmal weg 
gehoben werden und, wenn das Glück gut ist, ganz eigentlich daran 
sich auf das wünschenswerteste ausbilden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 154
%
Wo die Franzosen des achtzehnten Jahrhunderts zerstörend sind, 
ist Wieland neckend.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 155
%
Das poetische Talent ist dem Bauer so gut gegeben wie dem 
Ritter, es kommt nur darauf an, dass jeder seinen Zustand ergreife 
und ihn nach Würden behandle.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 156
%
"Was sind Tragödien anders als versifizierte Passionen solcher 
Leute, die sich aus den äußern Dingen ich weiß nicht was machen?"
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 157
%
Yorick Sterne war der schönste Geist, der je gewirkt hat; wer 
ihn liest, fühlt sich sogleich frei und schön; sein Humor ist 
unnachahmlich, und nicht jeder Humor befreit die Seele.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 158
%
"Mäßigkeit und klarer Himmel sind Apollo und die Musen."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 159
%
"Das Gesicht ist der edelste Sinn; die andern vier belehren uns 
nur durch die Organe des Takts: Wir hören, wir fühlen, riechen und 
betasten alles durch Berührung; das Gesicht aber steht unendlich 
höher, verfeint sich über die Materie und nähert sich den Fähigkeiten 
des Geistes."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 160
%
"Setzten wir uns an die Stelle anderer Personen, so würden 
Eifersucht und Hass wegfallen, die wir so oft gegen sie empfinden; 
und setzten wir andere an unsere Stelle, so würde Stolz und 
Einbildung gar sehr abnehmen."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 161
%
"Nachdenken und Handeln verglich einer mit Rahel und Lea: Die 
eine war anmutiger, die andere fruchtbarer."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 162
%
"Nichts im Leben, außer Gesundheit und Tugend, ist 
schätzenswerter als Kenntnis und Wissen; auch ist nichts so leicht zu 
erreichen und so wohlfeil zu erhandeln: Die ganze Arbeit ist 
Ruhigsein und die Ausgabe Zeit, die wir nicht retten, ohne sie 
auszugeben."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 163
%
"Könnte man Zeit wie bares Geld beiseite legen, ohne sie zu 
benutzen, so wäre dies eine Art von Entschuldigung für den Müßiggang 
der halben Welt - aber keine völlige; denn es wäre ein Haushalt, wo 
man von dem Hauptstamm lebte, ohne sich um die Interessen zu bemühen."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 164
%
"Neuere Poeten tun viel Wasser in die Tinte."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 165
%
"Unter mancherlei wunderlichen Albernheiten der Schulen kommt 
mir keine so vollkommen lächerlich vor als der Streit über die 
Echtheit alter Schriften, alter Werke. Ist es denn der Autor oder die 
Schrift, die wir bewundern oder tadeln? Es ist immer nur der Autor, 
den wir vor uns haben; was kümmern uns die Namen, wenn wir ein 
Geisteswerk auslegen?"
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 166
%
"Wer will behaupten, dass wir Virgil oder Homer vor uns haben, 
indem wir die Worte lesen, die ihm zugeschrieben werden? Aber die 
Schreiber haben wir vor uns, und was haben wir weiter nötig? Und ich 
denke fürwahr, die Gelehrten, die in dieser unwesentlichen Sache so 
genau zu Werke gehen, scheinen mir nicht weiser als ein sehr schönes 
Frauenzimmer, das mich einmal mit möglichst süßem Lächeln befragte, 
wer denn der Autor von Shakespeares Schauspielen gewesen sei."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 167
%
"Es ist besser, das geringste Ding von der Welt zu tun, als eine 
halbe Stunde für gering halten."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 168
%
"Mut und Bescheidenheit sind die unzweideutigsten Tugenden; denn 
die sind von der Art, dass Heuchelei sie nicht nachahmen kann. Auch 
haben sie die Eigenschaft gemein, sich beide durch dieselbe Farbe 
auszudrücken."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 169
%
"Unter allem Diebesgesindel sind die Narren die schlimmsten: Sie 
rauben euch beides, Zeit und Stimmung."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 170
%
Uns selbst zu achten, leitet unsre Sittlichkeit; andere zu 
schätzen, regiert unser Betragen."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 171
%
"Kunst und Wissenschaft sind Worte, die man so oft braucht und 
deren genauer Unterschied selten verstanden wird, man gebraucht oft 
eins für das andere."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 172
%
"Auch gefallen mir die Definitionen nicht, die man davon gibt. 
Verglichen fand ich irgendwo Wissenschaft mit Witz, Kunst und Humor, 
Hierin find' ich mehr Einbildungskraft als Philosophie: Es gibt uns 
wohl einen Begriff von dem Unterschied beider, aber keinen von dem 
Eigentümlichen einer jeden."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 173
%
"Ich denke, Wissenschaft könnte man die Kenntnis des Allgemeinen 
nennen, das abgezogene Wissen, Kunst dagegen wäre Wissenschaft zur 
Tat verwendet; Wissenschaft wäre Vernunft und Kunst ihr Mechanismus, 
deshalb man sie auch praktische Wissenschaft nennen könnte. Und so 
wäre denn endlich Wissenschaft das Theorem, Kunst das Problem."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 174
%
"Vielleicht wird man mir einwenden: Man hält die Poesie für 
Kunst, und doch ist sie nicht mechanisch. Aber ich leugne, dass sie 
eine Kunst sei; auch ist sie keine Wissenschaft. Künste und 
Wissenschaften erreicht man durch Denken, Poesie nicht; denn diese 
ist Eingebung: Sie war in der Seele empfangen, als sie sich zuerst 
regte. Man sollte sie weder Kunst noch Wissenschaft nennen, sondern 
Genius."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 175
%
Auch jetzt im Augenblick sollte jeder Gebildete Sternes Werke 
wieder zur Hand nehmen, damit auch das neunzehnte Jahrhundert 
erführe, was wir ihm schuldig sind, und einsähe, was wir ihm schuldig 
werden können.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 176
%
In dem Erfolg der Literaturen wird das frühere Wirksame 
verdunkelt, und das daraus entsprungene Gewirkte nimmt überhand; 
deswegen man wohl tut, von Zeit zu Zeit wieder zurückzublicken. Was 
an uns Original ist, wird am besten erhalten und belebt, wenn wir 
unsre Altvordern nicht aus den Augen verlieren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 177
%
Möge das Studium der griechischen und römischen Literatur 
immerfort die Basis der höhern Bildung bleiben!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 178
%
Chinesische, indische, ägyptische Altertümer sind immer nur 
Kuriositäten: Es ist sehr wohl getan, sich und die Welt damit bekannt 
zu machen; zu sittlicher und ästhetischer Bildung aber werden sie uns 
wenig fruchten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 179
%
Der Deutsche läuft keine größere Gefahr, als sich mit und an 
seinen Nachbarn zu steigern; es ist vielleicht keine Nation 
geeigneter, sich aus sich selbst zu entwickeln, deswegen es ihr zum 
größten Vorteil gereichte, dass die Außenwelt von ihr so spät Notiz 
nahm.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 180
%
Sehen wir unsre Literatur über ein halbes Jahrhundert zurück, so 
finden wir, dass nichts um der Fremden willen geschehen ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 181
%
Das Friedrich der Große aber gar nichts von ihnen wissen wollte, 
das verdross die Deutschen doch, und sie taten das Mögliche, als 
etwas vor ihm zu erscheinen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 182
%
Jetzt, da sich eine Weltliteratur einleitet, hat, genau besehen, 
der Deutsche am meisten zu verlieren; er wird wohl tun, dieser 
Warnung nachzudenken.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 183
%
Auch einsichtige Menschen bemerken nicht, dass sie dasjenige 
erklären wollen, was Grunderfahrungen sind, bei denen man sich 
beruhigen müsste.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 184
%
Doch mag dies auch vorteilhaft sein, sonst unterließe man das 
Forschen allzu früh.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 185
%
Wer sich von nun an nicht auf eine Kunst oder Handwerk legt, der 
wird übel dran sein. Das Wissen fördert nicht mehr bei dem schnellen 
Umtriebe der Welt; bis man von allem Notiz genommen hat, verliert man 
sich selbst.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 186
%
Eine allgemeine Ausbildung dringt uns jetzt die Welt ohnehin 
auf, wir brauchen uns deshalb darum nicht weiter zu bemühen; das 
Besondere müssen wir uns zueignen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 187
%
Die größten Schwierigkeiten liegen da, wo wir sie nicht suchen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 188
%
Lorenz Sterne war geboren 1713, starb 1768. Um ihn zu begreifen, 
darf man die sittliche und kirchliche Bildung seiner Zeit nicht 
unbeachtet lassen; dabei hat man wohl zu bedenken, dass er 
Lebensgenosse Warburtons gewesen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 189
%
Eine freie Seele, wie die seine, kommt in Gefahr, frech zu 
werden, wenn nicht ein edles Wohlwollen das sittliche Gleichgewicht 
herstellt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 190
%
Bei leichter Berührbarkeit entwickelte sich alles von innen bei 
ihm heraus; durch beständigen Konflikt unterschied er das Wahre vom 
Falschen, heilt am ersten fest und verhielt sich gegen das andere 
rücksichtslos.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 191
%
Er fühlte einen entschiedenen Hass gegen Ernst, weil er 
didaktisch und dogmatisch ist und gar leicht pedantisch wird, wogegen 
er den entschiedensten Abscheu hegte. Daher seine Abneigung gegen 
Terminologie.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 192
%
Bei den vielfachsten Studien und Lektüre entdeckte er überall 
das Unzulängliche und Lächerliche.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 193
%
Shandeism nennt er die Unmöglichkeit, über einen ernsten 
Gegenstand zwei Minuten zu denken.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 194
%
Dieser schnelle Wechsel von Ernst und Scherz, von Anteil und 
Gleichgültigkeit, von Leid und Freude soll in dem irländischen 
Charakter liegen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 195
%
Sagazität und Penetration sind bei ihm grenzenlos.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 196
%
Seine Heiterkeit, Genügsamkeit, Duldsamkeit auf der Reise, wo 
diese Eigenschaften am meisten geprüft werden, finden nicht leicht 
ihresgleichen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 197
%
So sehr uns der Anblick einer freien Seele dieser Art ergötzt, 
ebenso sehr werden wir gerade in diesem Fall erinnert, dass wir von 
allem dem, wenigstens von dem meisten, was uns entzückt, nichts in 
uns aufnehmen dürfen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 198
%
Das Element der Lüsternheit, in dem er sich so zierlich und 
sinnig benimmt, würde vielen andern zum Verderben gereichen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 199
%
Das Verhältnis zu seiner Frau wie zur Welt ist betrachtenswert. 
"Ich habe mein Elend nicht wie ein weiser Mann benutzt", sagt er 
irgendwo.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 200
%
Er scherzt gar anmutig über die Widersprüche, die seinen Zustand 
zweideutig machen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 201
%
"Ich kann das Predigen nicht vertragen; ich glaube, ich habe in 
meiner Jugend mich daran übergessen."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 202
%
Er ist in nichts ein Muster und in allem ein Andeuter und 
Erwecker.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 203
%
"Unser Anteil an öffentlichen Angelegenheiten ist meist nur 
Philisterei."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 204
%
"Nichts ist höher zu schätzen als der Wert des Tages."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 205
%
"Pereant, qui ante nos nostra dixerunt!"
So wunderlich könnte nur derjenige sprechen, der sich einbildete, ein 
Autochthon zu sein. Wer sich's zur Ehre hält, von vernünftigen 
Vorfahren abzustammen, wird ihnen doch wenigstens ebensoviel 
Menschensinn zugestehen als sich selbst.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 206
%
Die originalsten Autoren der neuesten Zeit sind es nicht 
deswegen, weil sie etwas Neues hervorbringen, sondern allein, weil 
sie fähig sind, dergleichen Dinge zu sagen, als wenn sie vorher 
niemals wären gesagt gewesen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 207
%
Daher ist das schönste Zeichen der Originalität, wenn man einen 
empfangenen Gedanken dergestalt fruchtbar zu entwickeln weiß, dass 
niemand leicht, wie viel in ihm verborgen liege, gefunden hätte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 208
%
Viele Gedanken heben sich erst aus der allgemeinen Kultur 
hervor, wie die Blüten aus den grünen Zweigen. Zur Rosenzeit sieht 
man Rosen überall blühen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 209
%
Eigentlich kommt alles auf die Gesinnungen an: Wo diese sind, 
treten auch die Gedanken hervor, und nach dem sie sind, sind auch die 
Gedanken.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 210
%
"Nichts wird leicht ganz unparteiisch wieder dargestellt. Man 
könnte sagen, hievon mache der Spiegel eine Ausnahme, und doch sehen 
wir unser Angesicht niemals ganz richtig darin; ja, der Spiegel kehrt 
unsre Gestalt um und macht unsre linke Hand zur rechten. Dies mag ein 
Bild sein für alle Betrachtungen über uns selbst."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 211
%
"Im Frühling und Herbst denkt man nicht leicht ans Kaminfeuer; 
und doch geschieht es, dass, wenn wir zufällig an einem vorbeigehen, 
wir das Gefühl, das es mitteilt, so angenehm finden, dass wir ihm 
wohl nachhängen mögen. Dies möchte mit jeder Versuchung analog sein."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 212
%
"Sei nicht ungeduldig, wenn man deine Argumente nicht gelten 
lässt."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 213
%
Wer lange in bedeutenden Verhältnissen lebt, dem begegnet 
freilich nicht alles, was dem Menschen begegnen kann; aber doch das 
Analoge und vielleicht einiges, was ohne Beispiel war.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 214
%
Wenn der Mensch alles leisten soll, was man von ihm fordert, so 
muss er sich für mehr halten, als er ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 215
%
Solange das nicht ins Absurde geht, erträgt man's auch gern.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 216
%
Die Arbeit macht den Gesellen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 217
%
Gewisse Bücher scheinen geschrieben zu sein, nicht damit man 
daraus lerne, sondern damit man wisse, dass der Verfasser etwas 
gewusst hat.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 218
%
Sie peitschen den Quark, ob nicht etwa Creme daraus werden wolle.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 219
%
Es ist weit eher möglich, sich in den Zustand eines Gehirns zu 
versetzen, das im entschiedensten Irrtum befangen ist, als eines, das 
Halbwahrheiten sich vorspiegelt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 220
%
Die Lust der Deutschen am Unsichern in den Künsten kommt aus der 
Pfuscherei her: Denn wer pfuscht, darf das Recht nicht gelten lassen, 
sonst wäre er gar nichts.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 221
%
Es ist traurig, anzusehen, wie ein außerordentlicher Mensch sich 
gar oft mit sich selbst, seinen Umständen, seiner Zeit herumwürgt, 
ohne auf einen grünen Zweig zu kommen. Trauriges Beispiel Bürger.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 222
%
Die größte Achtung, die ein Autor für sein Publikum haben kann, 
ist, dass er niemals bringt, was man erwartet, sondern was er selbst 
auf der jedesmaligen Stufe eigner und fremder Bildung für recht und 
nützlich hält.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 223
%
Die Weisheit ist nur in der Wahrheit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 224
%
Wenn ich irre, kann es jeder bemerken, wenn ich lüge, nicht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 225
%
Der Deutsche hat Freiheit der Gesinnung, und daher merkt er 
nicht, wenn es ihm an Geschmacks- und Geistesfreiheit fehlt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 226
%
Ist denn die Welt nicht schon voller Rätsel genug, dass man die 
einfachsten Erscheinungen auch noch zu Rätseln machen soll?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 227
%
"Das kleinste Haar wirft seinen Schatten."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 228
%
Was ich in meinem Leben durch falsche Tendenzen versucht habe zu 
tun, hab' ich denn doch zuletzt gelernt begreifen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 229
%
Die Freigebigkeit erwirbt einem jeden Gunst, vorzüglich wenn sie 
von Demut begleitet wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 230
%
Vor dem Gewitter erhebt sich zum letzten Male der Staub 
gewaltsam, der nun bald für lange getilgt sein soll.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 231
%
Die Menschen kennen einander nicht leicht, selbst mit dem besten 
Willen und Vorsatz; nun tritt noch der böse Wille hinzu, der alles 
entstellt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 232
%
Man würde einander besser kennen, wenn sich nicht immer einer 
dem andern gleichstellen wollte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 233
%
Ausgezeichnete Personen sind daher übler dran als andere: Da man 
sich mit ihnen nicht vergleicht, passt man ihnen auf.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 234
%
In der Welt kommt's nicht drauf an, dass man die Menschen kenne, 
sondern dass man im Augenblick klüger sei als der vor uns Stehende. 
Alle Jahrmärkte und Marktschreier geben Zeugnis.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 235
%
Nicht überall, wo Wasser ist, sind Frösche; aber wo man Frösche 
hört, ist Wasser.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 236
%
Wer fremde Sprachen nicht kennt, weiß nichts von seiner eigenen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 237
%
Der Irrtum ist recht gut, solange wir jung sind; man muss ihn 
nur nicht mit ins Alter schleppen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 238
%
Alle Travers, die veralten, sind unnützes, ranziges Zeug.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 239
%
Durch die despotische Unvernunft des Kardinals Richelieu war 
Corneille an sich selbst irregeworden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 240
%
Die Natur gerät auf Spezifikationen wie in eine Sackgasse: Sie 
kann nicht durch und mag nicht wieder zurück, daher die 
Hartnäckigkeit der Nationalbildung.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 241
%
Metamorphose im höhern Sinn durch Nehmen und Geben, Gewinnen und 
Verlieren hat schon Dante trefflich geschildert.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 242
%
Jeder hat etwas in seiner Natur, das, wenn er es öffentlich 
ausspräche, Missfallen erregen müsste.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 243
%
Wenn der Mensch über sein Physisches oder Moralisches nachdenkt, 
findet er sich gewöhnlich krank.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 244
%
Es ist eine Forderung der Natur, dass der Mensch mitunter 
betäubt werde, ohne zu schlafen: Daher der Genuss im Tabakrauchen, 
Branntweintrinken, Opiaten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 245
%
Dem tätigen Menschen kommt es darauf an, dass er das Rechte tue; 
ob das Rechte geschehe, soll ihn nicht kümmern.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 246
%
Mancher klopft mit dem Hammer an der Wand herum und glaubt, er 
treffe jedes Mal den Nagel auf den Kopf.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 247
%
Die französischen Worte sind nicht aus geschriebenen 
lateinischen Worten entstanden, sondern aus gesprochenen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 248
%
Das Zufällig-Wirkliche, an dem wir weder ein Gesetz der Natur 
noch der Freiheit für den Augenblick entdecken, nennen wir das 
Gemeine.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 249
%
Bemalung und Punktierung der Körper ist eine Rückkehr zur 
Tierheit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 250
%
Geschichte schreiben ist eine Art, sich das Vergangene vom Halse 
zu schaffen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 251
%
Was man nicht versteht, besitzt man nicht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 252
%
Nicht jeder, dem man Prägnantes überliefert, wird produktiv; es 
fällt ihm wohl etwas ganz Bekanntes dabei ein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 253
%
Gunst als Symbol der Souveränität, von schwachen Menschen 
ausgeübt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 254
%
Es gibt nichts Gemeines, was, fratzenhaft ausgedrückt, nicht 
humoristisch aussähe.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 255
%
Es bleibt einem jeden immer noch so viel Kraft, das auszuführen, 
wovon er überzeugt ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 256
%
Das Gedächtnis mag immer schwinden, wenn das Urteil im 
Augenblick nicht fehlt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 257
%
Die so genannten Naturdichter sind frisch und neu aufgeforderte, 
aus eine rüberbildeten, stockenden, manierierten Kunstepoche 
zurückgewiesene Talente. Dem Platten können sie nicht ausweichen, man 
kann sie daher als rückschreitend ansehen; sie sind aber 
regenerierend und veranlassen neue Vorschritte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 258
%
Keine Nation gewinnt ein Urteil, als wenn sie über sich selbst 
urteilen kann. Zu diesem großen Vorteil gelangt sie aber sehr spät.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 259
%
Anstatt meinen Worten zu widersprechen, sollten sie nach meinem 
Sinne halten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 260
%
Alle Gegner einer geistreichen Sache schlagen nur in die Kohlen: 
Diese springen umher und zünden da, wo sie sonst nicht gewirkt hätten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 261
%
Die Menschen verdrießt's, dass das Wahre so einfach ist; sie 
sollten bedenken, dass sie noch Mühe genug haben, es praktisch zu 
ihrem Nutzen anzuwenden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 262
%
Ich verwünsche die, die aus dem Irrtum eine eigene Welt machen 
und doch unablässig fordern, dass der Mensch nützlich sein müsse.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 263
%
Eine Schule ist als ein einziger Mensch anzusehen, der hundert 
Jahre mit sich selbst spricht und sich in seinem eignen Wesen, und 
wenn es auch noch so albern wäre, ganz außerordentlich gefällt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 264
%
Eine falsche Lehre lässt sich nicht widerlegen, denn sie ruht ja 
auf der Überzeugung, dass das Falsche wahr sei. Aber das Gegenteil 
kann, darf und muss man wiederholt aussprechen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 265
%
Der Mensch wäre nicht der Vornehmste auf der Erde, wenn er nicht 
zu vornehm für sie wäre.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 266
%
Das längst Gefundene wird wieder verscharrt; wie bemühte sich 
Tycho, die Kometen zu regelmäßigen Körpern zu machen, wofür sie 
Seneca längst anerkannt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 267
%
Wie lange hat man über die Antipoden hin und her gestritten!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 268
%
Gewissen Geistern muss man ihre Idiotismen lassen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 269
%
Es werden jetzt Produktionen möglich, die Null sind, ohne 
schlecht zu sein: Null, weil sie keinen Gehalt haben; nicht schlecht, 
weil eine allgemeine Form guter Muster den Verfassern vorschwebt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 270
%
Der Schnee ist eine erlogene Reinlichkeit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 271
%
Wer sich vor der Idee scheut, hat auch zuletzt den Begriff nicht 
mehr.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 272
%
Unsere Meister nennen wir billig die, von denen wir immer 
lernen. Nicht ein jeder, von dem wir lernen, verdient diesen Titel.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 273
%
Alles Lyrische muss im Ganzen sehr vernünftig, im Einzelnen ein 
bisschen unvernünftig sein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 274
%
Es hat mit euch eine Beschaffenheit wie mit dem Meer, dem man 
unterschiedentliche Namen gibt, und es ist doch endlich alles 
gesalzen Wasser.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 275
%
Man sagt: Eitles Eigenlob stinket; das mag sein. Was aber 
fremder und ungerechter Tadel für einen Geruch habe, dafür hat das 
Publikum keine Nase.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 276
%
Der Roman ist eine subjektive Epopöe, in welcher der Verfasser 
sich die Erlaubnis ausbittet, die Welt nach seiner Weise zu 
behandeln. Es fragt sich also nur, ob er eine Weise habe, das andere 
wird sich schon finden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 277
%
Es gibt problematische Naturen, die keiner Lage gewachsen sind, 
in der sie sich befinden, und denen keine genugtut. Daraus entsteht 
der ungeheure Widerstreit, der das Leben ohne Genuss verzehrt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 278
%
Das eigentlich wahrhaft Gute, was wir tun, geschieht 
größtenteils clam, vi et precario.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 279
%
"Ein lustiger Gefährte ist ein Rollwagen auf der Wanderschaft."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 280
%
Der Schmutz ist glänzend, wenn die Sonne scheinen mag.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 281
%
Der Müller denkt, es wachse kein Weizen, als damit seine Mühle 
gehe.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 282
%
Es ist schwer, gegen den Augenblick gerecht sein: Der 
gleichgültige macht uns Langeweile, am guten hat man zu tragen und am 
bösen zu schleppen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 283
%
Der ist der glücklichste Mensch, der das Ende seines Lebens mit 
dem Anfang in Verbindung setzen kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 284
%
So eigensinnig widersprechend ist der Mensch: Zu seinem Vorteil 
will er keine Nötigung, zu seinem Schaden leidet er jeden Zwang.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 285
%
Die Vorsicht ist einfach, die Hinterdreinsicht vielfach.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 286
%
Ein Zustand, der alle Tage neuen Verdruss zuzieht, ist nicht der 
rechte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 287
%
Bei Unvorsichtigkeiten ist nichts gewöhnlicher, als Aussichten 
auf die Möglichkeit eines Auswegs zu suchen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 288
%
Die Hindus der Wüste geloben, keine Fische zu essen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 289
%
Es ist mit Meinungen, die man wagt, wie mit Steinen, die man 
voran im Brette bewegt: Sie können geschlagen werden, aber sie haben 
ein Spiel eingeleitet, das gewonnen wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 290
%
Es ist so gewiss als wunderbar, dass Wahrheit und Irrtum aus 
einer Quelle entstehen; deswegen man oft dem Irrtum nicht schaden 
darf, weil man zugleich der Wahrheit schadet.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 291
%
Ein unzulängliches Wahre wirkt eine Zeitlang fort, statt 
völliger Aufklärung aber tritt auf einmal ein blendendes Falsche 
herein; das genügt der Welt, und so sind Jahrhunderte betört.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 292
%
In den Wissenschaften ist es höchst verdienstlich, das 
unzulängliche Wahre, was die Alten schon besessen, aufzusuchen und 
weiter zu führen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 293
%
Die Wahrheit gehört dem Menschen, der Irrtum der Zeit an. 
Deswegen sagt man von einem außerordentlichen Manne: Le malheur des 
temps a causé son erreur, mais la force de son âme l'en a fait sortir 
avec gloire.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 294
%
Jedermann hat seine Eigenheiten und kann sie nicht los werden; 
und doch geht mancher an seinen Eigenheiten, oft an den 
unschuldigsten, zugrunde.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 295
%
Wer sich nicht zuviel dünkt, ist viel mehr, als er glaubt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 296
%
In Kunst und Wissenschaft sowie im Tun und Handeln kommt alles 
darauf an, dass die Objekte rein aufgefasst und ihrer Natur gemäß 
behandelt werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 297
%
Wenn verständige, sinnige Personen im Alter die Wissenschaft 
gering schätzen, so kommt es nur daher, dass sie von ihr und von sich 
zuviel gefordert haben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 298
%
Ich bedaure die Menschen, welche von der Vergänglichkeit der 
Dinge viel Wesens machen und sich in Betrachtung irdischer 
Nichtigkeit verlieren. Sind wir ja eben deshalb da, um das 
Vergängliche unvergänglich zu machen; das kann ja nur dadurch 
geschehen, dass man beides zu schätzen weiß.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 299
%
Man muss sein Glaubensbekenntnis von Zeit zu Zeit wiederholen, 
aussprechen, was man billigt, was man verdammt; der Gegenteil lässt's 
ja auch nicht daran fehlen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 300
%
In der jetzigen Zeit soll niemand schweigen oder nachgeben; man 
muss reden und sich rühren, nicht um zu überwinden, sondern sich auf 
seinem Posten zu erhalten, ob bei der Majorität oder Minorität, ist 
ganz gleichgültig.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 301
%
Was die Franzosen tournure nennen, ist eine zur Anmut gemilderte 
Anmaßung. Man sieht daraus, dass die Deutschen keine tournure haben 
können; ihre Anmaßung ist hart und herb, ihre Anmut mild und demütig; 
das eine schließt das andere aus und sind nicht zu verbinden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 302
%
Einen Regenbogen, der eine Viertelstunde steht, sieht man nicht 
mehr an.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 303
%
Es begegnete und geschieht mir noch, dass ein Werk bildender 
Kunst mir beim ersten Anblick missfällt, weil ich ihm nicht gewachsen 
bin; ahn' ich aber ein Verdinest daran, so such' ich ihm beizukommen, 
und dann fehlt es nicht an den erfreulichsten Entdeckungen: An den 
Dingen werd' ich neue Eigenschaften und an mir neue Fähigkeiten 
gewahr.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 304
%
Der Glaube ist ein häuslich, heimlich Kapital, wie es 
öffentliche Spar- und Hilfskassen gibt, woraus man in Tagen der Not 
einzelnen ihr Bedürfnis reicht, hier nimmt der Gläubige sich seine 
Zinsen im Stillen selbst.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 305
%
Der eigentliche Obskurantismus ist nicht, dass man die 
Ausbreitung des Wahren, Klaren, Nützlichen hindert, sondern dass man 
das Falsche in Kurs bringt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 306
%
Der Irrtum ist viel leichter zu erkennen, als die Wahrheit zu 
finden; jener liegt auf der Oberfläche, damit lässt sich wohl fertig 
werden; diese ruht in der Tiefe, danach zu forschen, ist nicht 
jedermanns Sache.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 307
%
Wir alle leben vom Vergangnen und gehen am Vergangenen zugrunde.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 308
%
Wie wir was Großes lernen sollen, flüchten wir uns gleich in 
unsere angeborne Armseligkeit und haben doch immer etwas gelernt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 309
%
Den Deutschen ist nichts daran gelegen, zusammen zu bleiben, 
aber doch für sich zu bleiben. Jeder, sei er auch welcher er wolle, 
hat so ein eignes Fürsich, das er sich nicht gern möchte nehmen 
lassen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 310
%
Die empirisch-sittliche Welt besteht größtenteils nur aus bösem 
Willen und Neid.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 311
%
Der Aberglaube ist die Poesie des Lebens; deswegen schadet's dem 
Dichter nicht, abergläubisch zu sein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 312
%
Das Leben, so gemein es aussieht, so leicht es sich mit dem 
Gewöhnlichen, Alltäglichen zu befriedigen scheint, hegt und pflegt 
doch immer gewisse höhere Forderungen im stillen fort und sieht sich 
nach Mitteln um, sie zu befriedigen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 313
%
Mit dem Vertrauen ist es eine wunderliche Sache. Hört man nur 
einen: Der kann sich irren oder sich betrügen; hört man viele: Die 
sind in demselbigen Falle, und gewöhnlich findet man da die Wahrheit 
gar nicht heraus.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 314
%
Unreine Lebensverhältnisse soll man niemand wünschen; sie sind 
aber für den, der zufällig hineingerät, Prüfsteine des Charakters und 
des Entschiedensten, was der Mensch vermag.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 315
%
Ein beschränkter, ehrlicher Mensch sieht oft die Schelmerei der 
feinsten Mächler (faiseurs) durch und durch.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 316
%
Wer keine Liebe fühlt, muss schmeicheln lernen, sonst kommt er 
nicht aus.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 317
%
Gegen die Kritik kann man sich weder schützen noch wehren; man 
muss ihr zum Trutz handeln, und das lässt sie sich nach und nach 
gefallen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 318
%
Die Menge kann tüchtige Menschen nicht entbehren, und die 
Tüchtigen sind ihnen jederzeit zur Last.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 319
%
Wer meine Fehler überträgt, ist mein Herr, und wenn's mein 
Diener wäre.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 320
%
Memoiren von oben herunter oder von unten hinauf: Sie müssen 
sich immer begegnen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 321
%
Wenn man von den Leuten Pflichten fordert und ihnen keine Rechte 
zugestehen will, muss man sie gut bezahlen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 322
%
Das so genannte Romantische einer Gegend ist ein stilles Gefühl 
des Erhabenen unter der Form der Vergangenheit oder, was gleich 
lautet, der Einsamkeit, Abwesenheit, Abgeschiedenheit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 323
%
Der herrliche Kirchengesang: Veni Creator Spiritus ist ganz 
eigentlich ein Appell ans Genie; deswegen er auch geist- und 
kraftreiche Menschen gewaltig anspricht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 324
%
Aufrichtig zu sein, kann ich versprechen, unparteiisch zu sein 
aber nicht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 325
%
Der Undank ist immer eine Art Schwäche. Ich habe nie gesehen, 
dass tüchtige Menschen wären undankbar gewesen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 326
%
Wir alle sind so borniert, dass wir immer glauben, recht zu 
haben; und so lässt sich ein außerordentlicher Geist denken, der 
nicht allein irrt, sondern sogar Lust am Irrtum hat.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 327
%
Reine mittlere Wirkung zur Vollendung des Guten und Rechten ist 
sehr selten; gewöhnlich sehen wir Pedanterie, welche zu retardieren, 
Frechheit, die zu übereilen strebt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 328
%
"Wer sich mit Wissenschaften abgibt, leidet erst durch 
Retardationen und dann durch Präokkupationen. Die erste Zeit wollen 
die Menschen dem keinen Wert zugestehen, was wir ihnen überliefern, 
und dann gebärden sie sich, als wenn ihnen alles schon bekannt wäre, 
was wir ihnen überliefern könnten."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 329
%
Wort und Bild sind Korrelate, die sich immerfort suchen, wie wir 
an Tropen und Gleichnissen genugsam gewahr werden. So von jeher, was 
dem Ohr nach innen gesagt oder gesungen war, sollte dem Auge 
gleichfalls entgegenkommen. Und so sehen wir in kindlicher Zeit in 
Gesetzbuch und Heilsordnung, in Bibel und Fibel sich Wort und Bild 
immerfort balancieren. Wenn man aussprach, was sich nicht bilden, 
bildete, was sich nicht aussprechen ließ, so war das ganz recht; aber 
man vergriff sich gar oft und sprach, statt zu bilden, und daraus 
entstanden die doppelt bösen symbolisch-mystischen Ungeheuer.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 330
%
Eine Sammlung von Anekdoten und Maximen ist für den Weltmann der 
größte Schatz, wenn er die ersten an schicklichen Orten ins Gespräch 
einzustreuen, der letzten im treffenden Falle sich zu erinnern weiß.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 331
%
Wo der Anteil sich verliert, verliert sich auch das Gedächtnis.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 332
%
Die Welt ist eine Glocke, die einen Riss hat: Sie klappert, aber 
klingt nicht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 333
%
Die Zudringlichkeit junger Dilettanten muss man mit Wohlwollen 
ertragen; sie werden im Alter die wahrsten Verehrer der Kunst und des 
Meisters.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 334
%
Wenn die Menschen recht schlecht werden, haben sie keinen Anteil 
mehr als die Schadenfreude.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 335
%
Gescheite Leute sind immer das beste Konversationslexikon.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 336
%
Es gibt Menschen, die gar nicht irren, weil sie sich nichts 
Vernünftiges vorsetzen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 337
%
Kenne ich mein Verhältnis zu mir selbst und zur Außenwelt, so 
heiß' ich's Wahrheit. Und so kann jeder seine eigene Wahrheit haben, 
und es ist doch immer dieselbige.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 338
%
Das Besondere unterliegt ewig dem Allgemeinen; das Allgemeine 
hat ewig sich dem Besondern zu fügen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 339
%
Vom eigentlichen Produktiven ist niemand Herr, und sie müssen es 
alle nur so gewähren lassen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 340
%
Die Zeit ist selbst ein Element.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 341
%
Der Mensch begreift niemals, wie anthropomorphisch er ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 342
%
Ein Unterschied, der dem Verstand nichts gibt, ist kein 
Unterschied.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 343
%
Die Verwechselung eines Konsonanten mit dem andern möchte wohl 
aus Unfähigkeit des Organs, die Verwandlung der Vokale in Diphthongen 
aus einem eingebildeten Pathos entstehen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 344
%
Man kann nicht für jedermann leben, besonders für die nicht, mit 
denen man nicht leben möchte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 345
%
Der Appell an die Nachwelt entspringt aus dem reinen lebendigen 
Gefühl, dass es ein Unvergängliches gebe und, wenn auch nicht gleich 
anerkannt, doch zuletzt aus der Minorität sich der Majorität werde zu 
erfreuen haben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 346
%
"Wenn man alle Gesetze studieren sollte, so hätte man gar keine 
Zeit, sie zu übertreten."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 347
%
Geheimnisse sind noch keine Wunder.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 348
%
"I convertiti stanno freschi appresso di me."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 349
%
Leichtsinnige, leidenschaftliche Begünstigung problematischer 
Talente war ein Fehler meiner frühern Jahre, den ich niemals ganz 
ablegen konnte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 350
%
Ich möchte gern ehrlich mit dir sein, ohne dass wir uns 
entzweiten: Das geht aber nicht. Du benimmst dich falsch und setzest 
dich zwischen zwei Stühle; Anhänger gewinnst du nicht und verlierst 
deine Freunde. Was soll daraus werden!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 351
%
Es ist ganz einerlei, vornehm oder gering sein: Das Menschliche 
muss man immer ausbaden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 352
%
Die liberalen Schriftsteller spielen jetzt ein gutes Spiel, sie 
haben das ganze Publikum zu Suppleanten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 353
%
Wenn ich von liberalen Ideen reden höre, so verwundere ich mich 
immer, wie die Menschen sich gern mit leeren Wortschällen hinhalten: 
Eine Idee darf nicht liberal sein! Kräftig sei sie, tüchtig, in sich 
selbst abgeschlossen, damit sie den göttlichen Auftrag, produktiv zu 
sein, erfülle. Noch weniger darf der Begriff liberal sein, denn der 
hat einen ganz andern Auftrag.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 354
%
Wo man die Liberalität aber suchen muss, das ist in den 
Gesinnungen, und diese sind das lebendige Gemüt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 355
%
Gesinnungen aber sind selten liberal, weil die Gesinnung 
unmittelbar aus der Person, ihren nächsten Beziehungen und 
Bedürfnissen hervorgeht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 356
%
Weiter schreiben wir nicht; an diesem Maßstab halte man, was man 
tagtäglich hört!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 357
%
Es sind immer nur unsere Augen, unsere Vorstellungsarten; die 
Natur weiß ganz allein, was sie will, was sie gewollt hat.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 358
%
   "Gib mir! Wo ich stehe!"
            Archimedes.
         "Nimm dir, wo du stehest!"
            Nose.
         "Behaupte, wo du stehst!"
            G.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 359
%
Allgemeines Kausalverhältnis, das der Beobachter aufsucht und 
ähnliche Erscheinungen einer allgemeinen Ursache zuschreibt; an die 
nächste wird selten gedacht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 360
%
"Einem Klugen widerfährt keine geringe Torheit."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 361
%
Bei jedem Kunstwerk, groß und klein, bis ins kleinste kommt 
alles auf die Konzeption an.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 362
%
Es gibt eine Poesie ohne Tropen, die ein einziger Tropus ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 363
%
Ein alter gutmütiger Examinator sagte einem Schüler ins Ohr:
            Etiam nihil didicisti,
und lässt ihn für gut hingehen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 364
%
Das Fürtreffliche ist unergründlich, man mag damit anfangen, was 
man will.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 365
%
"Aemilium Paullum - virum in tantum laudandum, in quantum 
intelligi virtus potest."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 366
%
Ich habe mich so lange ums Allgemeine bemüht, bis ich einsehen 
lernte, was vorzügliche Menschen im Besondern leisten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 367
%
Indem ich mich zeither mit der Lebensgeschichte wenig und viel 
bedeutender Menschen anhaltender beschäftigte, kam ich auf den 
Gedanken, es möchten sich wohl die einen in dem Weltgewebe als 
Zettel, die andern als Einschlag betrachten lassen; jene gäben 
eigentlich die Breite des Gewebes an, diese dessen Halt, Festigkeit, 
vielleicht auch mit Zutat irgendeines Gebildes. Die Schere der Parze 
hingegen bestimmt die Länge, dem sich denn das übrige alles zusammen 
unterwerfen muss. Weiter wollen wir das Gleichnis nicht verfolgen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 368
%
Auch Bücher haben ihr Erlebtes, das ihnen nicht entzogen werden 
kann.
     Wer nie sein Brot mit Tränen aß,
     Wer nicht die kummervollen Nächte
     Auf seinem Bette weinend saß,
     Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte.
Diese tiefschmerzlichen Zeilen wiederholte sich eine höchst 
vollkommene angebetete Königin in der grausamsten Verbannung, zu 
grenzenlosem Elend verwiesen. Sie befreudete sich mit dem Buche, das 
diese Worte und noch manche schmerzliche Erfahrung überliefert, und 
zog daraus einen peinlichen Trost; wer dürfte diese schon in die 
Ewigkeit sich erstreckende Wirkung wohl jemals verkümmern?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 369
%
Mit dem größten Entzücken sieht man im Apollosaal der Villa 
Aldobrandini zu Frascati, auf welche glückliche Weise Domenichin die 
Ovidischen Metamorphosen mit der schicklichsten Örtlichkeit umgibt; 
dabei nun erinnert man sich gern, dass die glücklichsten Ereignisse 
doppelt selig empfunden werden, wenn sie uns in herrlicher Gegen 
gegönnt waren, ja dass gleichgültige Momente durch würdige Lokalität 
zu hoher Bedeutung gesteigert wurden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 370
%
Mannräuschlein nannte man im siebzehnten Jahrhundert gar 
ausdrucksvoll die Geliebte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 371
%
Liebes gewaschenes Seelchen ist der verliebteste Ausdruck auf 
Hiddensee.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 372
%
Das Wahre ist eine Fackel, aber eine ungeheure; deswegen suchen 
wir alle nur blinzend so daran vorbeizukommen, in Furcht sogar, uns 
zu verbrennen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 373
%
"Die Klugen haben miteinander viel gemein." Äschylus.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 374
%
Das eigentlich Unverständige sonst verständiger Menschen ist, 
dass sie nicht zurechtzulegen wissen, was ein anderer sagt, aber 
nicht gerade trifft, wie er's hätte sagen sollen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 375
%
Ein jeder, weil er spricht, glaubt auch über die Sprache 
sprechen zu können.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 376
%
Man darf nur alt werden, um milder zu sein; ich sehe kein Fehler 
begehen, den ich nicht auch begangen hätte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 377
%
Der Handelnde ist immer gewissenlos; es hat niemand Gewissen als 
der Betrachtende.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 378
%
Ob denn die Glücklichen glauben, dass der Unglückliche wie ein 
Gladiator mit Anstand vor ihnen umkommen solle, wie der römische 
Pöbel zu fordern pflegte?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 379
%
Den Timon fragte jemand wegen des Unterrichts seiner Kinder. 
Lasst sie, sagte der, unterrichten in dem, was sie niemals begreifen 
werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 380
%
Es gibt Personen, denen ich wohl will und wünsche, ihnen besser 
wollen zu können.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 381
%
"Der eine Bruder brach Töpfe, der andere Krüge." Verderbliche 
Wirtschaft!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 382
%
Wie man aus Gewohnheit nach einer abgelaufenen Uhr hinsieht, als 
wenn sie noch ginge, so blickt man auch wohl einer Schönen ins 
Gesicht, als wenn sie noch liebte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 383
%
Der Hass ist ein aktives Missvergnügen, der Neid ein passives; 
deshalb darf man sich nicht wundern, wenn der Neid so schnell in Hass 
übergeht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 384
%
Der Rhythmus hat etwas Zauberisches, sogar macht er uns glauben, 
das Erhabene gehöre uns an.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 385
%
Dilettantismus, ernstlich behandelt, und Wissenschaft, 
mechanisch betrieben, werden Pedanterei.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 386
%
Die Kunst kann niemand fördern als der Meister. Gönner fördern 
den Künstler, das ist recht und gut; aber dadurch wird nicht immer 
die Kunst gefördert.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 387
%
"Deutlichkeit ist eine gehörige Verteilung von Licht und 
Schatten." Hamann. Hört!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 388
%
Shakespeare ist reich an wundersamen Tropen, die aus 
personifizierten Begriffen entstehen und uns gar nicht kleiden 
würden, bei ihm aber völlig am Platze sind, weil zu seiner Zeit alle 
Kunst von der Allegorie beherrscht wurde.
Auch findet derselbe Gleichnisse, wo wir sie nicht hernehmen 
würden, z.B. vom Buche. Die Druckerkunst war schon über hundert Jahre 
erfunden; demohngeachtet erschien ein Buch noch als ein Heiliges, wie 
wir aus dem damaligen Einbande sehen, und so war es dem edlen Dichter 
lieb und ehrenwert; wir aber broschieren jetzt alles und haben nicht 
leicht vor dem Einbande noch seinem Inhalte Respekt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 389
%
"Herr von Schweinichen" ist ein merkwürdiges Gesichts- und 
Sittenbuch; für die Mühe, die es kostet, es zu lesen, finden wir uns 
reichlich belohnt; es wird für gewisse Zustände eine Symbolik der 
vollkommensten Art. Es ist kein Lesebuch, aber man muss es gelesen 
haben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 390
%
Der törigste von allen Irrtümern ist, wenn junge gute Köpfe 
glauben, ihre Originalität zu verlieren, indem sie das Wahre 
anerkennen, was von andern schon anerkannt worden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 391
%
Die Gelehrten sind meist gehässig, wenn sie widerlegen; einen 
Irrenden sehen sie gleich als ihren Todfeind an.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 392
%
Die Schönheit kann nie über sich selbst deutlich werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 393
%
Sobald man der subjektiven oder so genannten sentimentalen 
Poesie mit der objektiven, darstellenden, gleiche Rechte verlieh, wie 
es denn auch wohl nicht anders sein konnte, weil man sonst die 
moderne Poesie ganz hätte ablehnen müssen, so war vorauszusehen, 
dass, wenn auch wahrhafte poetische Genies geboren werden sollten, 
sie doch immer mehr das Gemütliche des innern Lebens als das 
Allgemeine des großen Weltlebens darstellen würden. Dieses ist nun in 
dem Grade eingetroffen, dass es eine Poesie ohne Tropen gibt, der man 
doch keineswegs allen Beifall versagen kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 394
%
Madame Roland, auf dem Blutgerüste, verlangte Schreibzeug, um 
die ganz besondern Gedanken aufzuschreiben, die ihr auf dem letzten 
Wege vorgeschwebt. Schade, dass man ihr's versagte; denn am Ende des 
Lebens gehen dem gefassten Geiste Gedanken auf, bisher undenkbare; 
sie sind wie selige Dämonen, die sich auf den Gipfeln der 
Vergangenheit glänzend niederlassen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 395
%
Man sagt sich oft im Leben, dass man die Vielgeschäftigkeit, 
Polypragmosyne, vermeiden, besonders je älter man wird, sich desto 
weniger in ein neues Geschäft einlassen solle. Aber man hat gut 
reden, gut sich und andern raten. Älter werden heißt selbst ein neues 
Geschäft antreten; alle Verhältnisse verändern sich, und man muss 
entweder zu handeln ganz aufhören oder mit willen und Bewusstsein das 
neue Rollenfach übernehmen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 396
%
Große Talente sind selten, und selten ist es, dass sie sich 
selbst erkennen; nun aber hat kräftiges, unbewusstes Handeln und 
Sinnen so höchst erfreuliche als unerfreuliche Folgen, und in solchem 
Konflikt schwindet ein bedeutendes Leben vorüber. Hievon ergeben sich 
in Medwins "Unterhaltungen" so merkwürdige als traurige Beispiele.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 397
%
Vom Absoluten in theoretischem Sinne wag' ich nicht zu reden; 
behaupten aber darf ich, dass, wer es in der Erscheinung anerkannt 
und immer im Auge behalten hat, sehr großen Gewinn davon erfahren 
wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 398
%
In der Idee leben heißt das Unmögliche behandeln, als wenn es 
möglich wäre. Mit dem Charakter hat es dieselbe Bewandtnis: Treffen 
beide zusammen, so entstehen Ereignisse, worüber die Welt vom 
Erstaunen sich Jahrtausende nicht erholen kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 399
%
Napoleon, der ganz in der Idee lebte, konnte sie doch im 
Bewusstsein nicht erfassen; er leugnet alles Ideelle durchaus und 
spricht ihm jede Wirklichkeit ab, indessen er eifrig es zu 
verwirklichen trachtet. Einen solchen innern perpetuierlichen 
Widerspruch kann aber sein klarer, unbestechlicher Verstand nicht 
ertragen, und es ist höchst wichtig, wenn er, gleichsam genötigt, 
sich darüber gar eigen und anmutig ausdrückt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 400
%
Er betrachtet die Idee als ein geistiges Wesen, das zwar keine 
Realität hat, aber, wenn es verfliegt, ein Residuum (Caput mortuum) 
zurücklässt, dem wir die Wirklichkeit nicht ganz absprechen können. 
Wenn dieses uns auch starr und materiell genug scheinen mag, so 
spricht er sich ganz anders aus, wenn er von den unaufhaltsamen 
Folgen seines Lebens und Treibens mit Glauben und Zutrauen die Seinen 
unterhält. Da gesteht er wohl gern, dass Leben Lebendiges 
hervorbringe, dass eine gründliche Befruchtung auf alle Zeiten hinaus 
wirke. Er gefällt sich, zu bekennen, dass er dem Weltgange eine 
frische Anregung, eine neue Richtung gegeben habe.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 401
%
Höchst bemerkenswert bleibt es immer, dass Menschen, deren 
Persönlichkeit fast ganz Idee ist, sich so äußerst vor dem 
Phantastischen scheuen. So war Hamann, dem es unerträglich schien, 
wenn von Dingen einer andern Welt gesprochen schien, wenn von Dingen 
einer andern Welt gesprochen wurde. Er drückte sich gelegentlich 
darüber in einem gewissen Paragraphen aus, den er aber, weil er ihm 
unzulänglich schien, vierzehn Mal variierte und sich doch immer 
wahrscheinlich nicht genug tat. Zwei von diesen Versuchen sind uns 
übrig geblieben; einen dritten haben wir selbst gewagt, welchen hier 
abdrucken zu lassen wir durch oben Stehendes veranlasst sind.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 402
%
Der Mensch ist als wirklich in die Mitte einer wirklichen Welt 
gesetzt und mit solchen Organen begabt, dass er das Wirkliche und 
nebenbei das Mögliche erkennen und hervorbringen kann. Alle gesunden 
Menschen haben die Überzeugung ihres Daseins und eines Daseienden um 
sie her. Indessen gibt es auch einen hohlen Fleck im Gehirn, d.h. 
eine Stelle, wo sich kein Gegenstand abspiegelt, wie denn auch im 
Auge selbst ein Fleckchen ist, das nicht sieht. Wird der Mensch auf 
diese Stelle besonders aufmerksam, vertieft er sich darin, so 
verfällt er in eine Geisteskrankheit, ahnet hier Dinge aus einer 
andern Welt, die aber eigentlich Undinge sind und weder Gestalt noch 
Begrenzung haben, sondern als leere Nachträumlichkeit ängstigen und 
den, der sich nicht losreißt, mehr als gespensterhaft verfolgen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 403
%
Literatur ist das Fragment der Fragmente; das wenigste dessen, 
was geschah und gesprochen worden, ward geschrieben; vom 
Geschriebenen ist das wenigste übrig geblieben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 404
%
Und doch bei aller Unvollständigkeit des Literarwesens finden 
wir tausendfältige Wiederholung, woraus hervorgeht, wie beschränkt 
des Menschen Geist und Schicksal sei.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 405
%
Den einzelnen Verkehrtheiten des Tags sollte man immer nur große 
weltgeschichtliche Massen entgegensetzen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 406
%
Da wir doch zu dieser allgemeinen Weltberatung als Assessoren, 
obgleich sine voto, berufen sind und wir uns von den 
Zeitungsschreibern tagtäglich referieren lassen, so ist es ein Glück, 
auch aus der Vorzeit tüchtig Referierende zu finden. Für mich sind 
von Raumer und Wachler in den neusten Tagen dergleichen geworden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 407
%
Die Frage: Wer höher steht, der Historiker oder der Dichter? 
Darf gar nicht aufgeworfen werden; sie konkurrieren nicht 
miteinander, so wenig als der Wettläufer und der Faustkämpfer. Jedem 
gebührt seine eigene Krone.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 408
%
Die Pflicht des Historikers ist zwiefach: Erst gegen sich 
selbst, dann gegen den Leser. Bei sich selbst muss er genau prüfen, 
was wohl geschehen sein könnte, und um des Lesers willen muss er 
festsetzen, was geschehen sei. Wie er mit sich selbst handelt, mag er 
mit seinen Kollegen ausmachen; das Publikum muss aber nicht ins 
Geheimnis hineinsehen, wie wenig in der Geschichte als entschieden 
ausgemacht kann angesprochen werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 409
%
Es geht uns mit Büchern wie mit neuen Bekanntschaften. Die erste 
Zeit sind wir hoch vergnügt, wenn wir im allgemeinen Übereinstimmung 
finden, wenn wir uns an irgendeiner Hauptseite unserer Existenz 
freundlich berührt fühlen; bei näherer Bekanntschaft treten alsdann 
erst die Differenzen hervor, und da ist denn die Hauptsache eines 
vernünftigen Betragens, dass man nicht, wie etwa in der Jugend 
geschieht, sogleich zurückschaudere, sondern dass man gerade das 
Übereinstimmende recht fest halte und sich über die Differenzen 
vollkommen aufkläre, ohne sich deshalb vereinigen zu wollen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 410
%
Eine solche freundlich-belehrende Unterhaltung ist mir durch 
Stiedenroths "Psychologie" geworden. Alle Wirkung des Äußern aufs 
Innere trägt er unvergleichlich vor, und wir sehen die Welt nochmals 
nach und nach in uns entstehen. Aber mit der Gegenwirkung des Innern 
nach außen gelingt es ihm nicht ebenso. Der Entelechie, die nichts 
aufnimmt, ohne sich's durch eigene Zutat anzueignen, lässt er nicht 
Gerechtigkeit widerfahren, und mit dem Genie will es auf diesem Weg 
gar nicht fort; und wenn er das Ideal aus der Erfahrung abzuleiten 
denkt und sagt, das Kind idealisiert nicht, so mag man antworten, das 
Kind zeugt nicht; denn zum Gewahrwerden des Ideellen gehört auch eine 
Pubertät. Doch genug, er bleibt uns ein werter Gesell und Gefährte 
und soll nicht von unserer Seite kommen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 411
%
Wer viel mit Kindern lebt, wird finden, dass keine äußere 
Einwirkung auf sie ohne Gegenwirkung bleibt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 412
%
Die Gegenwirkung eines vorzüglich kindlichen Wesens ist sogar 
leidenschaftlich, das Eingreifen tüchtig.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 413
%
Deshalb leben Kinder in Schnellurteilen, um nicht zu sagen in 
Vorurteilen; denn bis das schnell, aber einseitig Gefasste sich 
auslöscht, um einem Allgemeinern Platz zu machen, erfordert es Zeit. 
Hierauf zu achten, ist eine der größten Pflichten des Erziehers.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 414
%
Ein zweijähriger Knabe hatte die Geburtstagsfeier begriffen, an 
der seinigen die bescherten Gaben mit Dank und Freude sich 
zugeeignet, nicht weniger dem Bruder die seinigen bei gleichem Feste 
gegönnt.
Hiedurch veranlasst, fragte er am Weihnachtsabend, wo so viele 
Geschenke vorlagen, wann denn sein Weihnachten komme? Dies allgemeine 
Fest zu begreifen, war noch ein ganzes Jahr nötig.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 415
%
Die große Schwierigkeit bei psychologischen Reflexionen, ist, 
dass man immer das Innere und Äußere parallel oder vielmehr 
verflochten betrachten muss. Es ist immerfort Systole und Distole, 
Einatmen und Ausatmen des lebendigen Wesens; kann man es auch nicht 
aussprechen, so beobachte man es genau und merke darauf.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 416
%
Mein Verhältnis zu Schiller gründete sich auf die entschiedene 
Richtung beider auf einen Zweck, unsere gemeinsame Tätigkeit auf die 
Verschiedenheit der Mittel, wodurch wir jenen zu erreichen streben.
Bei einer zarten Differenz, die einst zwischen uns zur Sprache 
kam, und woran ich durch eine Stelle seines Briefs wieder erinnert 
werde, macht' ich folgende Betrachtungen:
Es ist ein großer Unterscheid, ob der Dichter zum Allgemeinen das 
Besondere sucht oder im Besonderen das Allgemeine schaut. Aus jener 
Art entsteht Allegorie, wo das Besondere nur als Beispiel, als 
Exempel des Allgemeinen gilt; die letztere aber ist eigentlich die 
Natur der Poesie, sie spricht ein Besonderes aus, ohne ans Allgemeine 
zu denken oder darauf hinzuweisen. Wer nun dieses Besondere lebendig 
fasst, erhält zugleich das Allgemeine mit, ohne es gewahr zu werden, 
oder erst spät.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 417
%
Eigentlich weiß man nur, wenn man wenig weiß; mit dem Wissen 
wächst der Zweifel.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 418
%
Die Irrtümer des Menschen machen ihn eigentlich liebenswürdig.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 419
%
Bonus vir semper tiro.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 420
%
Es gibt Menschen, die ihr Gleiches lieben und aufsuche, und 
wieder solche, die ihr Gegenteil lieben und diesem nachgehn.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 421
%
Wer sich von jeher erlaubt hätte, die Welt so schlecht 
anzusehen, wie uns die Widersacher darstellen, der müsste ein 
miserables Subjekt geworden sein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 422
%
Missgunst und Hass beschränken den Beobachter auf die 
Oberfläche, selbst wenn Scharfsinn sich zu ihnen gesellt; 
verschwistert sich dieser hingegen mit Wohlwollen und Liebe, so 
durchdringt er die Welt und den Menschen, ja er kann hoffen, zum 
Allerhöchsten zu gelangen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 423
%
Panoramic ability schreibt mir ein englischer Kritiker zu, wofür 
ich allerschönstens zu danken habe.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 424
%
Einem jeden wohlgesinnten Deutschen ist eine gewisse Portion 
poetischer Gabe zu wünschen als das wahre Mittel, seinen Zustand, von 
welcher Art er auch sei, mit Wert und Anmut einigermaßen zu umkleiden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 425
%
Den Stoff sieht jedermann vor sich; den Gehalt findet nur der, 
der etwas dazu zu tun hat, und die Form ist ein Geheimnis den meisten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 426
%
Die Menschen halten sich mit ihren Neigungen ans Lebendige. Die 
Jugend bildet sich wieder an der Jugend.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 427
%
Wir mögen die Welt kennen lernen, wie wir wollen, sie wird immer 
eine Tag- und eine Nachtseite behalten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 428
%
Der Irrtum wiederholt sich immerfort in der Tat; deswegen muss 
man das Wahre unermüdlich in Worten wiederholen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 429
%
Wie in Rom außer den Römern noch ein Volk von Statuen war, so 
ist außer dieser realen Welt noch eine Welt des Wahns, viel mächtiger 
beinahe, in der die meisten leben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 430
%
Die Menschen sind wie das Rote Meer: Der Stab hat sie kaum 
auseinander gehalten, gleich hinterdrein fließen sie wieder zusammen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 431
%
Pflicht des Historikers, das Wahre vom Falschen, das Gewisse vom 
Ungewissen, das Zweifelhafte vom Verwerflichen zu unterscheiden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 432
%
Eine Chronik schreibt nur derjenige, dem die Gegenwart wichtig 
ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 433
%
Die Gedanken kommen wieder, die Überzeugungen pflanzen sich 
fort; die Zustände gehen unwiederbringlich vorüber.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 434
%
"Unter allen Völkerschaften haben die Griechen den Traum des 
Lebens am schönsten geträumt."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 435
%
Übersetzer sind als geschäftige Kuppler anzusehen, die uns eine 
halb verschleierte Schöne als höchst liebenswürdig anpreisen: Sie 
erregen eine unwiderstehliche Neigung nach dem Original.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 436
%
Das Altertum setzen wir gern über uns, aber die Nachwelt nicht. 
Nur ein Vater neidet seinem Sohn nicht das Talent.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 437
%
Sich subordinieren ist überhaupt keine Kunst; aber in 
absteigender Linie, in der Deszendenz, etwas über sich erkennen, was 
unter einem steht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 438
%
Unser ganzes Kunststück besteht darin, dass wir unsere Existenz 
aufgeben, um zu existieren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 439
%
Alles, was wir treiben und tun, ist ein Abmüden; wohl dem, der 
nicht müde wird!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 440
%
"Hoffnung ist die zweite Seele der Unglücklichen."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 441
%
"L'amour es tun vrai recommenceur."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 442
%
Es gibt im Menschen auch ein Dienenwollendes; daher die 
chevalerie der Franzosen eine servage.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 443
%
"Im Theater wird durch die Belustigung des Gesichts und Gehörs 
die Reflexion sehr eingeschränkt."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 444
%
Erfahrung kann sich ins Unendliche erweitern, Theorie nicht in 
eben dem Sinne reinigen und vollkommener werden. Jener steht das 
Universum nach allen Richtungen offen; diese bleibt innerhalb der 
Grenze der menschlichen Fähigkeiten eingeschlossen. Deshalb müssen 
alle Vorstellungsarten wiederkehren, und der wunderliche Fall tritt 
ein, dass bei erweiterter Erfahrung eine bornierte Theorie wieder 
Gunst erwerben kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 445
%
Es ist immer dieselbe Welt, die der Betrachtung offen steht, die 
immerfort angeschaut oder geahnet wird, und es sind immer dieselben 
Menschen, die im Wahren oder Falschen leben, im letzten bequemer als 
im ersten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 446
%
Die Wahrheit widerspricht unserer Natur, der Irrtum nicht, und 
zwar aus einem sehr einfachen Grunde: Die Wahrheit erfordert, dass 
wir uns für beschränkt erkennen sollen; der Irrtum schmeichelt uns, 
wir seien auf ein oder die andere Weise unbegrenzt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 447
%
Es ist nun schon bald zwanzig Jahre, dass die Deutschen sämtlich 
transzendieren. Wenn sie es einmal gewahr werden, müssen sie sich 
wunderlich vorkommen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 448
%
Dass Menschen dasjenige noch zu können glauben, was sie gekonnt 
haben, ist natürlich genug; dass andere zu vermögen glauben, was sie 
nie vermochten, ist wohl seltsam, aber nicht selten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 449
%
Zu allen Zeiten sind es nur die Individuen, welche für die 
Wissenschaft gewirkt, nicht das Zeitalter. Das Zeitalter war's, das 
den Sokrates durch Gift hinrichtete; das Zeitalter, das Hussen 
verbrannte: Die Zeitalter sind sich immer gleich geblieben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 450
%
Das ist die wahre Symbolik, wo das Besondere das Allgemeinere 
repräsentiert, nicht als Traum und Schatten, sondern als lebendig 
augenblickliche Offenbarung des Unerforschlichen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 451
%
Alles Ideelle, sobald es vom Realen gefordert wird, zehrt 
endlich dieses und sich selbst auf. So der Kredit (Papiergeld) das 
Silber und sich selbst.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 452
%
Die Meisterschaft gilt oft für Egoismus.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 453
%
Sobald die guten Werke und das Verdienstliche derselben 
aufhören, sogleich tritt die Sentimentalität dafür ein, bei den 
Protestanten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 454
%
Es ist eben, als ob man es selbst vermöchte, wenn man sich guten 
Rats erholen kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 455
%
Die Wahlsprüche deuten auf das, was man nicht hat, wonach man 
strebt. Man stellt sich solches wie billig immer vor Augen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 456
%
"Wer einen Stein nicht allein erheben mag, der soll ihn auch 
selbander liegen lassen."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 457
%
Der Despotismus fördert die Autokratie eines jeden, indem er von 
oben bis unten die Verantwortlichkeit dem Individuum zumutet und so 
den höchsten Grad von Tätigkeit hervorbringt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 458
%
Alles Spinozistische in der poetischen Produktion wird in der 
Reflexion Macchiavellismus.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 459
%
Man muss seine Irrtümer teuer bezahlen, wenn man sie loswerden 
will, und dann hat man noch von Glück zu sagen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 460
%
Wenn ein deutscher Literator seine Nation vormals beherrschen 
wollte, so musste er ihr nur glauben machen, es sei einer da, der sie 
beherrschen wolle. Da waren sie gleich so verschüchtert, dass sie 
sich, von wem es auch wäre, gern beherrschen ließen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 461
%
"Nihil rerum mortalium tam instabile ac fluxum est quam potentia 
non sua vi nixa."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 462
%
"Es gibt auch Afterkünstler, Dilettanten und Spekulanten: Jene 
treiben die Kunst um des Vergnügens, diese um des Nutzens willen."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 463
%
Geselligkeit lag in meiner Natur; deswegen ich bei vielfachem 
Unternehmen mir Mitarbeiter gewann und mich ihnen zum Mitarbeiter 
bildete und so das Glück erreichte, mich in ihnen und sie in mir 
fortleben zu sehn.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 464
%
Mein ganzes inneres Wirken erwies sich als eine lebendige 
Heuristik, welche, eine unbekannte geahnete Regel anerkennend, solche 
in der Außenwelt zu finden und in die Außenwelt einzuführen trachtet.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 465
%
Es gibt eine enthusiastische Reflexion, die von dem größten Wert 
ist, wenn man sich von ihr nur nicht hinreißen lässt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 466
%
Nur in der Schule selbst ist die eigentliche Vorschule.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 467
%
Der Irrtum verhält sich gegen das Wahre wie der Schlaf gegen das 
Wachen. Ich habe gemerkt, dass man aus dem Irren sich wie erquickt 
wieder zu dem Wahren hinwende.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 468
%
Ein jeder leidet, der nicht für sich selbst handelt. Man handelt 
für andere, um mit ihnen zu genießen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 469
%
Das Fassliche gehört der Sinnlichkeit und dem Verstande. Hieran 
schließt sich das Gehörige, welches verwandt ist mit dem 
Schicklichen. Das Gehörige jedoch ist ein Verhältnis zu einer 
besondern Zeit und entschiedenen Umständen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 470
%
Eigentlich lernen wir nur von Büchern, die wir nicht beurteilen 
können. Der Autor eines Buchs, das wir beurteilen könnten, müsste von 
uns lernen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 471
%
Deshalb ist die Bibel ein ewig wirksames Buch, weil, solange die 
Welt steht, niemand auftreten und sagen wird: Ich begreife es im 
ganzen und verstehe es im einzelnen. Wir aber sagen bescheiden: Im 
ganzen ist es ehrwürdig und im einzelnen anwendbar.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 472
%
Alle Mystik ist ein Transzendieren und ein Ablösen von 
irgendeinem Gegenstande; den man hinter sich zu lassen glaubt. Je 
größer und bedeutender dasjenige war, dem man absagt, desto reicher 
sind die Produktionen des Mystikers.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 473
%
Die orientalische mystische Poesie hat deswegen den großen 
Vorzug, dass der Reichtum der Welt, den der Adepte wegweist, ihm noch 
jederzeit zu Gebote steht. Er befindet sich also noch immer mitten in 
der Fülle, die er verlässt, und schwelgt in dem, was er gern los sein 
möchte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 474
%
Christliche Mystiker sollte es gar nicht geben, da die Religion 
selbst Mysterien darbietet. Auch gehen sie immer gleich ins Abstruse, 
in den Abgrund des Subjekts.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 475
%
Ein geistreicher Mann sagte, die neuere Mystik sei die Dialektik 
des Herzens und deswegen mitunter so erstaunenswert und 
verführerisch, weil sie Dinge zur Sprache bringe, zu denen der Mensch 
auf dem gewöhnlichen Verstands-, Vernunfts- und Religionswege nicht 
gelangen würde. Wer sich Mut und Kraft glaube, sie zu studieren, ohne 
sich betäuben zu lassen, der möge sich in diese Höhle des Trophonios 
versenken, jedoch auf seine eigene Gefahr.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 476
%
Die Deutschen sollten in einem Zeitraume von dreißig Jahren das 
Wort Gemüt nicht aussprechen, dann würde nach und nach Gemüt sich 
wieder erzeugen; jetzt heißt es nur: Nachsicht mit Schwächen, eignen 
und fremden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 477
%
Die Vorurteile der Menschen beruhen auf dem jedesmaligen 
Charakter der Menschen; daher sind sie, mit dem Zustand innig 
vereinigt, ganz unüberwindlich. Weder Evidenz, noch Verstand, noch 
Vernunft haben den mindesten Einfluss darauf.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 478
%
Charaktere machen oft die Schwäche zum Gesetz. Weltkenner haben 
gesagt: "Die Klugheit ist unüberwindlich, hinter welcher sich die 
Furcht versteckt." Schwache Menschen haben oft revolutionäre 
Gesinnungen; sie meinen, es wäre ihnen wohl, wenn sie nicht regiert 
würden, und fühlen nicht, dass sie weder sich noch andere regieren 
können.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 479
%
In eben dem Falle sind die neuern deutschen Künstler: Den Zweig 
der Kunst, den sie nicht besitzen, erklären sie für schädlich und 
daher wegzuhauen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 480
%
Der Menschenverstand wird mit dem gesunden Menschen rein 
geboren, entwickelt sich aus sich selbst und offenbart sich durch ein 
entschiedenes Gewahrwerden und Anerkennen des Notwendigen und 
Nützlichen. Praktische Männer und Frauen bedienen sich dessen mit 
Sicherheit. Wo er mangelt, halten beide Geschlechter, was sie 
begehren, für notwendig, und für nützlich, was ihnen gefällt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 481
%
Alle Menschen, wie sie zur Freiheit gelangen, machen ihre Fehler 
gelten: Die Starken das Übertreiben, die Schwachen das 
Vernachlässigen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 482
%
Der Kampf des Alten, Bestehenden, Beharrenden mit Entwicklung, 
Aus- und Umbildung ist immer derselbe. Aus aller Ordnung entsteht 
zuletzt Pedanterie; um diese los zu werden, zerstört man jene, und es 
geht eine Zeit hin, bis man gewahr wird, dass man wieder Ordnung 
machen müsse. Klassizismus und Romantizismus, Innungszwang und 
Gewerbsfreiheit, Festhalten und Zersplittern des Grundbodens, es ist 
immer derselbe Konflikt, der zuletzt wieder einen neuen erzeugt. Der 
größte Verstand des Regierenden wäre daher, diesen Kampf so zu 
mäßigen, dass er ohne Untergang der eine Seite sich ins Gleiche 
stellte; dies ist aber den Menschen nicht gegeben, und Gott scheint 
es auch nicht zu wollen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 483
%
Welche Erziehungsart ist für die beste zu halten? Re: Die 
der Hydrioten. Als Insulaner und Seefahrer nehmen sie ihre Knaben 
gleich mit zu Schiffe und lassen sie im Dienste herankrabbeln. Wie 
sie etwas leisten, haben sie teil am Gewinn; und so kümmern sie sich 
schon um Handel, Tausch und Beute, und es bilden sich die tüchtigsten 
Küsten- und Seefahrer, die klügsten Handelsleute und verwegensten 
Piraten. Aus einer solchen Masse können denn freilich Helden 
hervortreten, die den verderblichen Brander mit eigener Hand an das 
Admiralschiff der feindlichen Flotte festklammern.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 484
%
Alles Vortreffliche beschränkt uns für einen Augenblick, indem 
wir uns demselben nicht gewachsen fühlen; nur insofern wir es nachher 
in unsere Kultur aufnehmen, es unsern Geists- und Gemütskräften 
aneignen, wird es uns lieb und wert.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 485
%
Kein Wunder, dass wir uns alle mehr oder weniger im 
Mittelmäßigen gefallen, weil es uns in Ruhe lässt; es gibt das 
behagliche Gefühl, als wenn man mit seinesgleichen umginge.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 486
%
Das Gemeine muss man nicht rügen, denn das bleibt sich ewig 
gleich.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 487
%
Wir können einem Widerspruch in uns selbst nicht entgehen; wir 
müssen ihn auszugleichen suchen. Wenn uns andere widersprechen, das 
geht uns nichts an, das ist ihre Sache.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 488
%
Es ist so viel gleichzeitig Tüchtiges und Treffliches auf der 
Welt; aber es berührt sich nicht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 489
%
Welche Regierung die beste sei? Diejenige, die uns lehrt, uns 
selbst zu regieren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 490
%
Dozieren kannst du, Tüchtiger, freilich nicht; es ist, wie das 
Predigen, durch unsern Zustand geboten, wahrhaft nützlich, wenn 
Konversation und Katechisation sich anschließen, wie es auch 
ursprünglich gehalten wurde. Lehren aber kannst du und wirst du, das 
ist: Wenn Tat dem Urteil, Urteil der Tat zum Leben hilft.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 491
%
Gegen die drei Einheiten ist nichts zu sagen, wenn das Sujet 
sehr einfach ist; gelegentlich aber werden drei Mal drei Einheiten, 
glücklich verschlungen, eine sehr angenehme Wirkung tun.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 492
%
Wenn die Männer sich mit den Weibern schleppen, so werden sie so 
gleichsam abgesponnen wie ein Wocken.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 493
%
Es kann wohl sein, dass der Mensch durch öffentliches und 
häusliches Geschick zuzeiten grässlich gedroschen wird; allein das 
rücksichtlose Schicksal, wenn es die reichen Garben trifft, 
zerknittert nur das Stroh; die Körner aber spüren nichts davon und 
springen lustig auf der Tenne hin und wieder, unbekümmert, ob sie zur 
Mühle, ob sie zum Saatfeld wandern.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 494
%
"Arden von Deversham", Shakespeares Jugendarbeit. Es ist der 
ganze rein-treue Ernst des Auffassens und Wiedergebens, ohne Spur von 
Rücksicht auf den Effekt, vollkommen dramatisch, ganz untheatralisch.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 495
%
Shakespeares trefflichsten Theaterstücken mangelt es hie und da 
an Fazilität; sie sind etwas mehr, als sie sein sollten, und eben 
deshalb deuten sie auf den großen Dichter.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 496
%
Die größte Wahrscheinlichkeit der Erfüllung lässt noch einen 
Zweifel zu; daher ist das Gehoffte, wenn es in die Wirklichkeit 
eintritt, jederzeit überraschend.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 497
%
"Vis superba formae." Ein schönes Wort von Johannes Secundus.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 498
%
Die Sentimentalität der Engländer ist humoristisch und zart, der 
Franzosen populär und weinerlich, der Deutschen naiv und realistisch.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 499
%
Das Absurde, mit Geschmack dargestellt, erregt Widerwillen und 
Bewunderung.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 500
%
Von der besten Gesellschaft sagte man: Ihr Gespräch ist 
unterrichtend, ihr Schweigen bildend.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 501
%
Von einem bedeutenden frauenzimmerlichen Gedichte sagte jemand, 
es habe mehr Energie als Enthusiasmus, mehr Charakter als Gehalt, 
mehr Rhetorik als Poesie und im ganzen etwas Männliches.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 502
%
Es ist nichts schrecklicher als eine tätige Unwissenheit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 503
%
Schönheit und Geist muss man entfernen, wenn man nicht ihr 
Knecht werden will.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 504
%
Der Mystizismus ist die Scholastik des Herzens, die Dialektik 
des Gefühls.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 505
%
Man schont die Alten, wie man die Kinder schont.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 506
%
Der Alte verliert eins der größten Menschenrechte: Er wird nicht 
mehr von seinesgleichen beurteilt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 507
%
Es ist mir in den Wissenschaften gegangen wie einem, der früh 
aufsteht in der Dämmerung der Morgenröte, sodann aber die Sonne 
ungeduldig erwartet und doch, wie sie hervortritt, geblendet wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 508
%
Man streitet viel und wird viel streiten über Nutzen und Schaden 
der Bibelverbreitung. Mir ist klar: Schaden wird sie, wie bisher, 
dogmatisch und phantastisch gebraucht; nutzen, wie bisher, didaktisch 
und gefühlvoll aufgenommen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 509
%
Große, von Ewigkeit her oder in der Zeit entwickelte 
ursprüngliche Kräfte wirken unaufhaltsam; ob nutzend oder schadend, 
das ist zufällig.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 510
%
Die Idee ist ewig und einzig, dass wir auch den Plural brauchen, 
ist nicht wohlgetan. Alles, was wir gewahr werden und wovon wir reden 
können, sind nur Manifestationen der Idee; Begriffe sprechen wir aus, 
und insofern ist die Idee selbst ein Begriff.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 511
%
Im Ästhetischen tut man nicht wohl, zu sagen: Die Idee des 
Schönen; dadurch vereinzelt man das Schöne, das doch einzeln nicht 
gedacht werden kann. Vom Schönen kann man einen Begriff haben, und 
dieser Begriff kann überliefert werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 512
%
Die Manifestation der Idee als des Schönen ist ebenso flüchtig 
als die Manifestation des Erhabenen, des Geistreichen, des Lustigen, 
des Lächerlichen. Dies ist die Ursache, warum so schwer darüber zu 
reden ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 513
%
Echt ästhetisch-didaktisch könnte man sein, wenn man mit seinen 
Schülern an allem Empfindungswerten vorüberginge oder es ihnen 
zubrächte im Moment, wo es kulminiert und sie höchst empfänglich 
sind. Da aber diese Forderung nicht zu erfüllen ist, so müsste der 
höchste Stolz des Kathederlehrers sein, die Begriffe so vieler 
Manifestationen in seinen Schülern dergestalt zum Leben zu bringen, 
dass sie für alles Gute, Schöne, Große, Wahre empfänglich würden, um 
es mit Freuden aufzufassen, wo es ihnen zur rechten Stunde begegnete. 
Ohne dass sie es merkten und wüssten, wäre somit die Grundidee, 
woraus alles hervorgeht, in ihnen lebendig geworden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 514
%
Wie man gebildete Menschen sieht, so findet man, dass sie nur 
für eine Manifestation des Urwesens oder doch nur für wenige 
empfänglich sind, und das ist schon genug. Das Talent entwickelt im 
Praktischen alles und braucht von den theoretischen Einzelheiten 
nicht Notiz zu nehmen: Der Musikus kann ohne seinen Schaden den 
Bildhauer ignorieren und umgekehrt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 515
%
Man soll sich alles praktisch denken und deshalb auch dahin 
trachten, dass verwandte Manifestationen der großen Idee, insofern 
sie durch Menschen zur Erscheinung kommen sollen, auf eine gehörige 
Weise ineinander wirken. Malerei, Plastik und Mimik stehen in einem 
unzertrennlichen Bezug; doch muss der Künstler, zu dem einen berufen, 
sich hüten, von dem andern beschädigt zu werden: Der Bildhauer kann 
sich vom Maler, der Maler vom Mimiker verführen lassen, und alle drei 
können einander so verwirren, dass keiner derselben auf den Füßen 
stehen bleibt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 516
%
Die mimische Tanzkunst würde eigentlich alle bildenden Künste 
zugrunde richten, und mit Recht. Glücklicherweise ist der Sinnenreiz, 
den sie bewirkt, so flüchtig, und sie muss, um zu reizen, ins 
Übertriebene gehen. Dieses schreckt die übrigen Künstler 
glücklicherweise sogleich ab; doch können sie, wenn sie klug und 
vorsichtig sind, viel dabei lernen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 517
%
Das erste und letzte, was vom Genie gefordert wird, ist 
Wahrheitsliebe.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 518
%
Wer gegen sich selbst und andere wahr ist und bleibt, besitzt 
die schönste Eigenschaft der größten Talente.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 519
%
Große Talente sind das schönste Versöhnungsmittel.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 520
%
Das Genie übt eine Art Ubiquität aus, ins Allgemeine vor, ins 
Besondere nach der Erfahrung.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 521
%
Eine tätige Skepsis: Welche unablässig bemüht ist, sich selbst 
zu überwinden und durch geregelte Erfahrung zu einer Art von 
bedingter Zuverlässigkeit zu gelangen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 522
%
Das Allgemeine eines solchen Geistes ist die Tendenz: Zu 
erforschen, ob irgendeinem Objekt irgendein Prädikat wirklich 
zukomme; und geschieht diese Untersuchung in der Absicht, das als 
geprüft Gefundene in der Praxis mit Sicherheit anwenden zu können.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 523
%
Der lebendig begabte Geist, sich in praktischer Absicht ans 
Allernächste haltend, ist das Vorzüglichste auf Erden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 524
%
"Vollkommenheit ist die Norm des Himmels; Vollkommenes wollen, 
die Norm des Menschen."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 525
%
Der Mensch ist genugsam ausgestattet zu allen wahren irdischen 
Bedürfnissen, wenn er seinen Sinnen traut und sie dergestalt 
ausbildet, dass sie des Vertrauens wert bleiben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 526
%
Die Sinne trügen nicht, das Urteil trügt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 527
%
Man leugnet dem Gesicht nicht ab, dass es die Entfernung der 
Gegenstände, die sich neben- und übereinander befinden, zu schätzen 
wisse; das Hintereinander will man nicht gleichmäßig zugestehen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 528
%
Und doch ist dem Menschen, der nicht stationär, sondern 
beweglich gedacht wird, hierin die sicherste Lehre durch Parallaxe 
verliehen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 529
%
Die Lehre von dem Gebrauch der korrespondierenden Winkel ist, 
genau besehen, darin eingeschlossen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 530
%
Das Tier wird durch seine Organe belehrt, der Mensch belehrt die 
seinigen und beherrscht sie.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 531
%
Anaxagoras lehrt, dass alle Tiere die tätige Vernunft haben, 
aber nicht die leidende, die gleichsam der Dolmetscher des Verstandes 
ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 532
%
Jüdisches Wesen. Energie der Grund von allem. Unmittelbare 
Zwecke. Keiner, auch nur der kleinste, geringste Jude, der nicht 
entschiedenes Bestreben verriete, und zwar ein irdisches, zeitliches, 
augenblickliches.
Judensprache hat etwas Pathetisches.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 533
%
Alle unmittelbare Aufforderung zum Ideellen ist bedenklich, 
besonders an die Weiblein. Wie es auch sei, umgibt sich der einzelne 
bedeutende Mann mit einem mehr oder weniger 
religios-moralisch-ästhetischen Serail.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 534
%
Jede große Idee, die als ein Evangelium in die Welt tritt, wird 
dem stockenden pedantischen Volke ein Ärgernis und einem Viel-, aber 
Leichtgebildeten eine Torheit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 535
%
Eine jede Idee tritt als ein fremder Gast in die Erscheinung, 
und wie sie sich zu realisieren beginnt, ist sie kaum von Phantasie 
und Phantasterei zu unterscheiden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 536
%
Dies ist es, was man Ideologie im guten und bösen Sinne genannt 
hat, und warum der Ideolog den lebhaft wirkenden praktischen 
Tagesmenschen so sehr zuwider war.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 537
%
Man kann die Nützlichkeit einer Idee anerkennen und doch nicht 
recht verstehen, sie vollkommen zu nutzen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 538
%
"Ich glaube einen Gott!" Dies ist ein schönes, löbliches Wort; 
aber Gott anerkennen, wo und wie er sich offenbare, das ist 
eigentlich die Seligkeit auf Erden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 539
%
Kepler sagte: "Mein höchster Wunsch ist, den Gott, den ich im 
Äußern überall finde, auch innerlich, innerhalb meiner gleichermaßen 
gewahr zu werden." Der edle Mann fühlte sich nicht bewusst, dass eben 
in dem Augenblick das Göttliche in ihm mit dem Göttlichen des 
Universums in genauester Verbindung stand.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 540
%
Den teleologischen Beweis vom Dasein Gottes hat die kritische 
Vernunft beseitigt; wir lassen es uns gefallen. Was aber nicht als 
Beweis gilt, soll uns als Gefühl gelten, und wir rufen daher von der 
Brontotheologie bis zur Niphotheologie alle dergleichen fromme 
Bemühungen wieder heran. Sollten wir im Blitz, Donner und Sturm nicht 
die Nähe einer übergewaltigen Macht, in Blütenduft und lauem 
Luftsäuseln nicht ein liebevoll sich annäherndes Wesen empfinden 
dürfen?
Frage.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 541
%
Was ist praedestinatio?
 
Antwort.
Gott ist mächtiger und weiser als wir; darum macht er es mit uns nach 
seinem Gefallen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 542
%
Apokrypha. Wichtig wäre es, das hierüber historisch schon 
Bekannte nochmals zusammenzufassen und zu zeigen, dass gerade jene 
apokryphischen Schriften, mit denen die Gemeinden schon die ersten 
Jahrhunderte unserer Ära überschwemmt wurden, und woran unser Kanon 
noch jetzt leidet, die eigentliche Ursache sind, warum das 
Christentum in keinem Momente der politischen und Kirchengeschichte 
in seiner ganzen Schönheit und Reinheit hervortreten konnte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 543
%
Das unheilbare Übel dieser religiösen Streitigkeiten besteht 
darin, dass der eine Teil auf Märchen und leere Worte das höchste 
Interesse der Menschheit zurückführen will, der andere aber es da zu 
begründen denkt, wo sich niemand beruhigt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 544
%
Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung 
sein: Sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 545
%
Glaube, Liebe, Hoffnung fühlten einst in ruhiger, geselliger 
Stunde einen plastischen Trieb in ihrer Natur: Sie befleißigten sich 
zusammen und schufen ein liebliches Gebilde, eine Pandora im höhern 
Sinne, die Geduld.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 546
%
"Ich bin über die Wurzeln des Baumes gestolpert, den ich 
gepflanzt hatte." Das muss ein alter Forstmann gewesen sein, der dies 
gesagt hat.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 547
%
"Ein schäbiges Kamel trägt immer noch die Lasten vieler Esel."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 548
%
Weiß denn der Sperling, wie's dem Storch zumute sei?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 549
%
Wo Lampen brennen, gibt's Ölflecken, wo Kerzen brennen, gibt's 
Schnuppen; die Himmelslichter allein erleuchten rein und ohne Makel.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 550
%
Wer das erste Knopfloch verfehlt, kommt mit dem Zuknöpfen nicht 
zu Rande.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 551
%
Ein gebranntes Kind scheut das Feuer, ein oft versengter Greis 
scheut sich zu wärmen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 552
%
Die gegenwärtige Welt ist nicht wert, dass wir etwas für sie 
tun: Denn die bestehende kann in dem Augenblick abscheiden. Für die 
vergangne und künftige müssen wir arbeiten; für jene, dass wir ihr 
Verdienst anerkennen, für diese, dass wir ihren Wert zu erhöhen 
suchen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 553
%
Frage sich doch jeder, mit welchem Organ er allenfalls in seine 
Zeit einwirken kann und wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 554
%
Denke nur niemand, dass man auf ihn als den Heiland gewartet 
habe.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 555
%
Charakter im Großen und Kleinen ist, dass der Mensch demjenigen 
eine stete Folge gibt, dessen er sich fähig fühlt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 556
%
Wer tätig sein will und muss, hat nur das Gehörige des 
Augenblicks zu bedenken, und so kommt er ohne Weitläufigkeit durch. 
Das ist der Vorteil der Frauen, wenn sie ihn verstehen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 557
%
Der Augenblick ist eine Art von Publikum; man muss ihn betrügen, 
dass er glaube, man tue was; dann lässt er uns gewähren und im 
geheimen fortführen, worüber seine Enkel erstaunen müssen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 558
%
Mensche, die ihre Kenntnisse an die Stelle der Einsicht setzen. 
(Junge Leute.)
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 559
%
In einigen Staaten ist infolge der erlebten heftigen Bewegungen 
fast in allen Richtungen eine gewisse Übertreibung im 
Unterrichtswesen eingetreten, dessen Schädlichkeit in der Folge 
allgemeiner eingesehen, aber jetzt schon von tüchtigen, redlichen 
Vorstehern solcher Anstalten vollkommen anerkannt ist. Treffliche 
Männer leben in einer Art von Verzweiflung, dass sie dasjenige, was 
sie amts- und vorschriftsmäßig lehren und überliefern müssen, für 
unnütz und schädlich halten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 560
%
Es ist nichts trauriger anzusehen, als das unvermittelte Streben 
ins Unbedingte in dieser durchaus bedingten Welt; es erscheint im 
Jahr 1830 vielleicht ungehöriger als je.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 561
%
Vor der Revolution war alles Bestreben, nachher verwandelte sich 
alles in Forderung.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 562
%
Ob eine Nation reif werden könne, ist eine wunderliche Frage. 
Ich beantworte sie mit Ja, wenn alle Männer als dreißigjährig geboren 
werden könnten. Da aber die Jugend vorlaut, das Alter aber kleinlaut 
ewig sein wird, so ist der eigentlich reife Mann immer zwischen 
beiden geklemmt und wird sich auf eine wunderliche Weise behelfen und 
durchhelfen müssen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 563
%
Was vonseiten der Monarchen in den Zeitungen gedruckt wird, 
nimmt sich nicht gut aus; denn die Macht soll handeln und nicht 
reden. Was die Liberalen vorbringen, lässt sich immer lesen; denn der 
Übermächtigte, weil er nicht handeln kann, mag sich wenigstens redend 
äußern. "Lasst sie singen, wenn sie nur bezahlen!", sagte Mazarin, 
als man ihm die Spottlieber auf eine neue Steuer vorlegte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 564
%
Wenn man einige Monate die Zeitungen nicht gelesen hat, und man 
liest sie alsdann zusammen, so zeigt sich erst, wie viel Zeit man mit 
diesen Papieren verdirbt. Die Welt war immer in Parteien geteilt, 
besonders ist sie es jetzt, und während jedes zweifelhaften Zustandes 
kirrt der Zeitungsschreiber eine oder die andere Partei mehr oder 
weniger und nährt die innere Neigung und Abneigung von Tag zu Tag, 
bis zuletzt Entscheidung eintritt und das Geschehene wie eine 
Gottheit angestaunt wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 565
%
Eitelkeit ist eine persönliche Ruhmsucht: Man will nicht wegen 
seiner Eigenschaften, seiner Verdienste, Taten geschätzt, geehrt, 
gesucht werden, sondern um seines individuellen Daseins willen. Am 
besten kleidet die Eitelkeit deshalb eine frivole Schöne.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 566
%
Welcher Gewinn wäre es fürs Leben, wenn man dies früher gewahr 
würde, zeitig erführe, dass man mit seiner Schönen nie besser steht, 
als wenn man seinen Rivalen lobt. Alsdann geht ihr das Herz auf, jede 
Sorge, euch zu verletzen, die Furcht, euch zu verlieren, ist 
verschwunden: Sie macht euch zum Vertrauten, und ihr überzeugt euch 
mit Freuden, dass ihr es seid, dem die Frucht des Baumes gehört, wenn 
ihr guten Humor genug habt, anderen die abfallenden Blätter zu 
überlassen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 567
%
Für die vorzüglichste Frau wird diejenige gehalten, welche ihren 
Kindern den Vater, wenn er abgeht, zu ersetzen imstande ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 568
%
Klassisch ist das Gesunde, romantisch das Kranke.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 569
%
Ovid blieb klassisch auch im Exil: Er sucht sein Unglück nicht 
in sich, sondern in seiner Entfernung von der Hauptstadt der Welt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 570
%
Das Romantische ist schon in seinen Abgrund verlaufen: Das 
Grässlichste der neueren Produktionen ist kaum noch gesunkener zu 
denken.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 571
%
Engländer und Franzosen haben uns darin überboten. Körper, die 
bei Leibesleben verfaulen und sich in detaillierter Betrachtung ihres 
Verwesens erbauen; Tote, die zum Verderben anderer am Leben bleiben 
und ihren Tod am Lebendigen ernähren - dahin sind unsere Produzenten 
gelangt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 572
%
Im Altertum spuken dergleichen Erscheinungen nur vor wie seltene 
Krankheitsfälle; bei den Neuern sind sie endemisch und epidemisch 
geworden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 573
%
Die Literatur verdirbt sich nur in dem Maße, als die Menschen 
verdorbener werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 574
%
Was ist das für eine Zeit, wo man die Begrabenen beneiden muss!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 575
%
Das Wahre, Gute und Vortreffliche ist einfach und sich immer 
gleich, wie es auch erscheine. Das Irren aber, das den Tadel 
hervorruft, ist höchst mannigfaltig, in sich selbst verschieden und 
nicht allein gegen das Gute und Wahre, sondern auch gegen sich selbst 
kämpfend, mit sich selbst im Widerspruch. Daher müssen in jeder 
Literatur die Ausdrücke des Tadels die Worte des Lobes überwiegen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 576
%
Bei den Griechen, deren Poesie und Rhetorik einfach und positiv 
war, erscheint die Billigung öfter als die Missbilligung; bei den 
Lateinern hingegen ist es umgekehrt, und je mehr sich Poesie und 
Redekunst verdirbt, desto mehr wird der Tadel wachsen und das Lob 
sich zusammenziehen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 577
%
Es gibt empirische Enthusiasten, die, obgleich mit Recht, an 
neuen guten Produkten aber mit einer Ekstase sich erweisen, als wenn 
sonst in der Welt nichts Vorzügliches zu sehen gewesen wäre.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 578
%
"Sakuntala." Hier erscheint der Dichter in seiner höchsten 
Funktion; als Repräsentant des natürlichsten Zustandes, der feinsten 
Lebensweise, des reinsten sittlichen Bestrebens, der würdigsten 
Majestät und der ernstesten Gottesverehrung wagt er sich in gemeine 
und lächerliche Gegensätze.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 579
%
"Heinrich der Vierte", von Shakespeare. Wenn alles verloren 
wäre, was je dieser Art geschrieben zu uns gekommen, so könnte man 
Poesie und Rhetorik daraus vollkommen wiederherstellen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 580
%
"Eulenspiegel." Alle Hauptspäße des Buchs beruhen darauf, dass 
alle Menschen figürlich sprechen und Eulenspiegel es eigentlich nimmt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 581
%
Mythologie = Luxe de Croyance.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 582
%
Über die wichtigsten Angelegenheiten des Gefühls wie der 
Vernunft, der Erfahrung wie des Nachdenkens soll man nur mündlich 
verhandeln. Das ausgesprochene Wort ist sogleich tot, wenn es nicht 
durch ein folgendes, dem Hörer gemäßes, am Leben erhalten wird. Man 
merke nur auf ein geselliges Gespräch! Gelangt das Wort nicht schon 
tot zu dem Hörer, so ermordet er es alsogleich durch Widerspruch, 
Bestimmen, Bedingen, Ablenken, Abspringen und wie die tausendfältigen 
Unarten des Unterhaltens auch heißen mögen. Mit dem Geschriebenen ist 
es noch schlimmer. Niemand mag lesen als das, woran er schon 
einigermaßen gewöhnt ist; das Bekannte, das Gewohnte verlangt er 
unter veränderter Form. Doch hat das Geschriebene den Vorteil, dass 
es dauert und die Zeit abwarten kann, wo ihm zu wirken gegönnt ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 583
%
Vernünftiges und Unvernünftiges haben gleichen Widerspruch zu 
erleiden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 584
%
Was man mündlich ausspricht, muss der Gegenwart, dem Augenblick 
gewidmet sein; was man schreibt, widme man der Ferne, der Folge.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 585
%
Die Dialektik ist die Ausbildung des Widerspruchsgeistes, 
welcher dem Menschen gegeben, damit er den Unterschied der Dinge 
erkennen lerne.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 586
%
Mit wahrhaft Gleichgesinnten kann man sich auf die Länge nicht 
entzweien, man findet sich immer wieder einmal zusammen; mit 
eigentlich Widergesinnten versucht man umsonst Einigkeit zu halten, 
es bricht immer wieder einmal auseinander.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 587
%
Gegner glauben uns zu widerlegen, wenn sie ihre Meinung 
wiederholen und auf die unsrige nicht achten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 588
%
Diejenigen, welche widersprechen und streiten, sollten mitunter 
bedenken, dass nicht jede Sprache jedem verständlich sei.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 589
%
Es hört doch jeder nur, was er versteht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 590
%
Ich erwarte wohl, dass mir mancher Leser widerspricht; aber er 
muss doch stehen lassen, was er schwarz auf weiß vor sich hat. Ein 
anderer stimmt vielleicht mir bei, ebendasselbe Exemplar in der Hand.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 591
%
Die wahre Liberalität ist Anerkennung.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 592
%
Die schwer zu lösende Aufgabe strebender Menschen ist, die 
Verdienste älterer Mitlebenden anzuerkennen und sich von ihren 
Mängeln nicht hindern zu lassen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 593
%
Es gibt Menschen, die auf die Mängel ihrer Freunde sinnen; dabei 
ist nichts zu gewinnen. Ich habe immer auf die Verdienste meiner 
Widersacher acht gehabt und davon Vorteil gezogen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 594
%
Es gibt viele Menschen, die sich einbilden, was sie erfahren, 
das verstünden sie auch.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 595
%
Das Publikum will wie Frauenzimmer behandelt sein: Man soll 
ihnen durchaus nichts sagen, als was sie hören möchten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 596
%
Jedem Alter des Menschen antwortet eine gewisse Philosophie. Das 
Kind erscheint als Realist; denn es findet sich so überzeugt von dem 
Dasein der Birnen und Äpfel als von dem seinigen. Der Jüngling, von 
innern Leidenschaften bestürmt, muss auf sich selbst merken, sich 
vorfühlen: Er wird zum Idealisten umgewandelt. Dagegen ein Skeptiker 
zu werden, hat der Mann alle Ursache; er tut wohl, zu zweifeln, ob 
das Mittel, das er zum Zwecke gewählt hat, auch das rechte sei. Vor 
dem Handeln, im Handeln hat er alle Ursache, den Verstand beweglich 
zu erhalten, damit er nicht nachher sich über eine falsche Wahl zu 
betrüben habe. Der Greis jedoch wird sich immer zum Mystizismus 
bekennen: Er sieht, dass so vieles vom Zufall abzuhängen scheint; das 
Unvernünftige gelingt, das Vernünftige schlägt fehl, Glück und 
Unglück stellen sich unerwartet ins gleiche; so ist es, so war es, 
und das hohe Alter beruhigt sich in dem, der da ist, der da war und 
der da sein wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 597
%
Wenn man älter wird, muss man mit Bewusstsein auf einer gewissen 
Stufe stehen bleiben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 598
%
Es ziemt sich dem Bejahrten, weder in der Denkweise noch in der 
Art, sich zu kleiden, der Mode nachzugehen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 599
%
Aber man muss wissen, wo man steht und wohin die andern wollen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 600
%
Was man Mode heißt, ist augenblickliche Überlieferung. Alle 
Überlieferung führt eine gewisse Notwendigkeit mit sich, sich ihr 
gleichzustellen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 601
%
Man hat sich lange mit der Kritik der Vernunft beschäftigt; ich 
wünschte eine Kritik des Menschenverstandes. Es wäre eine wahre 
Wohltat fürs Menschengeschlecht, wenn man dem Gemeinverstand bis zur 
Überzeugung nachweisen könnte, wie weit er reichen kann, und das ist 
gerade so viel, als er zum Erdenleben vollkommen bedarf.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 602
%
"Genau besehen, ist alle Philosophie nur der Menschenverstand im 
amphigurischer Sprache."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 603
%
Der Menschenverstand, der eigentlichst aufs Praktische 
angewiesen ist, irrt nur alsdann, wenn er sich an die Auflösung 
höherer Probleme wagt; dagegen weiß aber auch eine höhere Theorie 
sich selten in den Kreis zu finden, wo jener wirkt und west.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 604
%
Denn eben wenn man Probleme, die nur dynamisch erklärt werden 
können, beiseite schiebt, dann kommen mechanische Erklärungsarten 
wieder zur Tagesordnung.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 605
%
In Rücksicht aufs Praktische ist der unerbittliche Verstand 
Vernunft, weil der Vernunft Höchstes ist, vis-à-vis des Verstandes 
nämlich, den Verstand unerbittlich zu machen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 606
%
Alle Empiriker streben nach der Idee und können sie in der 
Mannigfaltigkeit nicht entdecken; alle Theoretiker suchen sie im 
Mannigfaltigen und können sie darinne nicht auffinden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 607
%
Beide jedoch finden sich im Leben, in der Tat, in der Kunst 
zusammen, und das ist so oft gesagt; wenige aber verstehen es zu 
nutzen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 608
%
Der denkende Mensch irrt besonders, wenn er sich nach Ursach' 
und Wirkung erkundigt: Sie beide zusammen machen das unteilbare 
Phänomen. Wer das zu erkennen weiß, ist auf dem rechten Wege zum tun, 
zur Tat.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 609
%
Das genetische Verfahren leitet uns schon auf bessere Wege, ob 
man gleich damit auch nicht ausreicht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 610
%
Alle praktische Menschen suchen sich die Welt handrecht zu 
machen; alle Denker wollen sie kopfrecht haben. Wie weit es jedem 
gelingt, mögen sie zusehen.
Die Realen
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 611
%
Was nicht geleistet wird, wird nicht verlangt.
Die Idealen
Was verlangt wird, ist nicht gleich zu leisten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 612
%
Dass man gerade nur denkt, wenn man das, worüber man denkt, 
nicht ausdenken kann!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 613
%
Es ist mit der Geschichte wie mit der Natur, wie mit allem 
Profunden, es sei vergangen, gegenwärtig oder zukünftig: Je tiefer 
man ernstlich eindringt, desto schwierigere Probleme tun sich hervor. 
Wer sich nicht fürchtet, sondern kühn darauf losgeht, fühlt sich, 
indem er weiter gedeiht, höher gebildet und behaglicher.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 614
%
Jede Erscheinung ist zugänglich wie ein planum inclinatum, das 
bequem zu ersteigen ist, wenn der hintere Teil des Keiles schroff und 
unerreichbar dasteht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 615
%
Wer sich in ein Wissen einlassen soll, muss betrogen werden oder 
sich selbst betrügen, wenn äußere Nötigungen ihn nicht 
unwiderstehlich bestimmen. Wer würde ein Arzt werden, wenn er alle 
Unbilden auf einmal vor sich sähe, die seiner warten?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 616
%
Wie viele Jahre muss man nicht tun, um nur einigermaßen zu 
wissen, was und wie es zu tun sei!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 617
%
Falsche Tendenzen sind eine Art realer Sehnsucht, immer noch 
vorteilhafter als die falsche Tendenz, die sich als ideelle Sehnsucht 
ausdrückt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 618
%
Lüsternheit: Spiel mit dem zu Genießenden. Spiel mit dem 
Genossenen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 619
%
Pflicht: Wo man liebt, was man sich selbst befiehlt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 620
%
Wir sind naturforschend Pantheisten, dichtend Polytheisten, 
sittlich Monotheisten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 621
%
Gott, wenn wir hoch stehen, ist alles; stehen wir niedrig, so 
ist er ein Supplement unsrer Armseligkeit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 622
%
Die Kreatur ist sehr schwach; denn sucht sie etwas, findet sie's 
nicht. Stark aber ist Gott; denn sucht er die Kreatur, so hat er sie 
gleich in seiner Hand.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 623
%
Glaube ist Liebe zum Unsichtbaren, Vertrauen aufs Unmögliche, 
Unwahrscheinliche.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 624
%
Das Christentum steht mit dem Judentum in einem weit stärkern 
Gegensatz als mit dem Heidentum.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 625
%
Die christliche Religion ist eine intentionierte politische 
Revolution, die, verfehlt, nachher moralisch geworden ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 626
%
Es gibt Theologen, die wollten, dass es nur einen einzigen 
Menschen in der Welt gegeben hätte, den Gott erlöst hätte; denn da 
hätte er keine Ketzer geben können.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 627
%
"Die Kirche schwächt alles, was sie anrührt."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 628
%
Die Ohrenbeichte im besten Sinne ist eine fortgesetzte 
Katechisation der Erwachsnen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 629
%
In Neuyork, sagt man, finden sich neunzig christliche Kirchen 
abweichender Konfession, und nun wird diese Stadt besonders seit 
Eröffnung des Erie-Kanals überschwänglich reich. Wahrscheinlich ist 
man der Überzeugung, dass religiose Gedanken und Gefühle, von welcher 
besondern Art sie auch seien, dem beruhigenden Sonntag angehören, 
angestrengte Tätigkeit, von frommen Gesinnungen begleitet, den 
Werkeltagen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 630
%
Wenn ein gutes Wort eine gute Statt findet, so findet ein 
frommes Wort gewiss noch eine bessere.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 631
%
Alles kommt bei der Mission darauf an, dass der rohe sinnliche 
Mensch gewahr wird, dass es eine Sitte gebe; dass der 
leidenschaftliche ungebändigte merkt, dass er Fehler begangen hat, 
die er sich selbst nicht verzeihen kann. Die erste führt zur Annahme 
zarter Maximen, das letzte auf Glauben einer Versöhnung. Alles 
Mittlere von zufällig scheinenden Übeln wird einer weisen 
unerforschlichen Führung anheim gegeben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 632
%
Der rechtliche Mensch denkt immer, er sei vornehmer und 
mächtiger, als er ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 633
%
Alle Gesetze sind Versuche, sich den Absichten der moralischen 
Weltordnung im Welt- und Lebenslaufe zu nähern.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 634
%
Es ist besser, es geschehe dir unrecht, als die Welt sei ohne 
Gesetz. Deshalb füge sich jeder dem Gesetze.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 635
%
Es ist besser, dass Ungerechtigkeiten geschehn, als dass sie auf 
eine ungerechte Weise gehoben werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 636
%
Nero hätte in den vier Jahren, die das Interregnum dauerte - so 
nenne ich die Regierungen des Galba, Otho, Vitellius -, nicht so viel 
Unheil stiften können, als nach seiner Ermordung über die Welt 
gekommen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 637
%
Wäre es Gott darum zu tun gewesen, dass die Menschen in der 
Wahrheit leben und handeln sollten, so hätte er seine Einrichtung 
anders machen müssen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 638
%
Man könnte zum Scherze sagen, der Mensch sei ganz aus Fehlern 
zusammengesetzt, wovon einige der Gesellschaft nützlich, andre 
schädlich, einige brauchbar, einige unbrauchbar gefunden werden. Von 
jenen spricht man Gutes: Nennt sie Tugenden; von diesen Böses: Nennt 
die Fehler.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 639
%
Nicht allein das Angeborene, sondern auch das Erworbene ist der 
Mensch.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 640
%
Unsre Eigenschaften müssen wir kultivieren, nicht unsre 
Eigenheiten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 641
%
Man sieht gleich, wo die zwei notwendigsten Eigenschaften 
fehlen: Geist und Gewalt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 642
%
Unsre Meinungen sind nur Supplemente unsrer Existenz. Wie einer 
denkt, daran kann man sehn, was ihm fehlt. Die leersten Menschen 
halten sehr viel auf sich, treffliche sind misstrauisch, der 
Lasterhafte ist frech, und der Gute ist ängstlich. So setzt sich 
alles ins Gleichgewicht; jeder will ganz sein oder es vor sich 
scheinen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 643
%
Historisch betrachtet, erscheint unser Gutes in mäßigem Lichte 
und unsere Mängel entschuldigen sich.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 644
%
Der liebt nicht, der die Fehler des Geliebten nicht für Tugenden 
hält.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 645
%
Man kann niemand lieben, als dessen Gegenwart man sicher ist, 
wenn man sein bedarf.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 646
%
Man kennt nur diejenigen, von denen man leidet.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 647
%
Man beobachtet niemand als die Personen, von denen man leidet. 
Um unerkannt in der Welt umherzugehen, müsste man nur niemand wehe 
tun.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 648
%
Mit jemand leben oder in jemand leben, ist ein großer 
Unterschied. Es gibt Menschen, in denen man leben kann, ohne mit 
ihnen zu leben, und umgekehrt. Beides zu verbinden, ist nur der 
reinsten Liebe und Freundschaft möglich.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 649
%
Es ist besser, man betrügt sich an seinen Freunden, als dass man 
seine Freunde betrüge.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 650
%
Wenn ein paar Menschen recht miteinander zufrieden sind, kann 
man meistens versichert sein, dass sie sich irren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 651
%
Der Wolf im Schafpelze ist weniger gefährlich als das Schaf in 
irgendeinem Pelze, wo man es für mehr als einen Schöps nimmt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 652
%
Sage nicht, dass du geben willst, sondern gib! Die Hoffnung 
befriedigst du nie.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 653
%
Man würde viel Almosen geben, wenn man Augen hätte zu sehen, was 
eine empfangende Hand für ein schönes Bild macht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 654
%
Zum Tun gehört Talent, zum Wohltun Vermögen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 655
%
Eine gefallene Schreibfeder muss man gleich aufheben, sonst wird 
sie zertreten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 656
%
Es ist keine Kunst, eine Göttin zur Hexe, eine Jungfrau zur Hure 
zu machen; aber zur umgekehrten Operation, Würde zu geben dem 
Verschmähten, wünschenswert zu machen das Verworfene, dazu gehört 
entweder Kunst oder Charakter.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 657
%
Es gibt keine Lage, die man nicht veredeln könnte durch Leisten 
oder Dulden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 658
%
Dem Verzweifelnden verzeiht man alles, dem Verarmten gibt man 
jeden Erwerb zu.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 659
%
Dummheit, seinen Feind vor dem Tode, und Niederträchtigkeit, 
nach dem Siege zu verkleinern.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 660
%
Das radikale Übel: Dass jeder gern sein möchte, was er sein 
könnte, und die übrigen nichts, ja nicht wären.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 661
%
Ein Mensch zeigt nicht eher seinen Charakter, als wenn er von 
einem großen Menschen oder irgend von etwas Außerordentlichem 
spricht. Es ist der rechte Probierstein aufs Kupfer.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 662
%
Nur solchen Menschen, die nichts hervorzubringen wissen, denen 
ist nichts da.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 663
%
Warum man doch ewige Missreden hört? Sie glauben sich alle etwas 
zu vergeben, wenn sie das kleinste verdienst anerkennen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 664
%
Vom Verdienste fordert man Bescheidenheit; aber diejenigen, die 
unbescheiden das Verdienst schmälern, werden mit Behagen angehört.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 665
%
Dem Menschen ist verhasst, was er nicht glaubt, selbst getan zu 
haben; deswegen der Parteigeist so eifrig ist. Jeder Alberne glaubt, 
ins Beste einzugreifen, und alle Welt, die nichts ist, wird zu was.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 666
%
Egoistische Kleinstädterei, die sich Zentrum deucht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 667
%
Es ist niemand fähig zu denken, dass jemand etwas konstruieren 
und protegieren möchte, als um Partei zu machen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 668
%
Im Laufe des frischen Lebens erduldet man viel, es sei nun vom 
Veralteten oder Überneuen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 669
%
Wie haben sich die Deutschen nicht gebärdet, um dasjenige 
abzuwehren, was ich allenfalls getan und geleistet habe, und tun 
sie's nicht noch? Hätten sie alles gelten lassen und wären weiter 
gegangen, hätten sie mit meinem Erwerb gewuchert, so wären sie 
weiter, wie sie sind.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 670
%
Dass die Naturforscher nicht durchaus mit mir einig werden, ist 
bei der Stellung so verschiedener Denkweisen ganz natürlich; die 
meinige werde ich gleichfalls künftig zu behaupten suchen. Aber auch 
im ästhetischen und moralischen Felde wird es Mode, gegen mich zu 
streiten und zu wirken. Ich weiß recht gut, woher und wohin, warum 
und wozu, erkläre mich aber weiter nicht darüber. Die Freunde, mit 
denen ich gelebt, für die ich gelebt, werden sich und mein Andenken 
aufrechtzuerhalten wissen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 671
%
Das Urteil können sie verwehren, aber die Wirkung nicht hindern.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 672
%
Ich bin mit allen Menschen einig, die mich zunächst angehen, und 
von den übrigen lass' ich mir nichts mehr gefallen, und da ist die 
Sache aus.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 673
%
Ich höre das ganze Jahr jedermann anders reden, als ich's meine, 
warum sollt' ich denn auch nicht einmal sagen, wie ich gesinnt bin?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 674
%
Eine nachgesprochne Wahrheit verliert schon ihre Grazie, aber 
ein nachgesprochner Irrtum ist ganz ekelhaft.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 675
%
Das Absurde, Falsche lässt sich jedermann gefallen: Denn es 
schleicht sich ein; das Wahre, Derbe nicht: Denn es schließt aus.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 676
%
Es ist ganz einerlei, ob man das Wahre oder das Falsche sagt: 
Beidem wird widersprochen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 677
%
Eine richtige Antwort ist wie ein lieblicher Kuss.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 678
%
Wer kann sagen, er erfahre was, wenn er nicht ein Erfahrender 
ist?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 679
%
Man frage nicht, ob man durchaus übereinstimmt, sondern ob man 
in einem Sinne verfährt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 680
%
Nichts Peinlicheres habe gefunden, als mit jemand in 
widerwärtigem Verhältnis zu stehen, mit dem ich übrigens aus einem 
Sinne gern gehandelt hätte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 681
%
Beim Zerstören gelten alle falschen Argumente, beim Aufbauen 
keineswegs. Was nicht wahr ist, baut nicht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 682
%
Es ist nichts furchtbarer anzuschauen als grenzenlose Tätigkeit 
ohne Fundament. Glücklich diejenigen, die im Praktischen gegründet 
sind und sich zu gründen wissen! Hiezu bedarf's aber einer ganz 
eigenen Doppelgabe.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 683
%
Es ist nichts inkonsequenter als die höchste Konsequenz, weil 
sie unnatürliche Phänomene hervorbringt, die zuletzt umschlagen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 684
%
Man geht nie weiter, als wenn man nicht mehr weiß, wohin man 
geht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 685
%
Wer sein Leben mit einem Geschäft zubringt, dessen Undankbarkeit 
er zuletzt einsieht, der hasst es und kann es doch nicht los werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 686
%
Derjenige, der's allen andern zuvortun will, betrügt sich meist 
selbst; er tut nur alles, was er kann, und bildet sich dann gefällig 
vor, das sei so viel und mehr als das, was alle können.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 687
%
Versuche, die eigne Autorität zu fundieren: Sie ist überall 
begründet, wo Meisterschaft ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 688
%
Der Tag an und für sich ist gar zu miserabel; wenn man nicht ein 
Lustrum anpackt, so gibt's keine Garbe.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 689
%
Der Tag gehört dem Irrtum und dem Fehler, die Zeitreihe dem 
Erfolg und dem Gelingen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 690
%
Wer vorsieht, ist Herr des Tags.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 691
%
Ich verwünsche das Tägliche, weil es immer absurd ist. Nur was 
wir durch mögliche Anstrengung ihm übergewinnen, lässt sich wohl 
einmal summieren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 692
%
Indes wir, dem Ungeheuren unterworfen, kaum auf- und umschauen, 
was zu tun sei und wohin wir unser Bestes von Kräften, Tätigkeiten 
hinwenden sollen, und des höchsten Enthusiasmus bedürftig sind, der 
nur nachhalten kann, wenn er nicht empirisch ist, nagen zwar keine 
Lind-, aber Lumpwürme an unsern Täglichkeiten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 693
%
Das ganze Leben besteht aus
      Wollen und Nichtvollbringen,
      Vollbringen und Nichtwollen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 694
%
Wollen und Vollbringen ist nicht der Mühe wert oder 
verdrießlich, davon zu sprechen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 695
%
Das Leben vieler Menschen besteht aus Klatschigkeiten, 
Tägigkeiten, Intrige zu momentaner Wirkung
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 696
%
Wenn die Affen es dahin bringen könnten, Langeweile zu haben, so 
können sie Menschen werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 697
%
Dem Klugen kommt das Leben leicht vor, wenn dem Toren schwer, 
und oft dem Klugen schwer, dem Toren leicht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 698
%
Es ist besser, eine Torheit pure geschehen zu lassen, als ihr 
mit einiger Vernunft nachhelfen zu wollen. Die Vernunft verliert ihre 
Kraft, indem sie sich mit der Torheit vermischt, und die Torheit ihr 
Naturell, das ihr oft forthilft.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 699
%
Mit Gedanken, die nicht aus der tätigen Natur entsprungen sind 
und nicht wieder aufs tätige Leben wohltätig hinwirken und so in 
einem mit dem jedesmaligen Lebenszustand übereinstimmenden 
mannigfaltigen Wechsel unaufhörlich entstehen und sich auflösen, ist 
der Welt wenig geholfen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 700
%
Im Idealen kommt alles auf die élans, im Realen auf die 
Beharrlichkeit an.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 701
%
Das wunderlichste im Leben ist das Vertrauen, dass andre uns 
führen werden. Haben wir's nicht, so tappen und tolpen wir unsern 
eigenen Weg hin; haben wir's, so sind wir auch, eh' wir's uns 
versehen, auf das schlechteste geführt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 702
%
Die ungeheuerste Kultur, die der Mensch sich geben kann, ist die 
Überzeugung, dass die andern nicht nach ihm fragen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 703
%
Wer hätte mit mir Geduld haben sollen, wenn ich's nicht gehabt 
hätte?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 704
%
Die Menschen glauben, dass man sich mit ihnen abgeben müsse, da 
man sich mit ihnen abgeben müsse, da man sich mit sich selbst nicht 
abgibt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 705
%
Wie viel vermag nicht die Übung! Die Zuschauer schreien, und der 
Geschlagne schweigt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 706
%
Wenn mir eine Sache missfällt, so lass' ich sie liegen oder 
mache sie besser.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 707
%
Wer in sich recht ernstlich hinabsteigt, wird sich immer nur als 
Hälfte finden; er fasse nachher ein Mädchen oder eine Welt, um sich 
zum Ganzen zu konstituieren, das ist einerlei.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 708
%
Der Tiger, der dem Hirsch begreiflich machen will, wie köstlich 
es ist, Blut zu schlürfen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 709
%
Gesunde Menschen sind die, in deren Leibes- und 
Geistesorganisation jeder Teil eine vita propria hat.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 710
%
Wenn weise Männer nicht irrten, müssten die Narren verzweifeln.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 711
%
Manche sind auf das, was sie wissen, stolz, gegen das, was sie 
nicht wissen, hoffärtig.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 712
%
Die Geschichte wie das Universum, das sie repräsentieren soll, 
hat einen realen und idealen Teil.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 713
%
Zum idealen Teile gehört der Kredit, zum realen Besitztum, 
physische Macht pp.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 714
%
Der Kredit ist eine durch reale Leistungen erzeugte Idee der 
Zuverlässigkeit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 715
%
Jeder Besitz ist eine plumpe Sache, und es ist gut, dass darüber 
abgesprochen werde, ne incerta sint rerum dominia.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 716
%
Jeder Mensch fühlt sich privilegiert. Diesem Gefühl widerspricth:
1. die Naturnotwendigkeit,
2. die Gesellschaft.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 717
%
ad 1. Der Mensch kann ihr nicht entgehen, nicht ausweichen, 
nichts abgewinnen. Nur kann er durch Diät sich fügen und ihr nicht 
vorgreifen.
Ad 2. Der Mensch kann ihr nicht entgehen, nicht ausweichen; aber 
er kann ihr abgewinnen, dass sie ihn ihre Vorteile mitgenießen lässt, 
wenn er seinem Privilegiengefühl entsagt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 718
%
Der höchste Zweck der Gesellschaft ist Konsequenz der Vorteile, 
jedem gesichert. Jeder einzelne Vernünftige opfert schon der 
Konsequenz vieles auf, geschweige die Gesellschaft. Über diese 
Konsequenz geht fast der momentane Vorteil der Glieder zugrunde.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 719
%
In der Gesellschaft sind alle gleich. Es kann keine Gesellschaft 
anders als auf den Begriff der Gleichheit gegründet sein, keineswegs 
aber auf den Begriff der Freiheit. Die Gleichheit will ich in der 
Gesellschaft finden; die Freiheit, nämlich die sittliche, dass ich 
mich subordinieren mag, bringe ich mit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 720
%
Die Gesellschaft, in die ich trete, muss also zu mir sagen: "Du 
sollst allen uns andern gleich sein." Sie kann aber nur hinzufügen: 
"Wir wünschen, dass du auch frei sein mögest", das heißt: Wir 
wünschen, dass du dich mit Überzeugung, aus freiem, vernünftigem 
Willen deiner Privilegien begibst.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 721
%
Gesetzgeber oder Revolutionärs, die Gleichsinn und Freiheit 
zugleich versprechen, sind Phantasten oder Scharlatans.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 722
%
Eingebildete Gleichheit: Das erste Mittel, die Ungleichheit zu 
zeigen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 723
%
Jede Revolution geht auf Naturzustand hinaus, Gesetz- und 
Schamlosigkeit. (Pikarden, Wiedertäufer, Sansculotten.)
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 724
%
Sobald die Tyrannei aufgehoben ist, geht der Konflikt zwischen 
Aristokratie und Demokratie unmittelbar an.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 725
%
Die Menschen sind als Organe ihres Jahrhunderts anzusehen, die 
sich meist unbewusst bewegen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 726
%
Fehler der so genannten Aufklärung: Dass sie Menschen 
Vielseitigkeit gibt, deren einseitige Lage man nicht ändern kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 727
%
Einen gerüsteten, auf die Defensive berechneten Zustand kann 
kein Staat aushalten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 728
%
Das große Recht, nicht etwa nur in seinen Privatangelegenheiten 
- denn das weiß ein jeder -, sondern auch in öffentlichen verständig, 
ja vernünftig zu sein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 729
%
Majestät ist das Vermögen, ohne Rücksicht auf Belohnung oder 
Bestrafung recht oder unrecht zu handeln.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 730
%
Herrschen und genießen geht nicht zusammen. Genießen heißt, sich 
und andern in Fröhlichkeit angehören; herrschen heißt, sich und 
anderen im ernstlichsten Sinne wohltätig sein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 731
%
Herrschen lernt sich leicht, regieren schwer.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 732
%
Wer klare Begriffe hat, kann befehlen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 733
%
In den Zeitungen ist alles Offizielle geschraubt, das übrige 
platt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 734
%
Nach Pressfreiheit schreit niemand, als wer sie missbrauchen 
will.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 735
%
Die Deutschen der neueren Zeit haben nichts anders für Denk- und 
Pressfreiheit gehalten, als dass sie sich einander öffentlich 
missachten dürfen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 736
%
Die Deutschen der alten Zeit freute nichts, als dass keiner dem 
andern gehorchen durfte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 737
%
Gerechtigkeit: Eigenschaft und Phantom der Deutschen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 738
%
Der echte Deutsche bezeichnet sich durch mannigfaltige Bildung 
und Einheit des Charakters.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 739
%
Die Engländer werden uns beschämen durch reinen Menschenverstand 
und guten Willen, die Franzosen durch geistreiche Umsicht und 
praktische Ausführung.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 740
%
Der Deutsche soll alle Sprachen lernen, damit ihm zu Hause kein 
Fremder unbequem, er aber in der Fremde überall zu Hause sei.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 741
%
Die Gewalt einer Sprache ist nicht, dass sie das Fremde abweist, 
sondern dass sie es verschlingt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 742
%
Ich verfluche allen negativen Purismus, dass man ein Wort nicht 
brauchen soll, in welchem eine andre Sprache Vieles oder Zarteres 
gefasst hat.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 743
%
Meine Sache ist der affirmative Purismus, der produktiv ist und 
nur davon ausgeht: Wo müssen wir umschreiben, und der Nachbar hat ein 
entscheidendes Wort?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 744
%
Der pedantische Purismus ist ein absurdes Ablehnen weiterer 
Ausbreitung des Sinnes und Geistes (z.B. das englische Wort grief).
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 745
%
Kein Wort steht still, sondern es rückt immer durch den Gebrauch 
von seinem anfänglichen Platz eher hinab als hinauf, eher in 
schlechtere als ins Bessere, ins Engere als Weitere, und an der 
Wandelbarkeit des Worts lässt sich die Wandelbarkeit der Begriffe 
erkennen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 746
%
Philologen: Apollo Sauroktonos, immer mit dem spitzen 
Griffelchen in der Hand aufpassend, eine Eidechse zu spießen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 747
%
Es ist kein großer Unterschied, ob ich eine korrekte Stelle 
falsch verstehe oder ob ich einer korrupten irgendeinen Sinn 
unterlege. Das letzte ist für den einzelnen vorteilhafter als das 
erste. Es wird eine Privatemendation, wodurch er für seinen Geist 
gewinnt, was jene für den Buchstaben gewonnen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 748
%
Es ist mit den Jahren wie mit den Sibyllinischen Büchern: Je 
mehr man ihrer verbrennt, desto teurer werden sie.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 749
%
Wenn die Jugend ein Fehler ist, so legt man ihn sehr bald ab.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 750
%
In der Jugend bald die Vorzüge des Alters gewahr zu werden, im 
Alter die Vorzüge der Jugend zu erhalten, beides ist nur ein Glück.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 751
%
Es betrügt sich kein Mensch, der in seiner Jugend noch soviel 
erwartet. Aber wie er damals die Ahndung in seinem Herzen empfand, so 
muss er auch die Erfüllung in seinem Herzen suchen, nicht außer sich.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 752
%
Dass der Mensch zuletzt Epitomator von sich selbst wird! Und 
dahin zu gelangen, ist schon Glück genug.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 753
%
Eltern und Kindern bleibt nichts übrig, als entweder vor- oder 
hintereinander zu sterben, und man weiß am Ende nicht, was man 
vorziehen sollte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 754
%
Wenn ich an meinen Tod denke, darf ich, kann ich nicht denken, 
welche Organisation zerstört wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 755
%
In jeder großen Trennung liegt ein Keim von Wahnsinn; man muss 
sich hüten, ihn nachdenklich auszubrüten und zu pflegen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 756
%
Höchst merkwürdig ist, dass von dem menschlichen Wesen das 
Entgegengesetzte übrig bleibt: Gehäus' und Gerüst, worin und womit 
sich der Geist hienieden genügte, sodann aber die idealen Wirkungen, 
die in Wort und Tat von ihm ausgingen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 757
%
Ein ausgesprochenes Wort fordert sich selbst wieder.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 758
%
Mystik: Eine unreife Poesie, eine unreife Philosophie;
Poesie: eine reife Natur;
Philosophie: eine reife Vernunft.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 759
%
Bildliche Darstellung: Reich der Poesie; hypothetische 
Erklärung: Reich der Philosophie.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 760
%
Das Wahre (Allgemeine), das wir erkennen und festhalten;
das Leidenschaftliche (Besondere), das uns hindert und festhält;
das dritte, Rednerische, schwankend zwischen Wahrheit und 
Leidenschaft.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 761
%
Die Lauen ist ein Bewusstloses und beruht auf der Sinnlichkeit. 
Es ist der Widerspruch der Sinnlichkeit mit sich selbst.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 762
%
Der Humor entsteht, wenn die Vernunft nicht im Gleichgewicht mit 
den Dingen ist, sondern entweder sie zu beherrschen strebt und nicht 
damit zustande kommen kann: Welches der ärgerliche oder üble Humor 
ist; oder sich ihnen gewissermaßen unterwirft und mit sich spielen 
lässt, salvo honore, welches der heitre Humor oder der gute ist. Sie 
lässt sich gut symbolisieren durch einen Vater, der sich herablässt, 
mit seinen Kindern zu spielen, und mehr Spaß einnimmt als ausgibt. In 
diesem Falle spielt die Vernunft den Goffo, im ersten Falle den 
Moroso.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 763
%
Das Glück des Genies: Wenn es zuzeiten des Ernstes geboren wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 764
%
Das Genie mit Großsinn sucht seinem Jahrhundert vorzueilen; das 
Talent aus Eigensinn möchte es oft zurückhalten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 765
%
Der Scharfsinn verlässt geistreiche Männer am wenigsten, wenn 
sie unrecht haben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 766
%
Das fürchterlichste ist, wenn platte, unfähige Menschen zu 
Phantasten sich gesellen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 767
%
Man kann sich nicht verleugnen, dass die deutsche Welt, mit 
vielen, guten, trefflichen Geistern geschmückt, immer uneiniger, 
unzusammenhängender in Kunst und Wissenschaft, sich auf historischem, 
theoretischem und praktischem Wege immer mehr verirrt und verwirrt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 768
%
Sähe man Kunst und Wissenschaft nicht als ein Ewiges, in sich 
selbst Lebendig-Fertiges verehrend an, das im Zeitverlaufe nur 
Vorzüge und Mängel durcheinander mischt, so würde man selbst irre 
werden und sich betrüben, dass Reichtum in eine solche Verlegenheit 
setzen kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 769
%
Was nicht originell ist, daran ist nichts gelegen, du was 
originell ist, trägt immer die Gebrechen des Individuums an sich.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 770
%
Wer's nicht besser machen kann, macht's wenigstens anders; 
Zuhörer und Leser, in herkömmlicher Gleichgültigkeit, lassen 
dergleichen am liebsten gelten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 771
%
Man spricht soviel von Geschmack: Der Geschmack besteht in 
Euphemismen. Diese sind Schonungen des Ohrs mit Aufregung des Sinnes.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 772
%
Das Publikum beklagt sich lieber unaufhörlich, übel bedient 
worden zu sein, als dass es sich bemühte, besser bedient zu werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 773
%
Ein großes Unheil entspringt aus den falschen Begriffen der 
Menge, weil der Wert vorhandener Werke gleich verkannt wird, wenn sie 
nicht im kurrenten Vorurteil mit einbegriffen sind.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 774
%
Innerhalb einer Epoche gibt es keinen Standpunkt, eine Epoche zu 
betrachten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 775
%
Keine Nation hat ein Urteil als über das, was bei ihr getan und 
geschrieben ist. Man könnte dies auch von jeder Zeit sagen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 776
%
Wahre, in alle Zeiten und Nationen eingreifende Urteile sind 
sehr selten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 777
%
Keine Nation hat eine Kritik als in dem Maße, wie sie 
vorzügliche, tüchtige und vortreffliche Werke besitzt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 778
%
Die Kritik erscheint wie Ate: Sie verfolgt die Autoren, aber 
hinkend.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 779
%
Jemand sagte: "Was bemüht ihr euch um den Homer? Ihr versteht 
ihn doch nicht." Darauf antwortet' ich: Versteh' ich doch auch Sonne, 
Mond und Sterne nicht; aber sie gehen über meinem Haupt hin, und ich 
erkenne mich in ihnen, indem ich sie sehe und ihren regelmäßigen, 
wunderbaren Gang betrachte, und denke dabei, ob auch wohl etwas aus 
mir werden könnte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 780
%
Dass die bildende Kunst in der Ilias auf einer so hohen Stufe 
erscheint, möchte wohl ein Argument für die Modernität des Gedichtes 
abgeben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 781
%
Die Modernen sollen nur Lateinisch schreiben, wenn sie aus 
nichts etwas zu machen haben. Umgekehrt machen sie ihr weniges Etwas 
immer zu nichts.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 782
%
Die lateinische Sprache hat eine Art von Imperativus der 
Autorschaft.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 783
%
Zu den glücklichen Umständen, welche Shakespeares gebornes 
großes Talent frei und rein entwickelten, gehört auch, dass er 
Protestant war; er hätte sonst wie Kalidasa und Calderon Absurditäten 
verherrlichen müssen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 784
%
Um die alten abgeschmacktesten locos communes der Menschheit 
durchzupeitschen, hat Klopstock Himmel und Hölle, Sonne, Mond und 
Sterne, Zeit und Ewigkeit, Gott und Teufel aufgeboten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 785
%
Schmidt von Werneuchen ist der wahre Charakter der 
Natürlichkeit. Jedermann hat sich über ihn lustig gemacht und das mit 
Recht; und doch hätte man sich über ihn nicht lustig machen können, 
wenn er nicht als Poet wirkliches Verdienst hätte, das wir an ihm zu 
ehren haben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 786
%
Märchen: Das uns unmögliche Begebenheiten unter möglichen oder 
unmöglichen Bedingungen als möglich darstellt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 787
%
Roman: Der uns mögliche Begebenheiten unter unmöglichen oder 
beinahe unmöglichen Bedingungen als wirklich darstellt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 788
%
Der Romanenheld assimiliert sich alles; der Theaterheld muss 
nichts Ähnliches in allem dem finden, was ihn umgibt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 789
%
Beim Übersetzen muss man bis ans Unübersetzliche herangehen; 
alsdann wird man aber erst die fremde Nation und die fremde Sprache 
gewahr.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 790
%
Es ist ein großer Unterscheid, ob ich lese zu Genuss und 
Belebung oder zu Erkenntnis und Belehrung.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 791
%
Es gibt Bücher, durch welche man alles erfährt und doch zuletzt 
von der Sache nichts begreift.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 792
%
Wenn einem Autor ein Lexikon nachkommen kann, so taugt er nichts.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 793
%
Ich denke immer, wenn ich einen Druckfehler sehe, es sei etwas 
Neues erfunden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 794
%
Verleger haben die Autoren und sich selbst für vogelfrei 
erklärt; wie wollen sie untereinander, wer will mit ihnen rechten?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 795
%
Der mittelmäßigste Roman ist immer noch besser als die 
mittelmäßigen Leser, ja der schlechteste partizipiert etwas von der 
Vortrefflichkeit des ganzen Genres.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 796
%
Der Mensch kann nur mit seinesgleichen leben und auch mit denen 
nicht; denn er kann auf die Länge nicht leiden, dass ihm jemand 
gleich sei.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 797
%
Die jungen Leute sind neue Aperçus der Natur.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 798
%
Zu berichtigen verstehen die Deutschen, nicht nachzuhelfen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 799
%
Man muss eine Sache gefunden haben, wenn man wissen will, wo sie 
liegt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 800
%
Wer freudig tut und sich des Getanen freut, ist glücklich.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 801
%
Mit Ungeduld bestraft sich zehnfach Ungeduld; man will das Ziel 
heranziehn und entfernt es nur.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 802
%
Wenn ein Wissen reif ist, Wissenschaft zu werden, so muss 
notwendig eine Krise entstehen: Denn es wird die Differenz offenbar 
zwischen denen, die as Einzelne trennen und getrennt darstellen, und 
solchen, die das Allgemeine im Auge haben und gern das Besondere an- 
und einfügen möchten. Wie nun aber die wissenschaftliche, ideelle, 
umgreifendere Behandlung sich mehr und mehr Freunde, Gönner und 
Mitarbeiter wirbt, so bleibt auf der höheren Stufe jene Trennung zwar 
nicht so entschieden, aber doch genugsam merklich.
Diejenigen, welche ich die Universalisten nenne möchte, sind 
überzeugt und stellen sich vor: Dass alles überall, obgleich mit 
unendlichen Abweichungen und Mannigfaltigkeiten, vorhanden und 
vielleicht auch zu finden sei; die andern, die ich Singularisten 
benennen will, gestehen den Hauptpunkt im allgemeinen zu, ja sie 
beobachten, bestimmen und lehren hiernach; aber immer wollen sie 
Ausnahmen finden, da, wo der ganze Typus nicht ausgesprochen ist, und 
darin haben sie recht. Ihr Fehler aber ist nur, dass sie die 
Grundgestalt verkennen, wo sie sich verhüllt, und leugnen, wenn sie 
sich verbirgt. Da nun beide Vorstellungsweisen ursprünglich sind und 
sich einander ewig gegenüberstehen werden, ohne sich zu vereinigen 
oder aufzuheben, so hüte man ja sich vor aller Kontrovers und stelle 
seine Überzeugung klar und nackt hin.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 803
%
So wiederhole ich die meinige: Dass man auf diesen höheren 
Stufen nicht wissen kann, sondern tun muss; so wie an einem Spiele 
wenig zu wissen und alles zu leisten ist. Die Natur hat uns das 
Schachbrett gegeben, aus dem wir nicht hinaus wirken können noch 
wollen; sie hat uns die Steine geschnitzt, deren Wert, Bewegung und 
Vermögen nach und nach bekannt werden; nun ist es an uns, Züge zu 
tun, von denen wir uns Gewinn versprechen; dies versucht nun ein 
jeder auf seine Weise und lässt sich nicht gern einreden. Mag das 
also geschehen, und beobachten wir nur vor allem genau: Wie nah oder 
fern ein jeder von uns stehe, und vertragen uns sodann vorzüglich mit 
denjenigen, die sich zu der Seite bekennen, zu der wir uns halten.
Ferner bedenke man, dass man immer mit einem unauflöslichen 
Problem zu tun habe, und erweise sich frisch und treu, alles zu 
beachten, was irgend auf eine Art zur Sprache kommt, am meisten 
dasjenige, was uns widerstrebt: Denn dadurch wird man am ersten das 
Problematische gewahr, welches zwar in den Gegenständen selbst, mehr 
aber noch in den Menschen liegt. Ich bin nicht gewiss, ob ich in 
diesem so wohl bearbeiteten Felde persönlich weiter wirke, doch 
behalte ich mir vor, auf diese oder jene Wendung des Studiums, auf 
diese oder jene Schritte der einzelnen aufmerksam zu sein und 
aufmerksam zu machen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 804
%
Allein kann der Mensch nicht wohl bestehen, daher schlägt er 
sich gern zu einer Partei, weil er da, wenn auch nicht Ruhe, doch 
Beruhigung und Sicherheit findet.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 805
%
Es gibt wohl zu diesem oder jenem Geschäft von Natur 
unzulängliche Menschen; Übereilung und Dünkel jedoch sind gefährliche 
Dämonen, die den Fähigsten unzulänglich machen, alle Wirkung zum 
Stocken bringen, freie Fortschritte lähmen. Dies gilt von weltlichen 
Dingen, besonders auch von Wissenschaften.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 806
%
Im Reich der Natur waltet Bewegung und Tat, im Reiche der 
Freiheit Anlage und Willen. Bewegung ist ewig und tritt bei jeder 
günstigen Bedingung unwiderstehlich in die Erscheinung. Anlagen 
entwickeln sich zwar auch naturgemäß, müssen aber erst durch den 
Willen geübt und nach und nach gesteigert werden. Deswegen ist man 
des freiwilligen Willens so gewiss nicht als der selbständigen Tat; 
diese tut sich selbst, er aber wird getan: Denn er muss, um 
vollkommen zu werden und zu wirken, sich im Sittlichen dem Gewissen, 
das nicht irrt, im Kunstreichen aber der Regel fügen, die nirgends 
ausgesprochen ist. Das Gewissen bedarf keines Ahnherrn, mit ihm ist 
alles gegeben; es hat nur mit der innern eigenen Welt zu tun. Das 
Genie bedürfte auch keine Regel, wäre sich selbst genug, gäbe sich 
selbst die Regel; da es aber nach außen wirkt, so ist es vielfach 
bedingt durch Stoff und Zeit, und an beiden muss es notwendig irre 
werden; deswegen es mit allem, was eine Kunst ist, mit dem Regiment 
wie mit Gedicht, Statue und Gemälde, durchaus so wunderlich und 
unsicher aussieht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 807
%
Es ist eine schlimme Sache, die doch manchem Beobachter 
begegnet, mit einer Anschauung sogleich eine Folgerung zu verknüpfen 
und beide für gleich geltend zu achten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 808
%
Die Geschichte der Wissenschaften zeigt uns bei allem, was für 
dieselben geschieht, gewisse Epochen, die bald schneller, bald 
langsamer aufeinander folgen. Eine bedeutenden Ansicht, neu oder 
erneut, wird ausgesprochen; sie wird anerkannt, früher oder später; 
es finden sich Mitarbeiter; das Resultat geht in die Schüler über; es 
wird gelehrt und fortgepflanzt, und wir bemerken leider, dass es gar 
nicht darauf ankommt, ob die Ansicht wahr oder falsch sei; beides 
macht denselben Gang, beides wird zuletzt eine Phrase, beides prägt 
sich als totes Wort dem Gedächtnis ein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 809
%
Zur Verewigung des Irrtums tragen die Werke besonders bei, die 
enzyklopädisch das Wahre und Falsche des Tages überliefern. Hier kann 
die Wissenschaft nicht bearbeitet werden; sondern was man weiß, 
glaubt, wähnt, wird aufgenommen! Deswegen sehen solche Werke nach 
fünfzig Jahren gar wunderlich aus.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 810
%
Zuerst belehre man sich selbst, dann wird man Belehrung von 
andern empfangen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 811
%
Theorien sind gewöhnlich Übereilungen eines ungeduldigen 
Verstandes, der die Phänomene gern los sein möchte und an ihrer 
Stelle deswegen Bilder, Begriffe, ja oft nur Worte einschiebt. Man 
ahnet, man sieht auch wohl, dass es nur ein Behelf ist; leibt sich 
nicht aber Leidenschaft und Parteigeist jederzeit Behelfe? Und mit 
Recht, da sie ihrer so sehr bedürfen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 812
%
Unsere Zustände schreiben wir bald Gott, bald dem Teufel zu und 
fehlen ein- wie das andere Mal: In uns selbst liegt das Rätsel, die 
wir Ausgeburt zweier Welten sind. Mit der Farbe geht's ebenso; blad 
sucht man sie im Lichte, bald draußen im Weltall, und kann sie gerade 
da nicht finden, wo sie zu Hause ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 813
%
Es wird eine Zeit kommen, wo man eine pathologische 
Experimentalphysik vorträgt und alle jene Spiegelfechtereien ans 
Tageslicht bringt, welche den Verstand hintergehen, sich eine 
Überzeugung erschleichen und, was das schlimmste daran ist, durchaus 
jeden praktischen Fortschritt verhindern. Die Phänomene müssen ein 
für allemal aus der düstern empirisch-mechanisch-dogmatischen 
Marterkammer vor die Jury des gemeinen Menschenverstandes gebracht 
werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 814
%
Dass Newton bei seinen prismatischen Versuchen die Öffnung so 
klein als möglich nahm, um eine Linie zum Lichtstrahl bequem zu 
symbolisieren, hat eine unheilbare Verirrung über die Welt gebracht, 
an der vielleicht noch Jahrhunderte leiden.
Durch dieses kleine Löchlein ward Malus zu einer abenteuerlichen 
Theorie getrieben, und wäre Seebeck nicht so umsichtig, so musste er 
verhindert werden, den Urgrund dieser Erscheinungen, die entoptischen 
Figuren und Farben, zu entdecken.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 815
%
Was aber das allersonderbarste ist: Der Mensch, wenn er auch den 
Grund des Irrtums aufdeckt, wird den Irrtum selbst deshalb doch nicht 
los. Mehrere Engländer, besonders Dr. Read, sprechen gegen Newton 
leidenschaftlich aus: "Das prismatische Bild sei keineswegs das 
Sonnenbild, sondern das Bild der Öffnung unseres Fensterladens mit 
Farbensäumen geschmückt; im prismatischen Bilde gebe es kein 
ursprünglich Grün, dieses entstehe durch das Übereinandergreifen des 
Blauen und Gelben, so dass ein schwarzer Streif ebenso gut als ein 
weißer in Farben aufgelöst scheinen könnte, wenn man hier von 
Auflösen reden wolle." Genug, alles, was wir seit vielen Jahren 
dargetan haben, legt dieser gute Beobachter gleichfalls vor. Nun aber 
lässt ihn die fixe Idee einer diversen Refrangibilität nicht los, 
doch kehrt er sie um und ist womöglich noch befangener als sein 
großer Meister. Anstatt durch diese neue Ansicht begeistert aus jenem 
Chrysalidenzustande sich herauszureißen, sucht er die schon 
erwachsenen und entfalteten Glieder aufs neue in die alten 
Puppenschalen unterzubringen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 816
%
Das unmittelbare Gewahrwerden der Urphänomene versetzt uns in 
eine Art von Angst, wir fühlen unsere Unzulänglichkeit; nur durch das 
ewige Spiel der Empirie belebt erfreuen sie uns.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 817
%
Der Magnet ist ein Urphänomen, das man nur aussprechen darf, um 
es erklärt zu haben; dadurch wird es denn auch ein Symbol für alles 
übrige, wofür wir keine Worte noch Namen zu suchen brauchen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 818
%
Alles Lebendige bildet eine Atmosphäre um sich her.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 819
%
Die außerordentlichen Männer des sechzehnten und siebzehnten 
Jahrhunderts waren selbst Akademien wie Humboldt zu unserer Zeit. Als 
nun das Wissen so ungeheuer überhand nahm, taten sich Privatleute 
zusammen, um, was den einzelnen unmöglich wird, vereinigt zu leisten. 
Von Ministern, Fürsten und Königen hielten sie sich fern. Wie suchte 
nicht das französische stille Konventikel die Herrschaft Richelieus 
abzulehnen! Wie verhinderte der englische Oxforder und Londner Verein 
den Einfluss der Lieblinge Karls des Zweiten!
Da es aber einmal geschehen war und die Wissenschaften sich als 
ein Staatsglied im Staatskörper fühlten, einen Rang bei Prozessionen 
und andern Feierlichkeiten erhielten, war blad der höhere Zweck aus 
den Augen verloren; man stellte seine Person vor, und die 
Wissenschaften hatten auch Mäntelchen um und Käppchen auf. In meiner 
"Geschichte der Farbenlehre" habe ich dergleichen weitläuftig 
angeführt. Was aber geschrieben steht, es steht deswegen da, damit es 
immerfort erfüllt werde.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 820
%
Die Natur auffassen und sie unmittelbar benutzen, ist wenig 
Menschen gegeben; zwischen Erkenntnis und Gebrauch erfinden sie sich 
gern ein Luftgespinst, das sie sorgfältig ausbilden und darüber den 
Gegenstand zugleich mit der Benutzung vergessen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 821
%
Ebenso begreift man nicht leicht, dass in der großen Natur das 
geschieht, was auch im kleinsten Zirkel vorgeht. Dringt es ihnen die 
Erfahrung auf, so lassen sie sich's zuletzt gefallen. Spreu, von 
geriebenem Bernstein angezogen, steht mit dem ungeheuersten 
Donnerwetter in Verwandtschaft, ja ist eine und eben dieselbe 
Erscheinung. Dieses Mikromegische gestehen wir auch in einigen andern 
Fällen zu, bald aber verlässt uns der reine Naturgeist, und der Dämon 
der Künstelei bemächtigt sich unser und weiß sich überall geltend zu 
machen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 822
%
Die Natur hat sich so viel Freiheit vorbehalten, dass wir mit 
Wissen und Wissenschaft ihr nicht durchgängig beikommen oder sie in 
die Enge treiben können.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 823
%
Mit den Irrtümern der Zeit ist schwer sich abzufinden: 
Widerstrebt man ihnen, so steht man allein; lässt man sich davon 
befangen, so hat man auch weder Ehre noch Freude davon.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 824
%
Wissenschaften entfernen sich im Ganzen immer vom Leben und 
kehren nur durch einen Umweg wieder dahin zurück.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 825
%
Denn sie sind eigentlich Kompendien des Lebens; sie bringen die 
äußern und innern Erfahrungen ins Allgemeine, in einen Zusammenhang.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 826
%
Das Interesse an ihnen wird im Grunde nur in einer besondern 
Welt, in der wissenschaftlichen, erregt; denn dass man auch die 
übrige Welt dazu beruft und ihr davon Notiz gibt, wie es in der 
neuern Zeit geschieht, ist ein Missbrauch und bringt mehr Schaden als 
Nutzen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 827
%
Nur durch eine erhöhte Praxis sollten die Wissenschaften auf die 
äußere Welt wirken: Denn eigentlich sind sie alle esoterisch und 
können nur durch Verbessern irgendeines Tuns exoterisch werden. Alle 
übrige Teilnahme führt zu nichts.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 828
%
Die Wissenschaften, auch in ihrem innern Kreise betrachtet, 
werden mit augenblicklichem, jedesmaligem Interesse behandelt. Ein 
starker Anstoß, besonders von etwas Neuem und Unerhörten oder 
wenigstens mächtig Gefördertem, erregt eine allgemeine Teilnahme, die 
jahrelang dauern kann, und die besonders in den letzten Zeiten sehr 
fruchtbar geworden ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 829
%
Ein bedeutendes Faktum, ein geniales Aperçu beschäftigt eine 
sehr große Anzahl Menschen, erst nur, um es zu kennen, dann, um es zu 
erkennen, dann es zu bearbeiten und weiterzuführen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 830
%
Die Menge fragt bei einer jeden neuen bedeutenden Erscheinung, 
was sie nutze, und sie hat nicht Unrecht; denn sie kann bloß durch 
den Nutzen den Wert einer Sache gewahr werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 831
%
Die wahren Weisen fragen, wie sich die Sache verhalte in sich 
selbst und zu andern Dingen, unbekümmert um den Nutzen, d.h. um die 
Anwendung auf das Bekannte und zum Leben Notwendige, welche ganz 
andere Geister, scharfsinnige, lebenslustige, technisch geübte und 
gewandte, schon finden werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 832
%
Die Afterweisen suchen von jeder neuen Entdeckung nur so 
geschwind als möglich für sich einigen Vorteil zu ziehen, indem sie 
einen eitlen Ruhm bald in Fortpflanzung, bald in Vermehrung, blad in 
Verbesserung, geschwinder Besitznahme, vielleicht gar durch 
Präokkupation zu erwerben trachten und durch solche Unreifheiten die 
wahre Wissenschaft unsicher machen und verwirren, ja ihre schönste 
Folge, die praktische Blüte derselben, offenbar verkümmern.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 833
%
Das schändlichste Vorurteil ist, dass irgendeine Art 
Naturuntersuchung mit dem Bann belegt werden könne.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 834
%
Jeder Forscher muss sich durchaus ansehen als einer, der zu 
einer Jury berufen ist. Er hat nur darauf zu achten, inwiefern der 
Vortrag vollständig sei und durch klare Belege auseinandergesetzt. Er 
fasst hiernach seine Überzeugung zusammen und gibt seine Stimme, es 
sei nun, dass seine Meinung mit der des Referenten übereintreffe oder 
nicht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 835
%
Dabei bleibt er ebenso beruhigt, wenn ihm die Majorität 
beistimmt, als wenn er sich in der Minorität befindet; denn er hat 
das Seinige getan, er hat seine Überzeugung ausgesprochen, er ist 
nicht Herr über die Geister noch über die Gemüter.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 836
%
In der wissenschaftlichen Welt haben aber diese Gesinnungen 
niemals gelten wollen; durchaus ist es auf Herrschen und Beherrschen 
angesehen; und weil sehr wenige Menschen eigentlich selbständig sind, 
so zieht die Menge den einzelnen nach sich.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 837
%
Die Geschichte der Philosophie, der Wissenschaften, der 
Religion, alles zeigt, dass die Meinungen massenweis sich verbreiten, 
immer aber diejenige den Vorrang gewinnt, welche fasslicher, d.h. dem 
menschlichen Geiste in seinem gemeinen Zustande gemäß und bequem ist. 
Ja derjenige, der sich in höherem Sinne ausgebildet, kann immer 
voraussetzen, dass er die Majorität gegen sich habe.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 838
%
Wäre die Natur in ihren leblosen Anfängen nicht so gründlich 
stereometrisch, wie wollte sie zuletzt zum unberechenbaren und 
unermesslichen Leben gelangen?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 839
%
Der Mensch an sich selbst, insofern er sich seiner gefunden 
Sinne bedient, ist der größte und genauste physikalische Apparat, den 
es geben kann; und das ist eben das größte Unheil der neuern Physik, 
dass man die Experimente gleichsam vom Menschen abgesondert hat und 
bloß in dem, was künstliche Instrumente zeigen, die Natur erkennen, 
ja was sie leisten kann, dadurch beschränken und bewiesen will.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 840
%
Ebenso ist es mit dem Berechnen. - Es ist vieles wahr, was sich 
nicht berechnen lässt, sowie sehr vieles, was sich nicht bis zum 
entschiedenen Experiment bringen lässt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 841
%
Dafür steht ja aber der Mensch so hoch, dass sich das sonst 
Undarstellbare in ihm darstellt. Was ist denn eine Saite und alle 
mechanische Teilung derselben gegen das Ohr des Musikers; ja man kann 
sagen, was sind die elementaren Erscheinungen der Natur selbst gegen 
den Menschen, der sie alle erst bändigen und modifizieren muss, um 
sie sich einigermaßen assimilieren zu können.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 842
%
Es ist von einem Experiment zu viel gefordert, wenn es alles 
leisten soll. Konnte man doch die Elektrizität erst nur durch Reiben 
darstellen, deren höchste Erscheinung jetzt durch bloß Berührung 
hervorgebracht wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 843
%
Wie man der französischen Sprache niemals den Vorzug streitig 
machen wird, als ausgebildete Hof- und Weltsprache sind immer mehr 
aus- und fortbildend zu wirken, so wird es niemand einfallen, das 
Verdienst der Mathematiker gering zu schätzen, welches sie, in ihrer 
Sprache die wichtigsten Angelegenheiten verhandelnd, sich um die Welt 
erwerben, indem sie alles, was der Zahl und dem Maß im höchsten Sinne 
unterworfen ist, zu regeln, zu bestimmen und zu entscheiden wissen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 844
%
Jeder Deutsche, der seinen Kalender ansieht, nach seiner Uhr 
blickt, wird sich erinnern, wem er diese Wohltaten schuldig ist. Wenn 
man sie aber auch auf ehrfurchtsvolle Weise in Zeit und Raum gewähren 
lässt, so werden sie erkennen, dass wir etwas gewahr werden, was weit 
darüber hinausgeht, welches allen angehört, und ohne welches sie 
selbst weder tun noch wirken könnten: Idee und Liebe.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 845
%
"Wer weiß etwas von Elektrizität," sagte ein heiterer 
Naturforscher, "als wenn er im Finstern eine Katze streichelt oder 
Blitz und Donner neben ihm niederleuchten und rasseln? Wie viel und 
wie wenig weiß er alsdann davon?"
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 846
%
Lichtenbergs Schriften können wir uns als der wunderbarsten 
Wünschelrute bedienen; wo er einen Spaß macht, liegt ein Problem 
verborgen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 847
%
In den großen leeren Weltraum zwischen Mars und Jupiter legte er 
auch einen heitern Einfall. Als Kant sorgfältig bewiesen hatte, dass 
die beiden genannten Planeten alles aufgezehrt und sich zugeeignet 
hätten, was nur in diesen Räumen zu finden gewesen von Materie, sagte 
jener scherzhaft nach seiner Art: Warum sollte es nicht auch 
unsichtbare Welten geben? - Und hat er nicht vollkommen wahr 
gesprochen? Sind die neu entdeckten Planeten nicht der ganzen Welt 
unsichtbar, außer den wenigen Astronomen, denen wir auf Wort und 
Rechnung glauben müssen?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 848
%
Einer neuen Wahrheit ist nichts schädlicher als ein alter Irrtum.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 849
%
Die Menschen sind durch die unendlichen Bedingungen des 
Erscheinens dergestalt obruiert, dass sie das eine Urbedingende nicht 
gewahren können.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 850
%
"Wenn Reisende ein sehr großes Ergötzen auf ihren 
Bergklettereien empfinden, so ist für mich etwas Barbarisches, ja 
Gottloses in dieser Leidenschaft. Berge geben uns wohl den Begriff 
von Naturgewalt, nicht aber von Wohltätigkeit der Vorsehung. Zu 
welchem Gebrauch sind sie wohl dem Menschen? Unternimmt er, dort zu 
wohnen, so wird im Winter eine Schneelawine, im Sommer ein Bergrutsch 
sein Haus begraben oder fortschieben; seine Herden schwemmt der 
Gießbach weg, seine Kornscheuern die Windstürme. Macht er sich auf 
den Weg, so ist jeder Aufstieg die Qual des Sisyphis, jeder 
Niederschlag der Sturz Vulkans; sein Pfad ist täglich von Steinen 
verschüttet, der Gießbach unwegsam für Schifffahrt. Finden auch seine 
Zwergherden notdürftige Nahrung oder sammelt er sie ihnen kärglich: 
Entweder die Elemente entreißen sie ihm oder wilde Bestien. Er führt 
ein einsam kümmerlich Pflanzenleben, wie das Moos auf einem 
Grabstein, ohne Bequemlichkeit und ohne Gesellschaft. Und diese 
Zickzackkämme, diese widerwärtigen Felsenwände, diese ungestalteten 
Granitpyramiden, welche die schönsten Weltbreiten mit den 
Schrecknissen des Nordpols bedecken, wie sollte sich ein 
wohlwollender Mann daran gefallen und ein Menschenfreund sie preisen?"
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 851
%
Auf diese heitere Paradoxie eines würdigen Mannes wäre zu sagen, 
dass, wenn es Gott und der Natur gefallen hätte, den Urgebirgsknoten 
von Nubien durchaus nach Westen bis an das Große Meer zu entwickeln 
und fortzusetzen, ferner diese Gebirgsreihe einige Mal von Norden 
nach Süden zu durchschneiden, sodann Täler entstanden sein würden, 
worin gar mancher Urvater Abraham ein Kanaan, mancher Albert Julius 
eine Felsenburg würde gefunden haben, wo denn seine Nachkommen, 
leicht mit den Sternen rivalisierend, sich hätten vermehren können.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 852
%
Steine sind stumme Lehrer, sie machen den Beobachter stumm, und 
das Beste, was man von ihnen lernt, ist nicht mitzuteilen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 853
%
Was ich recht weiß, weiß ich nur mir selbst; ein ausgesprochenes 
Wort fördert selten, es erregt meistens Widerspruch, Stocken und 
Stillstehen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 854
%
Die Kristallographie, als Wissenschaft betrachtet, gibt zu ganz 
eignen Ansichten Anlass. Sie ist nicht produktiv, sie ist nur sie 
selbst und hat keine Folgen, besonders nunmehr, da man so manche 
isomorphische Körper angetroffen hat, die sich ihrem Gehalte nach 
ganz verschieden erweisen. Da sie eigentlich nirgends anwendbar ist, 
so hat sie sich in dem hohen Grade in sich selbst ausgebildet. Sie 
gibt dem Geist eine gewisse beschränkte Befriedigung und ist in ihren 
Einzelheiten so mannigfaltig, dass man sie unerschöpflich nennen 
kann, deswegen sie auch vorzügliche Menschen so entschieden und lange 
an sich festhält.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 855
%
Etwas Mönchisch-Hagestolzenartiges hat die Kristallographie und 
ist daher sich selbst genug. Von praktischer Lebenseinwirkung ist sie 
nicht: Denn die köstlichsten Erzeugnisse ihres Gebiets, die 
kristallinischen Edelsteine, müssen erst zugeschliffen werden, ehe 
wir unsere Frauen damit schmücken können.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 856
%
Ganz das Entgegengesetzte ist von der Chemie zu sagen, welche 
von der ausgebreitetsten Anwendung und von dem grenzenlosesten 
Einfluss aufs Leben sich erweist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 857
%
Der Begriff von Entstehen ist uns ganz und gar versagt; daher 
wir, wenn wir etwas werden sehen, denken, dass es schon dagewesen 
sei. Deshalb das System der Einschachtelung uns begreiflich vorkommt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 858
%
Wie manches Bedeutende sieht man aus Teilen zusammensetzen; man 
betrachte die Werke der Baukunst; man sieht manches sich regel- und 
unregelmäßig anhäufen; daher ist uns der atomistische Begriff nah und 
bequem zur Hand, deshalb wir uns nicht scheuen, ihn auch in 
organischen Fällen anzuwenden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 859
%
Wer den Unterschied des Phantastischen und Ideellen, des 
Gesetzlichen und Hypothetischen nicht zu fassen weiß, der ist als 
Naturforscher in einer üblen Lage.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 860
%
Es gibt Hypothesen, wo Verstand und Einbildungskraft sich an die 
Stelle der Idee setzen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 861
%
Man tut nicht wohl, sich allzu lange im Abstrakten aufzuhalten. 
Das Esoterische schadet nur, indem es exoterisch zu werden trachtet. 
Leben wird am besten durchs Lebendige belehrt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 862
%
Man kann in den Naturwissenschaften über manche Probleme nicht 
gehörig sprechen, wenn man die Metaphysik nicht zu Hilfe ruft; aber 
nicht jene Schul- und Wortweisheit: Es ist dasjenige, was vor, mit 
und nach der Physik war, ist und sein wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 863
%
Autorität, dass nämlich etwas schon einmal geschehen, gesagt 
oder entschieden worden sei, hat großen Wert; aber nur der Pedant 
fordert überall Autorität.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 864
%
Altes Fundament ehrt man, darf aber das Recht nicht aufgeben, 
irgendwo wieder einmal von vorn zu gründen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 865
%
Beharre, wo du stehst! - Maxime, notwendiger als je, indem 
einerseits die Menschen in große Parteien gerissen werden, sodann 
aber auch jeder einzelne nach individueller Einsicht und Vermögen 
sich geltend machen will.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 866
%
Man tut immer besser, dass man sich grad ausspricht, wie man 
denkt, ohne viel beweisen zu wollen: Denn alle Beweise, die wir 
vorbringen, sind doch nur Variationen unserer Meinungen, und die 
Widriggesinnten hören weder auf das eine noch auf das andere.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 867
%
Da ich mit der Naturwissenschaft, wie sie sich von Tag zu Tag 
vorwärts bewegt, immer mehr bekannt und verwandt werde, so dringt 
sich mir gar manche Betrachtung auf über die Vor- und Rückschritte, 
die zu gleicher Zeit geschehen. Eines nur sei hier ausgesprochen: 
Dass wir sogar anerkannte Irrtümer aus der Wissenschaft nicht 
loswerden. Die Ursache hievon ist ein offenbares Geheimnis.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 868
%
Einen Irrtum nenn' ich, wenn irgendein Ereignis falsch 
ausgelegt, falsch angeknüpft, falsch abgeleitet wird. Nun ereignet 
sich aber im Gange des Erfahrens und Denkens, dass eine Erscheinung 
folgerecht angeknüpft, richtig abgeleitet wird. Das lässt man sich 
wohl gefallen, legt aber keinen besondern Wert darauf und lässt den 
Irrtum ganz ruhig daneben liegen, und ich kenne ein kleines Magazin 
von Irrtümern, die man sorgfältig aufbewahrt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 869
%
Da nun den Menschen eigentlich nichts interessiert als seine 
Meinung, so sieht jedermann, der eine Meinung vorträgt, sich rechts 
und links nach Hilfsmitteln um, damit er sich und andere bestärken 
möge. Des Wahren bedient man sich, solange es brauchbar ist, aber 
leidenschaftlich rhetorisch ergreift man das Falsche, sobald man es 
für den Augenblick nutzen, damit, als einem Halbargumente, blenden, 
als mit einem Lückenbüßer das Zerstückelte scheinbar vereinigen kann. 
Dieses zu erfahren, war mir erst ein Ärgernis, dann betrübte ich mich 
darüber, und nun macht es mir Schadenfreude: Ich habe mir das Wort 
gegeben, ein solches Verfahren niemals wieder aufzudecken.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 870
%
Jedes Existierende ist ein Analogon alles Existierenden; daher 
erscheint uns das Dasein immer zu gleicher Zeit gesondert und 
verknüpft. Folgt man der Analogie zu sehr, so fällt alles identisch 
zusammen; meidet man sie, so zerstreut sich alles ins Unendliche. In 
beiden Fällen stagniert die Betrachtung, einmal als überlebendig, das 
andere Mal als getötet.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 871
%
Die Vernunft ist auf das Werdende, der Verstand auf das 
Gewordene angewiesen; jene bekümmert sich nicht: Wozu? Dieser fragt 
nicht: Woher? - Sie erfreut sich am Entwickeln; er wünscht alles 
festzuhalten, damit er es nutzen könne.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 872
%
Es ist eine Eigenheit dem Menschen angeboren und mit seiner 
Natur innigst verwebt, dass ihm zur Erkenntnis das Nächste nicht 
genügt; da doch jede Erscheinung, die wir selbst gewahr werden, im 
Augenblick das Nächste ist, und wir von ihr fordern können, dass sie 
sich selbst erkläre, wenn wir kräftig in sie dringen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 873
%
Das werden aber die Menschen nicht lernen, weil es gegen ihre 
Natur ist; daher die Gebildeten es selbst nicht lassen können, wenn 
sie an Ort und Stelle irgendein Wahres erkannt haben, es nicht nur 
mit dem Nächsten, sondern auch mit dem Weistesten und Fernsten 
zusammenzuhängen, woraus dem Irrtum über Irrtum entspringt. Das nahe 
Phänomen hängt aber mit dem fernen nur in dem Sinne zusammen, dass 
sich alles auf wenige große Gesetze bezieht, die sich überall 
manifestieren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 874
%
Was ist das Allgemeine?
Der einzelne Fall.
Was ist das Besondere?
Millionen Fälle.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 875
%
Die Analogie hat zwei Verirrungen zu fürchten: Einmal, sich dem 
Witz hinzugeben, wo sie in nichts zerfließt, die andere, sich mit 
Tropen und Gleichnissen zu umhüllen, welches jedoch weniger schädlich 
ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 876
%
Weder Mythologie noch Legenden sind in der Wissenschaft zu 
dulden. Lasse man diese den Poeten, die berufen sind, sie nu Nutz und 
Freude der Welt zu behandeln. Der wissenschaftliche Mann beschränke 
sich auf die nächste klarste Gegenwart. Wollte derselbe jedoch 
gelegentlich als Rhetor auftreten, so sei ihm jenes auch nicht 
verwehrt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 877
%
Um mich zu retten, betrachte ich alle Erscheinungen als 
unabhängig voneinander und suche sie gewaltsam zu isolieren; dann 
betrachte ich sie als Korrelate, und sie verbinden sich zu einem 
entschiedenen Leben. Dies bezieh' ich vorzüglich auf Natur; aber auch 
in Bezug auf die neueste um uns her bewegte Weltgeschichte ist diese 
Betrachtungsweise fruchtbar.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 878
%
Alles, was wir Erfinden, Entdecken im höheren Sinne nennen, ist 
die bedeutende Ausübung, Betätigung eines originalen 
Wahrheitsgefühles, das, im stillen längst ausgebildet, unversehens 
mit Blitzesschnelle zu einer fruchtbaren Erkenntnis führt. Es ist 
eine aus dem Innern am Äußern sich entwickelnde Offenbarung, die den 
Menschen seine Gottähnlichkeit vorahnen lässt. Es ist eine Synthese 
von Welt und Geist, welche von der ewigen Harmonie des Daseins die 
seligste Versicherung gibt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 879
%
Der Mensch muss bei dem Glauben verharren, dass das 
Unbegreifliche begreiflich sei; er würde sonst nicht forschen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 880
%
Begreiflich ist jedes Besondere, das sich auf irgendeine Weise 
anwenden lässt. Auf diese Weise kann das Unbegreifliche nützlich 
werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 881
%
Es gibt eine zarte Empirie, die sich mit dem Gegenstand innigst 
identisch macht und dadurch zur eigentlichen Theorie wird. Diese 
Steigerung des geistigen Vermögens aber gehört einer hoch gebildeten 
Zeit an.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 882
%
Am widerwärtigsten sind die kricklichen Beobachter und grilligen 
Theoristen; ihre Versuche sind kleinlich und kompliziert, ihre 
Hypothesen abstrus und wunderlich.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 883
%
Es gibt Pedanten, die zugleich Schelme sind, und das sind die 
allerschlimmsten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 884
%
Um zu begreifen, dass der Himmel überall blau ist, braucht man 
nicht um die Welt zu reisen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 885
%
Das Allgemeine und Besondere fallen zusammen: Das Besondere ist 
das Allgemeine, unter verschiedenen Bedingungen erscheinend.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 886
%
Man braucht nicht alles selbst gesehen noch erlebt zu haben; 
willst du aber dem andern und seinen Darstellungen vertrauen, so 
denke, dass du es nun mit dreien zu tun hast: Mit dem Gegenstand und 
zwei Subjekten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 887
%
Grundeigenschaft der lebendigen Einheit: Sich zu trennen, sich 
zu vereinen, sich ins Allgemeine zu ergehen, im Besondern zu 
verharren, sich zu verwandeln, sich zu spezifizieren, und wie das 
Lebendige unter tausend Bedingungen sich dartun mag, hervorzutreten 
und zu verschwinden, zu solideszieren und zu verschmelzen, zu 
erstarren und zu fließen, sich auszudehnen und sich zusammenzuziehn. 
Weil nun alle diese Wirkungen im gleichen Zeitmoment zugleich 
vorgehen, so kann alles und jedes zu gleicher Zeit eintreten. 
Entstehen und Vergehen, Schaffen und Vernichten, Geburt und Tod, 
Freund' und Leid, alles wirkt durcheinander, in gleichem Sinn und 
gleicher Maße; deswegen denn auch das Besonderste, das sich ereignet, 
immer als Bild und Gleichnis des Allgemeinsten auftritt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 888
%
Ist das ganze Dasein ein ewiges Trennen und Verbinden, so folgt 
auch, dass die Menschen im Betrachten des ungeheuren Zustandes auch 
bald trennen, bald verbinden werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 889
%
Als getrennt muss sich darstellen: Physik von Mathematik. Jene 
muss in einer entschiedenen Unabhängigkeit bestehen und mit allen 
liebenden, verehrenden, frommen Kräften in die Natur und das heilige 
Leben derselben einzudringen suchen, ganz unbekümmert, was die 
Mathematik von ihrer Seite leistet und tut. Diese muss sich dagegen 
unabhängig von allem Äußern erklären, ihren eigenen großen 
Geistesgang gehen und sich selber reiner ausbilden, als es geschehen 
kann, wenn sie, wie bisher, sich mit dem Vorhandenen abgibt und 
diesem etwas abzugewinnen oder anzupassen trachtet.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 890
%
In der Naturforschung bedarf es eines kategorischen Imperativs 
so gut als im Sittlichen; nur bedenke man, dass man dadurch nicht am 
Ende, sondern erst am Anfang ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 891
%
Das Höchste wäre, zu begreifen, dass alles Faktische schon 
Theorie ist. Die Bläue des Himmels offenbart uns das Grundgesetz der 
Chromatik. Man suche nur nichts hinter den Phänomenen: Sie selbst 
sind die Lehre.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 892
%
In den Wissenschaften ist viel Gewisses, sobald man sich von den 
Ausnahmen nicht irremachen lässt und die Probleme zu ehren weiß.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 893
%
Wenn ich mich beim Urphänomen zuletzt beruhige, so ist es doch 
auch nur Resignation; aber es bleibt ein großer Unterschied, ob ich 
mich an den Grenzen der Menschheit resigniere oder innerhalb einer 
hypothetischen Beschränktheit meines bornierten Individuums.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 894
%
Wenn man die Probleme des Aristoteles ansieht, so erstaunt man 
über die Gabe des Bemerkens und für was alles die Griechen Augen 
gehabt haben. Nur begehen sie den Fehler der Übereilung, da sie von 
dem Phänomen unmittelbar zur Erklärung schreiten, wodurch denn ganz 
unzulängliche theoretische Aussprüche zum Vorschein kommen. Dieses 
ist jedoch der allgemeine Fehler, der noch heutzutage begangen wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 895
%
Hypothesen sind Gerüste, die man vor dem Gebäude aufführt, und 
die man abträgt, wenn das Gebäude fertig ist; sie sind dem Arbeiter 
unentbehrlich; nur muss er das Gerüste nicht für das Gebäude ansehn.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 896
%
Hypothesen sind Wiegenlieder, womit der Lehrer seine Schüler 
einlullt; der denkende treue Beobachter lernt immer mehr seine 
Beschränkung kennen; er sieht, je weiter sich das Wissen ausbreitet, 
desto mehr Probleme kommen zum Vorschein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 897
%
Wenn man den menschlichen Geist von einer Hypothese befreit, die 
ihn unnötig einschränkte, die ihn zwang, falsch zu sehen, falsch zu 
kombinieren, anstatt zu schauen zu grübeln, anstatt zu urteilen zu 
sophistisieren, so hat man ihm schon einen großen Dienst erzeigt. Er 
sieht die Phänomene freier, in andern Verhältnissen und Verbindungen 
an, er ordnet sie nach seiner Weise, und er erhält wieder die 
Gelegenheit, die unschätzbar ist, wenn er in der Folge bald dazu 
gelangt, seinen Irrtum selbst wieder einzusehen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 898
%
Unser Fehler besteht darin, dass wir am Gewissen zweifeln und 
das Ungewisse fixieren möchten. Meine Maxime bei der Naturforschung 
ist: Das Gewisse festzuhalten und dem Ungewissen aufzupassen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 899
%
Lässliche Hypothese nenn' ich eine solche, die man gleichsam 
schalkhaft aufstellt, um sich von der ernsthaften Natur widerlegen zu 
lassen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 900
%
Wie wollte einer als Meister in seinem Fach erscheinen, wenn er 
nichts Unnützes lehrte!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 901
%
Das Närrischste ist, dass jeder glaubt, überliefern zu müssen, 
was man gewusst zu haben glaubt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 902
%
Weil zum didaktischen Vortrag Gewissheit verlangt wird, indem 
der Schüler nichts Unsicheres überliefert haben will, so darf der 
Lehrer kein Problem stehen lassen und sich etwa in einiger Entfernung 
da herumbewegen. Gleich muss etwas bestimmt sein (bepaalt sagt der 
Holländer), und nun glaubt man eine Weile den unbekannten Raum zu 
besitzen, bis ein anderer die Pfähle wieder ausreißt und sogleich 
enger oder weiter abermals wieder bepfählt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 903
%
Lebhafte Frage nach der Ursache, Verwechselung von Ursache und 
Wirkung, Beruhigung in einer falschen Theorie sind von großer, nicht 
zu entwickelnder Schädlichkeit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 904
%
Wenn mancher sich nicht verpflichtet fühlte, das Unwahre zu 
wiederholen, weil er's einmal gesagt hat, so wären es ganz andere 
Leute geworden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 905
%
Das Falsche hat den Vorteil, dass man immer darüber schwätzen 
kann; das Wahre muss gleich genutzt werden, sonst ist es nicht da.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 906
%
Wer nicht einsieht, wie das Wahre praktisch erleichtert, mag 
gern daran mäkeln und häkeln, damit er nur sein irriges, mühseliges 
Treiben einigermaßen beschönigen könne.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 907
%
Die Deutschen, und sie nicht allein, besitzen die Gabe, die 
Wissenschaften unzugänglich zu machen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 908
%
Der Engländer ist Meister, das Entdeckte gleich zu nutzen, bis 
es wieder zu neuer Entdeckung und frischer Tat führt. Man frage nun, 
warum sie uns überall voraus sind.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 909
%
Der denkende Mensch hat die wunderliche Eigenschaft, dass er an 
die Stelle, wo das unaufgelöste Problem liegt, gerne ein 
Phantasiebild hinfabelt, das er nicht loswerden kann, wenn das 
Problem auch aufgelöst und die Wahrheit am Tage ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 910
%
Es gehört eine Geisteswendung dazu, um das gestaltlose Wirkliche 
in seiner eigensten Art zu fassen und es von Hirngespinsten zu 
unterscheiden, die sich denn doch auch mit einer gewissen 
Wirklichkeit lebhaft aufdringen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 911
%
Bei Betrachtung der Natur im großen wie im kleinen hab' ich 
unausgesetzt die Frage gestellt: Ist es der Gegenstand oder bist du 
es, der sich hier ausspricht? Und in diesem Sinne betrachtete ich 
auch Vorgänger und Mitarbeiter.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 912
%
Ein jeder Mensch sieht die fertige und geregelte, gebildete, 
vollkommene Welt doch nur als ein Element an, woraus er sich eine 
besondere ihm angemessene Welt zu erschaffen bemüht ist. Tüchtige 
Menschen ergreifen sie ohne Bedenken und suchen damit, wie es gehen 
will, zu gebaren; andere zaudern an ihr herum; einige zweifeln sogar 
an ihrem Dasein.
Wer sich von dieser Grundwahrheit recht durchdrungen fühlte, würde 
mit niemanden streiten, sondern nur die Vorstellungsart eines andern 
wie seine eigene als ein Phänomen betrachten. Denn wir erfahren fast 
täglich, dass der eine mit Bequemlichkeit denken mag, was dem andern 
zu denken unmöglich ist, und zwar nicht etwa in Dingen, die auf Wohl 
und Wehe nur irgendeinen Einfluss hätten, sondern in Dingen, die für 
uns völlig gleichgültig sind.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 913
%
Man weiß eigentlich das, was man weiß, nur für sich selbst. 
Spreche ich mit einem andern von dem, was ich zu wissen glaube, 
unmittelbar glaubt er's besser zu wissen, und ich muss mit meinen 
Wissen immer wieder in mich selbst zurückkehren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 914
%
Das Wahre fördert; aus dem Irrtum entwickelt sich nichts, er 
verwickelt uns nur.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 915
%
Der Mensch findet sich mitten unter Wirkungen und kann sich 
nicht enthalten, nach den Ursachen zu fragen; als ein bequemes Wesen 
greift er nach der nächsten als der besten und beruhigt sich dabei; 
besonders ist dies die Art des allgemeinen Menschenverstandes.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 916
%
Sieht man ein Übel, so wirkt man unmittelbar darauf, d.h. man 
kuriert unmittelbar aufs Symptom los.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 917
%
Die Vernunft hat nur über das Lebendige Herrschaft; die 
entstandene Welt, mit der sich die Geognosie abgibt, ist tot. Daher 
kann es keine Geologie geben, denn die Vernunft hat hier nichts zu 
tun.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 918
%
Wenn ich ein zerstreutes Gerippe finde, so kann ich es 
zusammenlesen und aufstellen; denn hier spricht die ewige Vernunft 
durch ein Analogon zu mir, und wenn es das Riesenfaultier wäre.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 919
%
Was nicht mehr entsteht, können wir uns als entstehend nicht 
denken. Das Entstandene begreifen wir nicht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 920
%
Der allgemeine neuere Vulkanismus ist eigentlich ein kühner 
Versuch, die gegenwärtige unbegreifliche Welt an eine vergangene 
unbekannte zu knüpfen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 921
%
Gleiche oder wenigstens ähnliche Wirkungen werden auf 
verschiedene Weise durch Naturkräfte hervorgebracht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 922
%
Nichts ist widerwärtiger als die Majorität: Denn sie besteht aus 
wenigen kräftigen Vorgängern, aus Schelmen, die sich akkommodieren, 
aus Schwachen, die sich assimilieren, und der Masse, die nachtrollt, 
ohne nur im mindesten zu wissen, was sie will.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 923
%
Die Mathematik ist, wie die Dialektik, ein Organ des innern 
höheren Sinnes; in der Ausübung ist sie eine Kunst wie die 
Beredsamkeit. Für beide hat nichts Wert als die Form; der Gehalt ist 
ihnen gleichgültig. Ob die Mathematik Pfennige oder Guineen berechne, 
die Rhetorik Wahres oder Falsches verteidige, ist beiden vollkommen 
gleich.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 924
%
Hier aber kommt es nun auf die Natur des Menschen an, der ein 
solches Geschäft betreibt, eine solche Kunst ausübt. Ein 
durchgreifender Advokat in einer gerechten Sache, ein durchdringender 
Mathematiker vor dem Sternenhimmel erscheinen beide gleich 
gottähnlich.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 925
%
Was ist an der Mathematik exakt als die Exaktheit? Und diese, 
ist sie nicht eine Folge des innern Wahrheitsgefühls?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 926
%
Die Mathematik vermag kein Vorurteil weg zu heben, sie kann den 
Eigensinn nicht lindern, den Parteigeist nicht beschwichtigen, nichts 
von allem Sittlichen vermag sie.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 927
%
Der Mathematiker ist nur insofern vollkommen, als er ein 
vollkommener Mensch ist, als er das Schöne des Wahren in sich 
empfindet; dann erst wird er gründlich, durchsichtig, umsichtig, 
rein, klar, anmutig, ja elegant wirken. Das alles gehört dazu, um La 
Grange ähnlich zu werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 928
%
Nicht die Sprache an und für sich ist richtig, tüchtig, 
zierlich, sondern der Geist ist es, der sich darin verkörpert; und so 
kommt es nicht auf einen jeden an, ob er seinen Rechnungen, Reden 
oder Gedichten die wünschenswerten Eigenschaften verleihen will: Es 
ist die Frage, ob ihm die Natur hiezu die geistigen und sittlichen 
Eigenschaften verliehen hat. Die geistigen: Das Vermögen der An- und 
Durchschauung; die sittlichen: Dass er die bösen Dämonen ablehne, die 
ihn hindern könnten, dem Wahren die Ehre zu geben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 929
%
Das Einfache durch das Zusammengesetzte, das Leichte durch das 
Schwierige erklären zu wollen, ist ein Unheil, das in dem ganzen 
Körper der Wissenschaft verteilt ist, von den Einsichtigen wohl 
anerkannt, aber nicht überall eingestanden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 930
%
Man sehe die Physik genau durch, und man wird finden, dass die 
Phänomene sowie die Versuche, worauf sie gebaut ist, verschiedenen 
Wert haben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 931
%
Auf die primären, die Urversuche, kommt alles an, und das 
Kapitel, das hierauf gebaut ist, steht sicher und fest; aber es gibt 
auch sekundäre, tertiäre usw. Gesteht man diesen das gleiche Recht 
zu, so verwirren sie nur das, was von den ersten aufgeklärt war.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 932
%
Ein großes Übel in den Wissenschaften, ja überall, entsteht 
daher, dass Menschen, die kein Ideenvermögen haben, zu theoretisieren 
sich vermessen, weil sie nicht begreifen, dass noch so vieles Wissen 
hiezu nicht berechtigt. Sie gehen im Anfange wohl mit einem löblichen 
Menschenverstand zu Werke, dieser aber hat seine Grenzen, und wenn er 
sie überschreitet, kommt er in Gefahr, absurd zu werden. Des 
Menschenverstandes angewiesenes Gebiet und Erbteil ist der Bezirk des 
Tuns und Handelns. Tätig wird er sich selten verirren; das höhere 
Denken, Schließen und Urteilen jedoch ist nicht seine Sache.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 933
%
Die Erfahrung nutzt erst der Wissenschaft, sodann schadet sie, 
weil die Erfahrung Gesetz und Ausnahme gewahr werden lässt. Der 
Durchschnitt von beiden gibt keineswegs das Wahre.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 934
%
Man sagt: Zwischen zwei entgegen gesetzten Meinungen liege die 
Wahrheit mitten inne. Keineswegs! Das Problem liegt dazwischen, das 
Unschaubare, das ewig tätige Leben in Ruhe gedacht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 935
%
In Neuyork sind neunzig verschiedene christliche Konfessionen, 
von welchen jede auf ihre Art Gott und den Herrn bekennt, ohne weiter 
aneinander ire zu werden. In der Naturforschung, ja in jeder 
Forschung, müssen wir es so weit bringen; denn was will das heißen, 
dass jedermann von Liberalität spricht und den andern hindern will, 
nach seiner Weise zu denken und sich auszusprechen!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 936
%
Der eingeborenste Begriff, der notwendigste, von Ursach' und 
Wirkung wird in der Anwendung die Veranlassung zu unzähligen sich 
immer wiederholenden Irrtümern.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 937
%
Ein großer Fehler, den wir begehen, ist, die Ursache der Wirkung 
immer nahe zu denken, wie die Sehne dem Pfeil, den sie fortschnellt; 
und doch können wir ihn nicht vermeiden, weil Ursache und Wirkung 
immer zusammengedacht und also im Geiste angenähert werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 938
%
Die nächsten fasslichen Ursachen sind greiflich und eben deshalb 
am begreiflichsten; weswegen wir uns gern als mechanisch denken, was 
höherer Art ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 939
%
Das Zurückführen der Wirkung auf die Ursache ist bloß ein 
historisches Verfahren, z.B. die Wirkung, dass ein Mensch getötet, 
auf die Ursache der los gefeuerten Büchse.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 940
%
Der Granit verwittert auch sehr gern in Kugel- und Eiform; man 
hat daher keineswegs nötig, die in Norddeutschland häufig gefundenen 
Blöcke solcher Gestalten wegen als im Wasser hin- und hergeschoben 
und durch Stoßen und Wälzen enteckt und entkantet zu denken.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 941
%
Fall und Stoß. Dadurch die Bewegung der Weltkörper erklären zu 
wollen, ist eigentlich ein versteckter Anthropomorphismus, es ist des 
Wanderers Gang über Feld. Der aufgehobene Fuß sinkt nieder, der 
zurückgebliebene strebt vorwärts und fällt; und immer so fort, vom 
Ausgehen bis zum Ankommen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 942
%
Wie wäre es, wenn man auf demselben Wege den Vergleich von dem 
Schrittschuhfahren hernähme? Wo das Vorwärtsdringen dem 
zurückbleibenden Fuße zukommt, indem er zugleich die Obliegenheit 
übernimmt, noch eine solche Anregung zu geben, dass sein nunmehriger 
Hintermann auch wieder eine Zeitlang sich vorwärts zu bewegen die 
Bestimmung erhält.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 943
%
Induktion habe ich mir nie selbst erlaubt, wollte sie ein 
anderer gegen mich gebrauchen, so wusst' ich solche sogleich 
abzulehnen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 944
%
Mitteilung durch Analogien halt' ich für so nützlich als 
angenehm; der analoge Fall will sich nicht aufdringen, nichts 
beweisen; er stellt sich einem andern entgegen, ohne sich mit ihm zu 
verbinden. Mehrere analoge Fälle vereinigen sich nicht zu 
geschlossenen Reihen, sie sind wie gute Gesellschaft, die immer mehr 
anregt als gibt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 945
%
Irren heißt, sich in einem Zustande befinden, als wenn das Wahre 
gar nicht wäre; den Irrtum sich und andern entdecken, heißt rückwärts 
erfinden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 946
%
Man sagt gar gehörig: Das Phänomen ist eine Folge ohne Grund, 
eine Wirkung ohne Ursache. Es fällt dem Menschen so schwer, Grund und 
Ursache zu finden, weil sie so einfach sind, dass sie sich dem Blick 
verbergen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 947
%
Was hat man sich nicht mit dem Granit beschäftigt! Man hat ihn 
mit in die neueren Epochen herangezogen, und doch entsteht keiner 
mehr vor unsern Augen. Geschäh' es im tiefsten Meeresgrunde, so 
hätten wir keine Kenntnis davon.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 948
%
Kein Phänomen erklärt sich an und aus sich selbst; nur viele 
zusammen überschaut, methodisch geordnet, geben zuletzt etwas, was 
für Theorie gelten könnte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 949
%
Bei Erweitung des Wissens macht sich von Zeit zu Zeit eine 
Umordnung nötig; sie geschieht meistens nach neueren Maximen, bleibt 
aber immer provisorisch.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 950
%
Männer vom Fach bleiben im Zusammenhange; dem Liebhaber dagegen 
wird es schwerer, wenn er die Notwendigkeit fühlt, nachzufolgen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 951
%
Deswegen sind Bücher willkommen, die uns sowohl das neu 
Empirisch-Aufgefundene als die neu beliebten Methoden darlegen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 952
%
In der Mineralogie ist dies höchst nötig, wo die 
Kristallographie so große Forderungen machten und wo die Chemie das 
Einzelne näher zu bestimmen und das Ganze zu ordnen unternimmt. Zwei 
Willkommene: Leonhard und Cleaveland.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 953
%
Wenn wir das, was wir wissen, nach anderer Methode oder wohl gar 
in fremder Sprache dargelegt finden, so erhält es einen sonderbaren 
Reiz der Neuheit und frischen Ansehens.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 954
%
Wenn zwei Meister derselben Kunst in ihrem Vortrag voneinander 
differieren, so liegt wahrscheinlicherweise das unauflösliche Problem 
in der Mitte zwischen beiden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 955
%
Die Geognosie des Herrn D'Aubussion de Voisins, übersetzt vom 
Herrn Wiemann, wie sie mir zuhanden kommt, fördert mich in diesem 
Augenblicke auf vielfache Weise, ob sie mich gleich im Hauptsinne 
betrübt; denn hier ist die Geognosie, welche doch eigentlich auf der 
lebendigen Ansicht der Weltoberfläche ruhen sollte, aller Anschauung 
beraubt und nicht einmal in Begriffe verwandelt, sondern auf 
Nomenklatur zurückgeführt, in welcher letzten Rücksicht sie freilich 
einem jeden und auch mir förderlich und nützlich ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 956
%
Die Kreise des wahren berühren sich unmittelbar, aber in den 
Intermundien hat der Irrtum Raum genug, sich zu ergehen und zu walten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 957
%
Die Natur bekümmert sich nicht um irgendeinen Irrtum; sie selbst 
kann nicht anders, als ewig recht handeln, unbekümmert, was daraus 
erfolgen möge.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 958
%
Natur hat zu nichts gesetzmäßige Freiheit, was sie nicht 
gelegentlich ausführte und zutage brächte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 959
%
Nicht allein der freie Stoff, sondern auch das Derbe und Dichte 
drängt sich zur Gestalt; ganze Massen sind von Natur und Grund aus 
kristallinisch; in einer gleichgültigen, formlosen Masse entsteht 
durch stöchiometrische Annäherung und Übereinandergreifen die 
porphyrartige Erscheinung, welche durch alle Formationen durchgeht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 960
%
Die Mineralienhändler beklagen sich, dass sich die Liebhaberei 
zu ihrer Ware in Deutschland vermindere, und geben der eindringlichen 
Kristallographie die Schuld. Es mag sein; jedoch in einiger Zeit wird 
gerade das Bestreben, die Gestalt genauer zu erkennen, auch den 
Handel wieder beleben, ja gewisse Exemplare kostbarer machen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 961
%
Kristallographie sowie Stöchiometrie vollendet auch den 
Oryktognosten; ich aber finde, dass man seit einiger Zeit in der 
Lehrmethode geirrt hat. Lehrbücher zu Vorlesungen und zugleich zum 
Selbstgebrauch, vielleicht gar als Teile zu einer wissenschaftlichen 
Enzyklopädie, sind nicht zu billigen; der Verleger kann sie 
bestellen, der Schüler nicht wünschen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 962
%
Lehrbücher sollen anlockend sein; das werden sie nur, wenn sie 
die heiterste, zugänglichste Seite des Wissens und der Wissenschaft 
darbieten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 963
%
Alle Männer vom Fach sind darin sehr übel dran, dass ihnen nicht 
erlaubt ist, das Unnütze zu ignorieren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 964
%
"Wir gestehn lieber unsre moralischen Irrtümer, Fehler und 
Gebrechen, als unsre wissenschaftlichen."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 965
%
Das kommt daher, weil das Gewissen demütig ist und sich sogar in 
der Beschämung gefällt; der Verstand aber ist hochmütig, und ein 
abgenötigter Widerruf bringt ihn in Verzweiflung.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 966
%
Daher kommt, dass offenbarte Wahrheiten erst im stillen 
zugestanden werden, sich nach un nach verbreiten, bis dasjenige, was 
man hartnäckig geleugnet hat, endlich als etwas ganz Natürliches 
erscheinen mag.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 967
%
Unwissende werfen Fragen auf, welche von Wissenden vor tausend 
Jahren schon beantwortet sind.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 968
%
Cartesius schrieb sein Buch "De Methodo" einige Male um, und wie 
es jetzt liegt, kann es uns doch nichts helfen. Jeder, der eine 
Zeitlang auf dem redlichen Forschen verharrt, muss seine Methode 
irgendeinmal umändern.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 969
%
Das neunzehnte Jahrhundert hat alle Ursache, hierauf zu achten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 970
%
So ganz leere Worte wie die von der Dekomposition und 
Polarisation des Lichts müssen aus der Physik hinaus, wenn etwas aus 
ihr werden soll. Doch wäre es möglich, ja es ist wahrscheinlich, dass 
diese Gespenster noch bis in die zweite Hälfte des Jahrhunderts 
hinüberspuken.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 971
%
Man nehme das nicht übel. Eben dasjenige, was niemand zugibt, 
niemand hören will, muss desto öfter wiederholt werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 972
%
Wir leben innerhalb der abgeleiteten Erscheinungen und wissen 
keineswegs, wie wir zur Urfrage kommen sollen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 973
%
In Wissenschaften, sowie auch sonst, wenn man sich über das 
Ganze verbreiten will, bleibt zur Vollständigkeit am Ende nichts 
übrig, als Wahrheit für Irrtum, Irrtum für Wahrheit geltend zu 
machen. Er kann nicht alles selbst untersuchen, muss sich an 
Überlieferung halten und, wenn er ein Amt haben will, den Meinungen 
seiner Gönner frönen. Mögen sich die sämtlichen akademischen Lehrer 
hiernach prüfen!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 974
%
Wer ein Phänomen vor Augen hat, denkt schon oft drüber hinaus; 
wer nur davon erzählen hört, denkt gar nichts.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 975
%
Man erkundige sich ums Phänomen, nehme es so genau damit als 
möglich und sehe, wie weit man in der Einsicht und in praktischer 
Anwendung damit kommen kann, und lasse das Problem ruhig liegen. 
Umgekehrt handeln die Physiker: Sie gehen gerade aufs Problem los und 
verwickeln sich unterwegs in so viel Schwierigkeiten, dass ihnen 
zuletzt jede Aussicht verschwindet.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 976
%
Deshalb hat die Petersburger Akademie auf ihre Preisfrage keine 
Antwort erhalten; auch der verlängerte Termin wird nichts helfen. Sie 
sollte jetzt den Preis verdoppeln und ihn demjenigen versprechen, der 
sehr klar und deutlich vor Augen legte: Warum keine Antwort 
eingegangen ist und warum sie nicht erfolgen konnte. Wer dies 
vermöchte, hätte jeden Preis wohl verdient.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 977
%
Da seit einiger Zeit meiner "Farbenlehre" mehr nachgefragt wird, 
machen sich frisch illuminierte Tafeln nötig. Indem ich nun dieses 
kleine Geschäft besorge, muss ich lächeln, welche unsäglich Mühe ich 
mir gegeben, das Vernünftige sowohl als das Absurde palpabel zu 
machen. Nach und nach wird man beides erfassen und anerkennen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 978
%
Der Newtonische Irrtum steht so nett im Konversationslexikon, 
dass man die Oktavseite nur auswendig lernen darf, um die Farbe fürs 
ganze Leben los zu sein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 979
%
Der Kampf mit Newton geht eigentlich in einer sehr niedern 
Region vor. Man bestreitet ein schlecht gesehenes, schlecht 
entwickeltes, schlecht angewendetes, schlecht theoretisiertes 
Phänomen. Man beschuldigt ihn in den früheren Versuchen einer 
Unvorsichtigkeit, in den folgenden einer Absichtlichkeit, beim 
Theoretisieren der Übereilung, beim Verteidigen der Hartnäckigkeit 
und im Ganzen einer halb bewusstlosen, halb bewussten Unredlichkeit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 980
%
Autorität. Ohne sie kann der Mensch nicht existieren, und doch 
bringt sie ebensoviel Irrtum als Wahrheit mit sich; sie verewigt im 
einzelnen, was einzeln vorübergehen sollte, und ist hauptsächlich 
Ursache, dass die Menschheit nicht vom Flecke kommt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 981
%
Aus dem Größten wie aus dem Kleinsten - nur durch künstlichste 
Mittel dem Menschen zu vergegenwärtigen - geht die Metaphysik der 
Erscheinungen hervor; in der Mitte ligt das Besondere, unsern Sinnen 
Angemessene, worauf ich angewiesen bin, deshalb aber die Begabten von 
Herzen segne, die jene Regionen zu mir heranbringen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 982
%
Da diejenigen, welche wissenschaftliche Versuche anstellen, 
selten wissen, was sie eigentlich wollen und was dabei herauskommen 
soll, so verfolgen sie ihren Weg meistenteils mit großem Eifer; bald 
aber, da eigentlich nichts Entschiedenes entstehen will, so lassen 
sie die Unternehmung fahren und suchen sie sogar andern verdächtig zu 
machen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 983
%
Nachdem man in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts 
dem Mikroskop so unendlich viel schuldig geworden war, so suchte man 
zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts dasselbe geringschätzig zu 
behandeln.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 984
%
Nachdem man in der neueren Zeit die meteorologischen 
Beobachtungen auf den höchsten Grad der Genauigkeit getrieben hatte, 
so will man sie nunmehr aus den nördlichen Gegenden verbannen und 
will sie nur dem Beobachter unter den Tropen zugestehen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 985
%
Ward man doch auch des Sexualsystems, das, im höhern Sinne 
genommen, so großen Wert hat, überdrüssig und wollte es verbannt 
wissen! Geht es doch mit der alten Kunstgeschichte ebenso, in der man 
seit fünfzig Jahren sich gewissenhaft zu üben und die Unterschiede 
der aufeinander folgenden Zeiten einzusehen sich auf das genauste 
bestrebt hat. Das soll nun alles vergebens gewesen und alles 
aufeinander Folgende als identisch und ununterscheidbar anzusehen 
sein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 986
%
Nach unserm Rat bleibe jeder auf dem eingeschlagenen Wege und 
lasse sich ja nicht durch Autorität imponieren, durch allgemeine 
Übereinstimmung bedrängen und durch Mode hinreißen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 987
%
Wie Sokrates den sittlichen Menschen zu sich berief, damit 
dieser ganz einfach einigermaßen über sich selbst aufgeklärt würde, 
so traten Plato und Aristoteles gleichfalls als befugte Individuen 
vor die Natur: Der eine mit Geist und Gemüt, sich ihr anzueignen, der 
andere mit Froscherblick und Methode, sie für sich zu gewinnen. Und 
so ist denn auch jede Annäherung, die sich uns im ganzen und 
einzelnen an diese dreie möglich macht, das Ereignis, was wir am 
freudigsten empfinden und was unsere Bildung zu befördern sich 
jederzeit kräftig erweist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 988
%
Um sich aus der grenzenlosen Vielfachheit, Zerstückelung und 
Verwicklung der modernen Naturlehre wieder ins Einfache zu retten, 
muss man sich immer die Frage vorlegen: Wie würde sich Plato gegen 
die Natur, wie sie uns jetzt in ihrer größern Mannigfaltigkeit, bei 
aller gründlichen Einheit, erscheinen mag, benommen haben?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 989
%
Denn wir glauben überzeugt zu sein, dass wir auf demselben Wege 
bis zu den letzten Verzweigungen der Erkenntnis organisch gelangen 
und von diesem Grund aus die Gipfel eines jeden Wissens uns nach und 
nach aufbauen und befestigen können. Wie uns hiebei die Tätigkeit des 
Zeitalters fördert und hindert, ist freilich eine Untersuchung, die 
wir jeden Tag anstellen müssen, wenn wir nicht das Nützliche abweisen 
und das Schädliche aufnehmen wollen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 990
%
Man rühmt das achtzehnte Jahrhundert, dass es sich hauptsächlich 
mit Analyse abgegeben; dem neunzehnten bleibt nun die Aufgabe, die 
falschen obwaltenden Synthesen zu entdecken und deren Inhalt aufs 
Neue zu analysieren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 991
%
Die Natur verstummt auf der Folter; ihre treue Antwort auf 
redliche Frage ist: Ja! Ja! Nein! Nein! Alles Übrige ist vom Übel.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 992
%
Man streiche zwei Stäbchen, einen rot an, den andern blau; man 
bringe sie nebeneinander ins Wasser, und einer wird gebrochen 
erscheinen wie der andere. Jeder kann dieses einfache Experiment mit 
den Augen des Leibes erblicken; wer es mit Geistesaugen beschaut, 
wird von tausend und abertausend irrtümlichen Paragraphen befreit 
sein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 993
%
Ein Phänomen, ein Versuch kann nichts beweisen; es ist das Glied 
einer großen Kette, das erst im Zusammenhange gilt. Wer eine 
Perlenschnur verdecken und nur die schönste einzeln vorzeigen wollte, 
verlangend, wir sollten ihm glauben, die übrigen seien alle so, 
schwerlich würde sich jemand auf den Handel einlassen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 994
%
Abbildungen, Wortbeschreibung, Maß, Zahl und Zeichen stellen 
noch immer kein Phänomen dar. Darum bloß konnte sich die Newtonische 
Lehre so lange halten, dass der Irrtum in dem Quartbande der 
lateinischen Übersetzung für ein paar Jahrhunderte einbalsamiert war.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 995
%
Die Natur füllt mit ihrer grenzenlosen Produktivität alle Räume. 
Betrachten wir nur bloß unsre Erde, alles, was wir bös, unglücklich 
nennen, kommt daher, dass sie nicht allem Entstehenden Raum geben, 
noch weniger ihm Dauer verleihen kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 996
%
Alles, was entsteht, sucht sich Raum und will Dauer; deswegen 
verdrängt es ein anderes vom Platz und verkürzt seine Dauer.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 997
%
Das Lebendige hat die Gabe, sich nach den vielfältigsten 
Bedingungen äußerer Einflüsse zu bequemen und doch eine gewisse 
errungene entschiedene Selbständigkeit nicht aufzugeben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 998
%
Man gedenke der leichten Erregbarkeit aller Wesen, wie der 
mindeste Wechsel einer Bedingung, jeder Hauch gleich in den Körpern 
Polarität manifestiert, die eigentlich in ihnen allen schlummert.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 999
%
Spannung ist der indifferent scheinende Zustand eines 
energischen Wesens, in völliger Bereitschaft sich zu manifestieren, 
zu differenzieren, zu polarisieren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1000
%
In der Phanerogamie ist noch so viel Kryptogamsiches, dass 
Jahrhunderte es nicht entziffern werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1001
%
Wenn in der Mathematik der menschliche Geist seine 
Selbständigkeit und unabhängige Tätigkeit gewahr wird und dieser ohne 
weiter Rücksicht ins Unendliche zu folgen sich geneigt fühlt, so 
flößt er zugleich der Erfahrungswelt ein solches Zutrauen ein, dass 
sie es an gelegentlichen Aufforderungen nicht fehlen lässt. 
Astronomie, Mechanik, Schiffsbau, Festungsbau, Artillerie, Spiel, 
Wasserleitung, Schnitt der Bausteine, Verbesserung der Fernröhre 
riefen in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts die 
Mathematik wechselsweise zu Hilfe.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1002
%
Die Mathematiker sind wunderliche Leute; durch das Große, was 
sie leisteten, haben sie sich zur Universalgilde aufgeworfen und 
wollen nichts anerkennen, als was in ihren Kreis passt, was ihr Organ 
behandeln kann. Einer der ersten Mathematiker sagte bei Gelegenheit, 
da man ihm ein physisches Kapitel andringlich empfehlen wollte: "Aber 
lässt sich denn gar nichts auf den Kalkül reduzieren?"
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1003
%
Falsche Vorstellung, dass man ein Phänomen durch Kalkül oder 
durch Worte abtun und beseitigen könne.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1004
%
Die Mathematiker sind eine Art Franzosen: Redet man zu ihnen, 
so übersetzen sie es in ihre Sprache, und dann ist es alsobald ganz 
etwas anders.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1005
%
Es folgt eben gar nicht, dass der Jäger, der das Wild erlegt, 
auch zugleich der Koch sein müsse, der es zubereitet. Zufälligerweise 
kann ein Koch mit auf die Jagd gehen und gut schießen; er würde aber 
einen bösen Fehlschuss tun, wenn er behauptete, um gut zu schießen, 
müsse man Koch sein. So kommen mir die Mathematiker vor, die 
behaupten, dass man in physischen Dingen nichts sehen, nichts finden 
könne, ohne Mathematiker zu sein, da sie doch immer zufrieden sein 
könnten, wenn man ihnen in die Küche bringt, das sie mit Formeln 
spicken und nach Belieben zurichten können.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1006
%
Wir müssen erkennen und bekennen, was Mathematik sei, wozu sie 
der Naturforschung wesentlich dienen könne, wohingegen sie nicht 
hingehöre, und in welche klägliche Abirrung Wissenschaft und Kunst 
durch falsche Anwendung seit ihrer Regeneration geraten sei.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1007
%
Die große Aufgabe wäre, die mathematisch-philosophischen 
Theorien aus den Teilen der Physik zu verbannen, in welchen sie 
Erkenntnis, anstatt zu fördern, nur verhindern, und in welchen die 
mathematische Behandlung durch Einseitigkeit der Entwicklung der 
neuern wissenschaftlichen Bildung eine so verkehrte Anwendung 
gefunden hat.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1008
%
Darzutun wäre, welches der wahre Weg der Naturforschung sei: 
Wie derselbe auf dem einfachsten Fortgange der Beobachtung beruhe, 
die Beobachtung zum Versuch zu steigern sei und wie dieser endlich 
zum Resultat führe.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1009
%
Tycho de Brahe, ein großer Mathematiker, vermochte sich nur 
halb von dem alten System loszulösen, das wenigstens den Sinnen gemäß 
war, das er aber aus Rechthaberei durch ein kompliziertes Uhrwerk 
ersetzen wollte, das weder den Sinnen zu schauen noch den Gedanken zu 
erreichen war.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1010
%
Newton als Mathematiker steht in so hohem Ruf, das der 
ungeschickteste Irrtum, nämlich das klare, reine, ewig ungetrübte 
Licht sei aus dunklen Lichtern zusammengesetzt, bis auf den heutigen 
Tag sich erhalten hat, und sind es nicht Mathematiker, die dieses 
Absurde noch immer verteidigen und gleich dem gemeinsten Hörer in 
Worten wiederholen, bei denen man nichts denken kann?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1011
%
Der Mathematiker ist angewiesen aufs Quantitative, auf alles, 
was sich durch Zahl und Maß bestimmen lässt, und also gewissermaßen 
auf das äußerlich erkennbare Universum. Betrachten wir aber dieses, 
insofern uns Fähigkeit gegeben ist, mit vollem Geiste und aus allen 
Kräften, so erkennen wir, dass Quantität und Qualität als die zwei 
Pole des erscheinenden Daseins gelten müssen; daher denn auch der 
Mathematiker seine Formelsprache so hoch steigert, um, insofern es 
möglich, in der messbaren und zählbaren Welt die unmessbare 
mitzubegreifen. Nun erscheint ihm alles greifbar, fasslich und 
mechanisch, und er kommt in den Verdacht eines heimlichen Atheismus, 
indem er ja das Unmessbarste, welches wir Gott nennen, zugleich mit 
zu erfassen glaubt, und daher dessen besonderes oder vorzügliches 
Dasein aufzugeben scheint.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1012
%
Der Sprache liegt zwar die Verstandes- und Vernunftsfähigkeit 
des Menschen zum Grunde, aber sie setzt bei dem, der sich ihrer 
bedient, nicht eben reinen Verstand, ausgebildete Vernunft, redlichen 
Willen voraus. Sie ist ein Werkzeug, zweckmäßig und willkürlich zu 
gebrauchen; man kann sie ebenso gut zu einer spitzfindig-verwirrenden 
Dialektik wie zu einer verworren-verdüsternden Mystik verwenden, man 
missbraucht sie bequem zu hohlen und nichtigen prosaischen und 
poetischen Phrasen, ja man versucht, prosodisch untadelhafte und doch 
nonsensikalische Verse zu machen.
Unser Freund, der Ritter Ciccolini, sagt: "Ich wünschte wohl, dass 
alle Mathematiker in ihren Schriften des Genies und der Klarheit 
eines La Grange sich bedienten", das heißt: Möchten doch alle den 
gründlich-klaren Sinn eines La Grange besitzen und mit solchem Wissen 
und Wissenschaft behandeln!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1013
%
Der Newtonische Versuch, auf dem die herkömmliche Farbenlehre 
beruht, ist von der vielfachsten Komplikation; er verknüpft folgende 
Bedingungen:
Damit das Gespenst erscheine, ist nötig:
   1. ein gläsern Prisma;
   2. dieses dreiseitig,
   3. klein;
   4. ein Fensterladen;
   5. eine Öffnung darin;
   6. diese sehr klein;
   7. Sonnenbild, das hereinfällt;
   8. in einer gewissen Entfernung, in einer
   9. gewissen Richtung aufs Prisma fällt;
   10. sich auf einer Tafel abbildet,
   11. die in einer gewissen Entfernung hinter das Prisma gestellt 
ist.
Nehme man von diesen Bedingungen 3., 6. und 11. weg: Man mache die 
Öffnung groß, man nehme ein großes Prisma, man stelle die Tafel nah 
heran, und das beliebte Spektrum kann und wird nicht zum Vorschein 
kommen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1014
%
Man spricht geheimnisvoll von einem wichtigen Experimente, 
womit man die Lehre erst recht befestigen will; ich kenn' es recht 
gut und kann es auch darstellen: Das ganze Kunststück ist, dass zu 
obigen Bedingungen noch ein paar hinzugefügt werden, wodurch das 
Hokuspokus sich noch mehr verwickelt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1015
%
Der Fraunhoferische Versuch, wo Querlinien im Spektrum 
erscheinen, ist von derselben Art, sowie auch die Versuche, wodurch 
eine neue Eigenschaft des Lichts entdeckt werden soll. Sie sind 
doppelt und dreifach kompliziert; wenn sie was nützen sollten, 
müssten sie in ihre Elemente zerlegt werden, welches dem Wissenden 
nicht schwer fällt, welches aber zu fassen und zu begreifen kein Laie 
weder Vorkenntnis noch Geduld, kein Gegner weder Intention noch 
Redlichkeit genug mitbringt: Man nimmt lieber überhaupt an, was man 
sieht, und zieht die alte Schlussfolge daraus.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1016
%
Ich weiß wohl, dass diese Worte vergebens dastehn; aber sie 
mögen als offenbares Geheimnis der Zukunft bewahrt bleiben. 
Vielleicht interessiert sich auch noch einmal ein La Grange für diese 
Angelegenheit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1017
%
Der Historiker kann und braucht nicht alles aufs Gewisse zu 
führen; wissen doch die Mathematiker auch nicht zu erklären, warum 
der Komet von 1770, der in fünf oder elf Jahren wiederkommen sollte, 
sich zur bestimmten Zeit noch nicht wieder hat sehen lassen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1018
%
Hundert graue Pferde machen nicht einen einzigen Schimmel.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1019
%
Licht und Geist, jenes im Physischen, dieser im Sittlichen 
herrschend, sind die höchsten denkbaren unteilbaren Energien.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1020
%
Ich habe nichts dagegen, wenn man die Farbe sogar zu fühlen 
glaubt; ihr eigenes Eigenschaftliche würde nur dadurch noch mehr 
betätigt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1021
%
Auch zu schmecken ist sie. Blau wird alkalisch, Gelbrot sauer 
schmecken. Alle Manifestationen der Wesenheiten sind verwandt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1022
%
Und gehört die Farbe nicht ganz eigentlich dem Gesicht an?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1023
%
Alles ist einfacher, als man denken kann, zugleich 
verschränkter, als zu begreifen ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1024
%
Diejenigen, die das einzige grundklare Licht aus farbigen 
Lichtern zusammensetzen, sind die eigentlichen Obskuranten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1025
%
Wer sich an eine falsche Vorstellung gewöhnt, dem wird jeder 
Irrtum willkommen sein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1026
%
Deswegen sagte man ganz richtig: "Wer die Menschen betrügen 
will, muss vor allen Dingen das Absurde plausibel machen."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1027
%
Wer das Falsche verteidigen will, hat alle Ursache, leise 
aufzutreten und sich zu einer feinen Lebensart zu bekennen. Wer das 
Recht auf seiner Seite fühlt, muss derb auftreten; ein höfliches 
Recht will gar nichts heißen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1028
%
Schon jetzt erklären die Meister der Naturwissenschaften die 
Notwendigkeit monographischer Behandlung und also das Interesse an 
Einzelheiten. Dies ist aber nicht denkbar ohne eine Methode, die das 
Interesse an der Gesamtheit offenbart. Hat man das erlangt, so 
braucht man friedlich nicht in Millionen Einzelheiten umherzutasten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1029
%
Zur Methode wird nur der getrieben, dem die Empirie lästig wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1030
%
Nicht alles Wünschenswerte ist erreichbar, nicht alles 
Erkennenswerte erkennbar.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1031
%
Je weiter man in der Erfahrung fortrückt, desto näher kommt man 
dem Unerforschlichen; je mehr man die Erfahrung zu nutzen weiß, desto 
mehr sieht man, dass das Unerforschliche keinen praktischen Nutzen 
hat.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1032
%
Das schönste Glück des denkenden Menschen ist, das 
Erforschliche erforscht zu haben und das Unerforschliche ruhig zu 
verehren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1033
%
Derjenige, der sich mit Einsicht für beschränkt erklärt, ist 
der Vollkommenheit am nächsten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1034
%
Die Erscheinung ist vom Beobachter nicht losgelöst, vielmehr in 
die Individualität desselben verschlungen und verwickelt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1035
%
Was die Wissenschaften am meisten retardiert, ist, dass 
diejenigen, die sich damit beschäftigen, ungleiche Geister sind.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1036
%
Es ist ihnen wohl Ernst, aber sie wissen nicht, was sie mit dem 
Ernst machen sollen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1037
%
Von dem, was sie verstehen, wollen sie nichts wissen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1038
%
Vor zwei Dingen kann man sich nicht genug in Acht nehmen: 
Beschränkt man sich in seinem Fach, vor Starrsinn, tritt man heraus, 
vor Unzulänglichkeit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1039
%
Das Unzulängliche widerstrebt mehr, als man denken sollte, dem 
Auslangenden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1040
%
Die Menschen, da sie zum Notwendigen nicht hinreichen, bemühen 
sich ums Unnütze.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1041
%
Im sechzehnten Jahrhundert gehören die Wissenschaften nicht 
diesem oder jenem Menschen, sondern der Welt. Diese hat sie, besitzt 
die pp., der Mensch ergreift nur den Reichtum.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1042
%
Das Jahrhundert ist vorgerückt; jeder einzelne aber fängt doch 
von vorne an.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1043
%
Alle Individuen und, wenn sie tüchtig sind und auf andre 
wirken, ihre Schulen sehen das Problematische in den Wissenschaften 
als etwas an, wofür oder wogegen man streiten soll, eben als wenn es 
eine andere Lebenspartei wäre, anstatt dass das Wissenschaftliche 
eine Auflösung, Ausgleichung oder eine Aufstellung unausgleichbarer 
Antinomien fordert.
In diesem Falle ist Aguilonius.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1044
%
Wenn jemand spricht, er habe mich widerlegt, so bedenkt er 
nicht, dass er nur eine Ansicht der meinigen entgegen aufstellt; 
dadurch ist ja noch nichts ausgemacht. Ein Dritter hat eben das 
Recht, und so ins Unendliche fort.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1045
%
Der Fehler schwacher Geister ist, dass sie im Reflektieren 
sogleich vom Einzelnen ins Allgemeine gehen, anstatt dass man nur in 
der Gesamtheit das Allgemeine suchen kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1046
%
Urphänomen: Ideal-real-symbolisch-identisch.
   Ideal, als das letzte Erkennbare
   real, als erkannt;
   symbolisch, weil es alle Fälle begreift;
   identisch, mit allen Fällen.
   Empirie: Unbegrenzte Vermehrung derselben. Verzweiflung an 
Vollständigkeit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1047
%
Das Wissen beruht auf der Kenntnis des zu Unterscheidenden, die 
Wissenschaft auf der Anerkennung des nicht zu Unterscheidenden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1048
%
Das Wissen wird durch das Gewahrwerden seiner Lücken, durch das 
Gefühl seiner Mängel zur Wissenschaft geführt, welche vor, mit und 
nach allem Wissen besteht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1049
%
Im Wissen und Nachsinnen ist Falsches und Wahres. Wie das sich 
nun das Ansehen der Wissenschaft gibt, so wird's ein wahr-lügenhaftes 
Wesen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1050
%
Bei wissenschaftlichen Streitigkeiten nehme man sich in Acht, 
die Probleme nicht zu vermehren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1051
%
Zum Ergreifen der Wahrheit braucht es eines höheren Organs als 
zur Verteidigung des Irrtums.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1052
%
Etwas Theoretisches populär zu machen, muss man es absurd 
darstellen. Man muss es erst selbst ins Praktische einführen; dann 
gilt's für alle Welt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1053
%
Indem wir der Einbildungskraft zumuten, das Entstehen statt des 
Entstandenen, der Vernunft die Ursache statt der Wirkung zu 
reproduzieren und auszusprechen, so haben wir zwar beinahe nichts 
getan, weil es nur ein Umsetzen der { Anschauung / Vorstellung } ist. 
Aber genug für den Menschen, der vielleicht im Verhältnis { zur / 
gegen die } Außenwelt nicht mehr leisten kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1054
%
Alles, was im Subjekt ist, ist im Objekt und noch etwas mehr.
Alles, was im Objekt ist, ist im Subjekt und noch etwas mehr.
Wir sind auf doppelte Weise verloren oder geborgen: Gestehen wir 
dem Objekt sein Mehr zu, pochen wir auf unser Subjekt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1055
%
Poesie deutet auf die Geheimnisse der Natur und sucht sie 
durchs Bild zu lösen. Philosophie deutet auf die Geheimnisse der 
Vernunft und sucht sie durchs Wort zu lösen. (Naturphilosophie, 
Experimentalphilosophie.) Mystik deutet auf die Geheimnisse der Natur 
und Vernunft und sucht sie durch Wort und Bild zu lösen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1056
%
Wer die Natur als göttliches Organ leugnen will, der leugne nur 
gleich alle Offenbarung.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1057
%
Die Natur verbirgt Gott; aber nicht jedem.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1058
%
Die Frage über die Instinkte der Tiere lässt sich nur durch den 
Begriff von Monaden und Entelechien auflösen.
Jede Monas ist eine Entelechie, die unter gewissen Bedingungen zur 
Erscheinung kommt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1059
%
Aus der Natur, nach welcher Seite hin man schaue, entspringt 
Unendliches.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1060
%
Begriff ist Summe, Idee Resultat der Erfahrung; jene zu ziehen, 
wird Verstand, dieses zu erfassen, Vernunft erfordert.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1061
%
Was man Idee nennt: Das, was immer zur Erscheinung kommt und 
daher als Gesetz aller Erscheinungen uns entgegentritt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1062
%
Nur im Höchsten und im Gemeinsten trifft Idee und Erscheinung 
zusammen; auf allen mittlern Stufen des Betrachtens und Erfahrens 
trennen sie sich. Das Höchste ist das Anschauen des Verschiednen als 
identisch; das Gemeinste ist die Tat, das aktive Verbinden des 
Getrennten zur Identität.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1063
%
Was uns so sehr irre macht, wenn wir die Idee in der 
Erscheinung anerkennen sollen, ist, dass sie oft und gewöhnlich den 
Sinnen widerspricht.
Das Kopernikanische System beruht auf einer Idee, die schwer zu 
fassen war und noch täglich unseren Sinnen widerspricht. Wir sagen 
nur nach, was wir nicht erkennen noch begreifen.
Die Metamorphose der Pflanzen widerspricht gleichfalls unsren 
Sinnen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1064
%
Das Erhabene, durch Kenntnis nach und nach vereinzelt, tritt 
vor unserm Geist nicht leicht wieder zusammen, und so werden wir 
stufenweise um das Höchste gebracht, was uns gegönnt war, um die 
Einheit, die uns in vollem Maß zur Mitempfindung des Unendlichen 
erhebt, dagegen wir bei vermehrter Kenntnis immer kleiner werden. Da 
wir vorher mit dem Ganzen als Riesen standen, sehen wir uns als 
Zwerge gegen die Teile.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1065
%
Es ist ein angenehmes Geschäft, die Natur zugleich und sich 
selbst zu erforschen, weder ihr noch seinem Geiste Gewalt anzutun, 
sondern beide durch gelinden Wechseleinfluss miteinander ins 
Gleichgewicht zu setzen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1066
%
Sich den Objekten in der Breite gleichstellen, heißt lernen; 
die Objekte in ihrer Tiefe auffassen, heißt erfinden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1067
%
Was man erfindet, tut man mit Liebe, was man gelernt hat, mit 
Sicherheit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1068
%
Was ist denn das Erfinden? Es ist der Abschluss des Gesuchten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1069
%
Was ist der Unterschied zwischen Axiom und Enthymem? Axiom: Was 
wir von Haus aus, ohne Beweis anerkennen; Enthymem: Was uns an viele 
Fälle erinnert und das zusammenknüpft, was wir schon einzeln 
erkannten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1070
%
Die Freude des ersten Gewahrwerdens, des so genannten 
Entdeckens, kann uns niemand nehmen, Verlangen wir aber auch ehre 
davon, die kann uns sehr verkümmert werden; denn wir sind meistens 
nicht die ersten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1071
%
Was heißt auch erfinden und wer kann sagen, dass er dies oder 
jenes erfunden habe? Wie es denn überhaupt, auf Priorität zu pochen, 
wahre Narrheit ist; denen s ist nur bewusstloser Dünkel, wenn man 
sich nicht redlich als Plagiarier bekennen will.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1072
%
Mit den Ansichten, wenn sie aus der Welt verschwinden, gehen 
oft die Gegenstände selbst verloren. Kann man doch im höheren Sinne 
sagen, dass die Ansicht der Gegenstand sei.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1073
%
Es ist viel mehr schon entdeckt, als man glaubt.
Da die Gegenstände durch die Ansichten der Menschen erst aus dem 
Nichts hervorgehoben werden, so kehren sie, wenn sich die Ansichten 
verlieren, auch wieder ins Nichts zurück: Rundung der Erde, Platos 
Bläue.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1074
%
Es sind zwei Gefühle die schwersten zu überwinden: Gefunden zu 
haben, was schon gefunden ist, und nicht gefunden zu sehen, was man 
hätte finden sollen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1075
%
Denken ist interessanter als Wissen, aber nicht als Anschauen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1076
%
Das Schrecklichste für den Schüler ist, dass er sich am Ende 
doch gegen den Meister wiederherstellen muss. Je kräftiger das ist, 
was dieser gibt, in desto größerem Unmut, ja Verzweiflung ist der 
Empfangende.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1077
%
Man datiert von Baco von Verulam eine Epoche der 
Erfahrungs-Naturwissenschaften. Ihr Weg ist jedoch durch theoretische 
Tendenzen oft durchschnitten und ungangbar gemacht worden. Genau 
besehen, kann und soll man von jedem Tag eine neue Epoche datieren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1078
%
Jeden Tag hat man Ursache, die Erfahrung aufzuklären und den 
Geist zu reinigen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1079
%
Der gemeine Wissenschaftler hält alles für überlieferbar und 
fühlt nicht, dass die Niedrigkeit seiner Ansichten ihn sogar das 
eigentlich Überlieferbare nicht fassen lässt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1080
%
Wenn in Wissenschaften alte Leute retardieren, so 
retrogradieren junge. Alte leugnen die Vorschritte, wenn sie nicht 
mit ihren früheren Ideen zusammenhängen; junge, wenn sie der Idee 
nicht gewachsen sind und doch auch etwas Außerordentliches leisten 
möchten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1081
%
Das wäre wohl der werteste Professor der Physik, der die 
Nichtigkeit seines Kompendiums und seiner Figuren, gegen die Natur 
und gegen die höh'ren Forderungen des Geists gehalten, durchaus zur 
Anschauung bringen könnte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1082
%
Alle Hypothesen hindern den '??????????ó?, das Wiederbeschauen, 
das Betrachten der Gegenstände, der fraglichen Erscheinungen von 
allen Seiten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1083
%
Wer kann sagen, dass er eine Neigung zur reinen Erfahrung habe? 
Was Baco dringend empfohlen hatte, glaubte jeder zu tun, und wem 
gelang es?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1084
%
Die Konstanz der Phänomene ist allein bedeutend; was wir dabei 
denken, ist ganz einerlei.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1085
%
Die Phänomene sind nichts wert, als wenn sie uns eine tiefere 
reichere Einsicht in die Natur gewähren oder wenn sie uns zum Nutzen 
anzuwenden sind.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1086
%
Die schönste Metamorphose des unorganischen Reiches ist, wenn 
beim Entstehen das Amorphe sich ins Gestaltete verwandelt. Jede Masse 
hat hiezu Trieb und Recht. Der Glimmerschiefer verwandelt sich in 
Granaten und bildet oft Gebirgsmassen, in denen der Glimmer beinahe 
ganz aufgehoben ist und nur als geringes Bindungsmittel sich zwischen 
jenen Kristallen befindet.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1087
%
Die Vögel sind ganz späte Erzeugnisse der Natur.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1088
%
Das Große, Überkolossale der Natur eignet man so leicht sich 
nicht an; denn wir haben nicht reine Verkleinerungsgläser, wie wir 
Linsen haben, um das unendlich Kleine zu gewahren. Und da muss man 
doch noch Augen haben wie Carus und Nees, wenn dem Geiste Vorteil 
entstehen soll.
Da jedoch die Natur im Größten wie im Kleinsten sich immer gleich 
ist und eine jede trübe Scheibe so gut die schöne Bläue darstellt wie 
die ganze weltüberwölkende Atmosphäre, so find' ich es geraten, auf 
Musterstücke aufmerksam zu sein und sie vor mir zusammenzulegen. Hier 
nun ist das Ungeheure nicht verkleinert, sondern im Kleinen, und 
ebenso unbegreiflich als im Unendlichen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1089
%
"Nur die gegenwärtige Wissenschaft gehört uns an, nicht die 
vergangne, noch die zukünftige."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1090
%
In der Geschichte der Naturforschung bemerkt man durchaus, dass 
die Beobachter von der Erscheinung zu schnell zur Theorie hineilen, 
und dadurch unzulänglich, hypothetisch werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1091
%
Wir würden unser Wissen nicht für Stückwerk erklären, wenn wir 
nicht einen Begriff von einem Ganzen hätten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1092
%
Die Wissenschaften so gut als die Künste bestehen in einem 
überlieferbaren (realen), erlernbaren Teil und in einem 
unüberlieferbaren (idealen), unlernbaren Teil.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1093
%
In der Geschichte der Wissenschaften hat der ideale Teil ein 
ander Verhältnis zum realen als in der übrigen Weltgeschichte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1094
%
Geschichte der Wissenschaften: Der reale Teil sind die 
Phänomene, der ideale die Ansichten der Phänomene.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1095
%
Vier Epochen der Wissenschaften: Kindliche, poetische, 
abergläubische; empirische, forschende, neugierige; dogmatische, 
didaktische, pedantische; ideelle, methodische, mystische.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1096
%
Kant beschränkt sich mit Vorsatz in einen gewissen Kreis und 
deutet ironisch immer darüber hinaus.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1097
%
Es ist das Eigne zu bemerken, dass der Mensch sich mit dem 
einfachen Erkennbaren nicht begnügt, sondern auf die verwickelteren 
Probleme losgeht, die er vielleicht nie erfassen wird. Jenes einfache 
Fassliche ist durchaus anwendbar und nützlich und kann uns ein ganzes 
Leben durch beschäftigen, wenn es uns genügt und belebt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1098
%
Theorie und Erfahrung (Phänomen) stehen gegeneinander in 
beständigem Konflikt. Alle Vereinigung in der Reflexion ist eine 
Täuschung; nur durch Handeln können sie vereinigt werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1099
%
Es gibt jetzt eine böse Art, in den Wissenschaften abstrus zu 
sein: Man entfernt sich vom gemeinen Sinne, ohne einen höhern 
aufzuschließen, transzendiert, phantasiert, fürchtet lebendiges 
Anschauen, und wenn man zuletzt ins Praktische will und muss, wird 
man auf einmal atomistisch und mechanisch.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1100
%
Die Wissenschaften zerstören sich auf doppelte Weise selbst: 
Durch die Breite, in die sie gehen, und durch die Tiefe, in die sie 
sich versenken.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1101
%
Alles, was man in Wissenschaften fordert, ist so ungeheuer, 
dass man recht gut begreift, dass gar nichts geleistet wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1102
%
Wir leben in einer Zeit, wo wir uns täglich mehr angeregt 
fühlen, die beiden Welten, denen wir angehören, die obere und die 
untere, als verbunden zu betrachten, das Ideelle im Reellen 
anzuerkennen und unser jeweiliges Missbehagen mit dem Endlichen durch 
Erhebung ins Unendliche zu beschwichtigen. Die großen Vorteile, die 
dadurch zu gewinnen sind, wissen wir unter den mannigfaltigsten 
Umständen zu schätzen und sie besonders auch den Wissenschaften und 
Künsten mit kluger Tätigkeit zuzuwenden.
Nachdem wir uns nun zu dieser Einsicht erhoben, so sind wir nicht 
mehr in dem Falle, bei Behandlung der Naturwissenschaften die 
Erfahrung der Idee entgegenzusetzen, wir gewöhnen uns vielmehr, die 
Idee in der Erfahrung aufzusuchen, überzeugt, dass die Natur nach 
Ideen verfahre, ingleichen dass der Mensch in allem, was er beginnt, 
eine Idee verfolge. Wobei denn freilich zu bedenken ist, dass die 
Idee in ihrem Entspringen und ihrer Richtung vielfach erscheint und 
in diesem Sinne als von verschiedenem Werte geachtet werden könne.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1103
%
Hier aber werden wir vor allen Dingen bekennen und aussprechen, 
dass wir mit Bewusstsein uns in der Region befinden, wo Metaphysik 
und Naturgeschichte übereinander greifen, also da, wo der ernste, 
treue Forscher am liebsten verweilt. Denn hier wird er durch den 
Zudrang grenzenloser Einzelheiten nicht mehr geängstigt, weil er den 
hohen Einfluss der einfachsten Idee schätzen lernt, welche auf die 
verschiedenste Weise Klarheit und Ordnung dem Vielfältigsten zu 
verleihen geeignet ist.
Indem nun der Naturforscher sich in dieser Denkweise bestärkt, im 
höheren Sinne die Gegenstände betrachtet, so gewinnt er eine 
Zuversicht und kommt dadurch dem Erfahrenden entgegen, welcher nur 
mit gemessener Bescheidenheit ein Allgemeines anzuerkennen sich 
bequemt.
Er tut wohl, das Hypothese zu nennen, was schon gegründet ist; mit 
desto mehr freudiger Überzeugung findet auch er, dass hier ein wahres 
Übereintreffen stattfindet. Er fühlt es, wie wir es auch seinerzeit 
empfunden haben.
Im Gefolg hievon wird sich nun keine Spur von Widerstreit 
hervortun, nur eine Ausgleichung geringer Differenzen wird sich hie 
und da nötig machen, und beide Teile werden sich eines gemeinsamen 
Erfolges zu erfreuen haben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1104
%
Bei allem nun hat der treue Forscher sich selbst zu beobachten 
und zu sorgen, dass, wie er die Organe bildsam sieht, er sich auch 
die Art zu sehen bildsam erhalte, damit er nicht überall schroff bei 
einerlei Erklärungsweise verharre, sondern in jedem Falle die 
bequemste, der Ansicht, dem Anschauen analogste zu wählen verstehe.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1105
%
Es ist ein großer Unterschied, ob ich mich aus dem Hellen ins 
Dunkle oder aus dem Dunklen ins Helle bestrebe; ob ich, wenn die 
Klarheit mir nicht mehr zusagt, mich mit einer gewissen Dämmerung zu 
umhüllen trachte, oder ob ich, in der Überzeugung, dass das Klare auf 
einem tiefen, schwer erforschten Grund ruhe, auch von diesem immer 
schwer auszusprechen Grunde das Mögliche mit herauf zu nehmen bedacht 
bin. Ich halte daher immer für vorteilhafter: Der Naturforscher 
bekenne sogleich, dass er in einzelnen Fällen es zugibt, wo das 
Verschweigen nur allzu deutlich hervortritt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1106
%
Durch die Pendelschläge wird die Zeit, durch die 
Wechselbewegung von Idee und Erfahrung die sittliche und 
wissenschaftliche Welt regiert.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1107
%
Nicht allein die Erscheinungen, was man eigentlich so nennen 
kann, welche immer mehr oder weniger den Sinnen unterworfen, doch 
zuletzt aus einem höhern Begriff gedeutet werden müssen, sollen wir 
aufmerksam betrachten, aber auch die Symptome von irgendwelcher Art 
haben wir zu beachten. Ich machte hier auf das Ausdehnen und 
Zusammenziehen im Verlauf des Pflanzenlebens aufmerksam und erinnere 
wieder daran durch folgende Betrachtung.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1108
%
Bei einer noch so ausgearbeiteten Nomenklatur haben wir zu 
denken, dass es nur eine Nomenklatur ist, ein Wort, ein irgendeiner 
Erscheinung angepasstes, aufgeheftetes Silbenmerkmal sei und also die 
Natur keineswegs vollkommen ausspreche, und deshalb nur als Behelf zu 
unsrer Bequemlichkeit angesehen werden sollte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1109
%
Die scharf unterscheidende, genau beschreibende Botanik ist in 
mehr als einem Sinne höchst ehrwürdig, indem sie die Gabe zu trennen, 
zu sondern, zu vergleichen, wie sie dem Menschengeiste gegeben ist, 
in ihrer höchsten Ausübung zu betätigen trachtet, sodann aber auch 
ein Beispiel gibt, wie weit man mit der Sprache, eben jenem ins 
Einzelnste dringenden Beobachtungstalent, das kaum zu 
Unterscheidende, sobald es entdeckt worden, zu benennen und zu 
bezeichnen vermöge.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1110
%
Eine zwar niedere, doch schon ideelle Unternehmung des Menschen 
ist das Zählen, wodurch im gemeinen Leben so vieles verrichtet wird; 
die große Bequemlichkeit jedoch, die allgemeine Fasslichkeit und 
Erreichbarkeit gibt dem Ordnen nach der Zahl auch in den 
Wissenschaften Eingang und Beifall. Das Linnésche System erlangte 
eben durch diese Gemeinheit seine Allgemeinheit, doch widerstrebt es 
einer höheren Einsicht mehr, als dass es solche förderte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1111
%
Wie wir Menschen in allem Praktischen auf ein gewisses Mittlere 
gewiesen sind, so ist es auch im Erkennen. Die Mitte, von da aus 
gerechnet, wo wir stehen, erlaubt wohl auf- und abwärts mit Blick und 
Handeln uns zu bewegen, nur Anfang und Ende erreichen wir nie, weder 
mit Gedanken noch Tun, daher es rätlich ist, sich zeitig davon 
loszusagen.
Ebendies gilt von der Geognosie: das mittlere Wirken der 
Weltgenese sehen wir leidlich klar und vertragen uns ziemlich 
darüber; Anfang und Ende dagegen, jenen in den Granit, dieses in den 
Basalt gesetzt, werden uns ewig problematisch bleiben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1112
%
Wenn bei einem problematischen, verschiedene Ansichten 
zulassenden Gegenstand eine Vorstellungsrat didaktisch geworden, so 
fragt sich, was man gewinnt, indem man eine gegen die andere 
vertauscht. Wenn ich statt Granit-Gneis sage Gneis- Granit, so wird 
nur evident, dass beide Gebirgsarten, als nah verwandt, ineinander 
übergehend gefunden werden, so dass wir bald den einen, bald den 
andern Ausdruck zu gebrauchen und veranlasst glauben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1113
%
Warum ich zuletzt am liebsten mit der Natur verkehre, ist, weil 
sie immer Recht hat und der Irrtum bloß auf meiner Seite sein kann. 
Verhandle ich hingegen mit Menschen, so irren sie, dann ich, auch sie 
wieder und immer so fort, da kommt nichts aufs reine: Weiß ich mich 
aber in die Natur zu schicken, so ist alles getan.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1114
%
Alle Wirkungen, von welcher Art sie seien, die wir in der 
Erfahrung bemerken, hängen auf die stetigste Weise zusammen, gehen 
ineinander über; sie undulieren von der ersten bis zur letzten. Dass 
man sie voneinander trennt, sie einander entgegensetzt, sie 
untereinander vermengt, ist unvermeidlich; doch musste daher in den 
Wissenschaften ein grenzenloser Widerstreit entstehen. Starre 
scheidende Pedanterie und verflößender Mystizismus bringen beide 
gleiches Unheil. Aber jene Tätigkeiten, von der gemeinsten bis zur 
höchsten, vom Ziegelstein, der dem Dach entstürzt, bis zum 
leuchtenden Geistesblick, der dir aufgeht und den du mitteilst, 
reihen sie sich aneinander. Wir versuchen es auszusprechen:
Zufällig,
Mechanisch,
Physisch,
Chemisch,
Organisch,
Psychisch,
Ethisch,
Religios,
Genial.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1115
%
Das, was wir in der neueren Zeit Naturphilosophie nennen, ist 
ein großes Geschenk, das uns immer würdiger und werter erscheinen 
muss, je mehr wir sie als ein Organ betrachten, das durch eine hohe 
Symbolik uns in den Stand setzt, uns dem Wichtigsten zu nähern. Die 
Formeln der Mathematik, Kosmologie, Geologie, Physik, Chemie, 
Naturgeschichte, Sittlichkeit, Religion und Mystik stehen uns zu 
Dienste, es bildet sich eine Sprache, der es möglich wird, in die 
Tiefen des Menschen und der Natur einzugreifen.
Aber Bescheidenheit ist nötig, dass wir bedenken, auch sie habe 
die Tugenden und die Fehler aller Sprachen, dass sie, indem sie von 
einer Seite gewissermaßen schafft, von der andern den Gegenstand, den 
sie bezeichnen will, öfters kaum erreicht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1116
%
Wer gegenwärtig über Kunst schreiben oder gar streiten will, 
der sollte einige Ahndung haben von dem, was die Philosophie in 
unsern Tagen geleistet hat und zu leisten fortfährt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1117
%
Wer einem Autor Dunkelheit vorwerfen will, sollte erst sein 
eigen Inners beschauen, ob es denn da auch recht hell ist: In der 
Dämmerung wird eine sehr deutliche Schrift unlesbar.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1118
%
Wer streiten will, muss sich hüten, bei dieser Gelegenheit 
Sachen zu sagen, die ihm niemand streitig macht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1119
%
Wer Maximen bestreiten will, sollte fähig sein, sie recht klar 
aufzustellen und innerhalb dieser Klarheit zu kämpfen, damit er nicht 
in den Fall gerate, mit selbst geschaffenen Luftbildern zu fechten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1120
%
Die Dunkelheit gewisser Maximen ist nur relativ. Nicht alles 
ist dem Hörenden deutlich zu machen, was dem Ausübenden einleuchtet.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1121
%
Ein Künstler, der schätzbare Arbeiten verfertiget, ist nicht 
immer imstande, von eignen oder fremden Werken Rechenschaft zu geben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1122
%
Natur und Idee lässt sich nicht trennen, ohne dass die Kunst 
sowie das Leben zerstört werde.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1123
%
Wenn Künstler von Natur sprechen, subintelligieren sie immer 
die Idee, ohne sich's deutlich bewusst zu sein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1124
%
Ebenso geht's allen, die ausschließlich die Erfahrung 
anpreisen; sie bedenken nicht, dass die Erfahrung nur die Hälfte der 
Erfahrung ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1125
%
Erst hört man von Natur und Nachahmung derselben, dann soll es 
eine schöne Natur geben. Man soll wählen; doch wohl das Beste! Und 
woran soll man's erkennen? Nach welcher Norm soll man wählen? Und wo 
ist denn die Norm? Doch wohl nicht auch in der Natur?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1126
%
Und gesetzt, der Gegenstand wäre gegeben, der schönste Baum im 
Walde, der in seiner Art als vollkommen auch vom Förster anerkannt 
würde. Nun, um den Baum in ein Bild zu verwandeln, geh' ich um ihn 
herum und suche mir die schönste Seite. Ich trete weit genug weg, um 
ihn völlig zu übersehen, ich warte ein günstiges Licht ab, und nun 
soll von dem Naturbaum noch viel auf das Papier übergegangen sein!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1127
%
Der Laie mag das glauben; der Künstler hinter den Kulissen 
seines Handwerks sollte aufgeklärter sein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1128
%
Gerade das, was ungebildeten Menschen am Kunstwerk der Natur 
auffällt, das ist nicht Natur (von außen), sondern der Mensch (Natur 
von innen).
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1129
%
Wir wissen von keiner Welt, als im Bezug auf den Menschen; wir 
wollen keine Kunst, als die ein Abdruck dieses Bezugs ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1130
%
Wer zuerst im Bilde auf seinen Horizont die Zielpunkte des 
mannigfaltigen Spiels waagrechter Linien bannte, erfand das Prinzip 
der Perspektive.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1131
%
Wer zuerst aus der Systole und Diastole, zu der die Retina 
gebildet ist, aus dieser Synkrisis und Diakrisis, mit Plato zu 
sprechen, die Farbenharmonie entwickelte, der hat die Prinzipien des 
Kolorits entdeckt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1132
%
Suchet in euch, so werdet ihr alles finden, und erfreuet euch, 
wenn da draußen, wie ihr es immer heißen möget, eine Natur liegt, die 
Ja und Amen zu allem sagt, was ihr in euch gefunden habt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1133
%
Was hat ein Maler zu studieren, bis er eine Pfirsche sehen kann 
wie Huysum, und wir sollen nicht versuchen, ob es möglich sei, den 
Menschen zu sehen, wie ihn ein Grieche gesehen hat?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1134
%
Wer Proportion (das Messbare) von der Antike nehmen muss, 
sollte uns nicht gehässig sein, weil wir das Unmessbare von der 
Antike nehmen wollen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1135
%
Gar vieles kann lange erfunden, entdeckt sein, und es wirkt 
nicht auf die Welt; es kann wirken und doch nicht bemerkt werden, 
wirken und nicht ins Allgemeine greifen; deswegen jede Geschichte der 
Erfindung sich mit den wunderbarsten Rätseln herumschlägt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1136
%
Es ist so schwer, etwas von Mustern zu lernen, als von der 
Natur.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1137
%
Die Form will so gut verdaut sein als der Stoff; ja, sie 
verdaut sich viel schwerer.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1138
%
Es ist schon genug, dass Kunstliebhaber das Vollkommene 
übereinstimmend anerkennen und schätzen; über das Mittlere lässt sich 
der Streit nicht endigen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1139
%
Alles Prägnante, was allein an einem Kunstwerke vortrefflich 
ist, wird nicht anerkannt; alles Fruchtbare und Fördernde wird 
beseitigt, eine tief umfassende Synthesis begreift nicht leicht 
jemand.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1140
%
Ihr wählt euch ein Muster, und damit vermischt ihr eure 
Individualität: Das ist alle eure Kunst. Da ist an keine Grundsätze, 
an keine Schule, an keine Folge zu denken, alles willkürlich und wie 
es einem jeden einfällt.
Dass man sich von Gesetzen losmacht, die bloß durch Tradition 
geheiligt sind, dagegen ist nichts zu sagen; aber dass man nicht 
denkt, es müssen doch Gesetze sein, die aus der Natur jeder Kunst 
entspringen, daran denkt niemand.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1141
%
Jedes gute und schlechte Kunstwerk, sobald es entstanden ist, 
gehört zur Natur. Die Antike gehört zur Natur, und zwar, wenn sie 
anspricht, zur natürlichsten Natur, und diese edle Natur sollen wir 
nicht studieren, aber die gemeine!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1142
%
Denn das Gemeine ist's eigentlich, was den Herren Natur heißt! 
Aus sich schöpfen mag wohl heißen, mit dem eben fertig werden, was 
uns bequem wird!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1143
%
Kunst: Eine andere Natur, auch geheimnisvoll, aber 
verständlicher; denn sie entspringt aus dem Verstande.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1144
%
Mancher hat nach der Antike studiert und sich ihr Wesen nicht 
ganz zugeeignet. Ist er darum scheltenswert?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1145
%
Warum schelten wir das Manierierte so sehr, als weil wir 
glauben, dass Umkehr daher auf den rechten Weg sei unmöglich?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1146
%
Die höheren Forderungen sind an sich schon schätzbarer, auch 
unerfüllt, als niedrige, ganz erfüllte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1147
%
Das Trocken-Naive, das Steif-Wackere, das Ängstlich-Rechtliche 
und womit man ältere deutsche Kunst charakterisieren mag, gehört zu 
jeder früheren, einfacheren Kunstweise. Die alten Venezianer, 
Florentiner usw. haben das alles auch.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1148
%
Und wir Deutsche sollen uns dann nur für original halten, wenn 
wir uns nicht über die Anfänge erheben!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1149
%
Weil Albrecht Dürer bei dem unvergleichlichen Talent sich nie 
zur Idee des Ebenmaßes der Schönheit, ja sogar nie zum Gedanken einer 
schicklichen Zweckmäßigkeit erheben konnte, sollen wir auch immer an 
der Erde kleben!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1150
%
Albrecht Dürern förderte ein höchst inniges realistisches 
Anschauen, ein liebenswürdiges menschliches Mitgefühl aller 
gegenwärtigen Zustände. Ihm schadete eine trübe, form- und bodenlose 
Phantasie.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1151
%
Wie Martin Schön neben ihm steht und wie das deutsche Verdienst 
sich dort beschränkt, wäre interessant zu zeigen und nützlich zu 
zeigen, dass dort nicht aller Tage Abend war.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1152
%
Löste sich doch in jeder italienischen Schule der Schmetterling 
aus der Puppe los!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1153
%
Sollen wir ewig als Raupen herumkriechen, weil einige nordische 
Künstler ihre Rechnung dabei finden?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1154
%
Nachdem uns Klopstock vom Reim erlöste und Voß uns prosodische 
Muster gab, sollen wir wohl wieder Knittelverse machen wie Hans Sachs?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1155
%
Lasst uns doch vielseitig sein! Märkische Rübchen schmecken 
gut, am besten gemischt mit Kastanien. Und diese beiden edlen Früchte 
wachsen weit auseinander.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1156
%
Man ist nur vielseitig, wenn man zum Höchsten strebt, weil man 
muss (im Ernst), und zum Geringern herabsteigt, wenn man will (zum 
Spaß).
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1157
%
Erlaubt uns in unsern vermischten Schriften doch neben den 
abend- und nordländischen Formen auch die morgen- und südländischen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1158
%
Lasst doch den deutschen Dichtern den frommen Wunsch, auch als 
Homeriden zu gelten! Deutsche Bildhauer, es wird euch nicht schaden, 
zum Ruhm der letzten Praxiteliden zu streben!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1159
%
In allen Künsten gibt es einen gewissen Grad, den man mit den 
natürlichen Anlagen sozusagen allein erreichen kann. Zugleich aber 
ist es unmöglich, denselben zu überschreiten, wenn nicht die Kunst zu 
Hilfe kommt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1160
%
Man sagt wohl zum Lobe des Künstlers: Er hat alles aus sich 
selbst. Wenn ich das nur nicht wieder hören müsste! Genau besehen, 
sind die Produktionen eines solchen Originalgenies meistens 
Reminiszenzen; wer Erfahrung hat, wird sie meist einzeln nachweisen 
können.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1161
%
Das so genannte Aus-sich-Schöpfen macht gewöhnlich falsche 
Originale und Manieristen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1162
%
Selbst das mäßige Talent hat immer Geist in Gegenwart der 
Natur; deswegen einigermaßen sorgfältige Zeichnungen der Art immer 
Freude machen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1163
%
Aus vielen Skizzen endlich ein Ganzes hervorzubringen, gelingt 
selbst den Besten nicht immer.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1164
%
Was die letzte Hand tun kann, muss die erste schon entschieden 
aussprechen. Hier muss schon bestimmt sein, was getan werden soll.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1165
%
Das Schöne ist eine Manifestation geheimer Naturgesetze, die 
uns ohne dessen Erscheinung ewig wären verborgen geblieben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1166
%
Man sagt: Studiere, Künstler, die Natur! Es ist aber keine 
Kleinigkeit, aus dem Gemeinen das Edle, aus der Unform das Schöne zu 
entwickeln.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1167
%
Wem die Natur ein offenbares Geheimnis zu enthüllen anfängt, 
der empfindet eine unwiderstehliche Sehnsucht nach ihrer würdigsten 
Auslegerin, der Kunst.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1168
%
Die Kunst ist eine Vermittlerin des Unaussprechlichen; darum 
scheint es eine Torheit, sie wieder durch Worte vermitteln zu wollen. 
Doch indem wir und darin bemühen, findet sich für den Verstand so 
mancher Gewinn, der dem ausübenden Vermögen auch wieder zugute kommt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1169
%
Es ist etwas unbekanntes Gesetzliches im Objekt, welches dem 
unbekannten Gesetzlichen im Subjekt entspricht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1170
%
Das Gesetz, das in die Erscheinung tritt, in der größten 
Freiheit, nach seinen eigensten Bedingungen, bringt das objektiv 
Schöne hervor, welches freilich würdige Subjekte finden muss, von 
denen es aufgefasst wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1171
%
Allen andern Künsten muss man etwas vorgeben, der griechischen 
allein bleibt man ewig Schuldner.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1172
%
Die Natur wirkt nach Gesetzen, die sie sich in Eintracht mit 
dem Schöpfer vorschrieb. Die Kunst nach Regeln, über die sie mit dem 
Genie sich einverstanden hat.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1173
%
Die Kunst ist ein Geschäft, am ernsthaftesten, wenn sie sich 
mit edlen, heiligen Gegenständen beschäftigt; der Künstler aber steht 
über der Kunst und dem Gegenstande: Über jener, da er sie zu seinen 
Zwecken braucht, über diesem, weil er ihn nach eigner Weise behandelt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1174
%
Die bildende Kunst ist auf das Sichtbare angewiesen, auf die 
äußere Erscheinung des Natürlichen. Das rein Natürliche, insofern es 
sittlich gefällig ist, nennen wir naiv. Naive Gegenstände sind also 
das Gebiet der Kunst, die ein sittlicher Ausdruck des Natürlichen 
sein soll. Gegenstände, die nach beiden Seiten hinweisen, sind die 
günstigsten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1175
%
Das Naive als natürlich ist mit dem Wirklichen verschwistert. 
Das Wirkliche ohne sittlichen Bezug nennen wir gemein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1176
%
Die Kunst an und für sich selbst ist edel; deshalb fürchtet 
sich der Künstler nicht vor dem Gemeinen. Ja, indem er es aufnimmt, 
ist es schon geadelt, und so sehen wir die größten Künstler mit 
Kühnheit ihr Majestätsrecht ausüben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1177
%
In jedem Künstler liegt ein Keim von Verwegenheit, ohne den 
kein Talent denkbar ist, und dieser wird besonders rege, wenn man den 
Fähigen einschränken und zu einseitigen Zwecken dingen und brauchen 
will.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1178
%
Raphael ist unter den neuern Künstlern auch hier wohl der 
reinste. Er ist durchaus naiv, das Wirkliche kommt bei ihm nicht zum 
Streit mit dem Sittlichen oder gar Heiligen. Der Teppich, worauf die 
Anbetung der Könige abgebildet ist, eine überschwänglich herrliche 
Komposition, zeigt, von dem ältesten anbetenden Fürsten bis zu den 
Mohren und Affen, die sich auf den Kamelen mit Äpfeln ergötzen, eine 
ganze Welt. Hier durfte der heilige Joseph und ganz naiv 
charakterisiert werden als Pflegevater, der sich über die 
eingekommenen Geschenke freut.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1179
%
Auf den heiligen Joseph überhaupt haben es die Künstler 
abgesehen. Die Byzantiner, denen man nicht nachsagen kann, dass sie 
überflüssigen Humor anbrächten, stellen doch bei der Geburt den 
Heiligen immer verdrießlich vor. Das Kind liegt in der Krippe, die 
Tiere schauen hinein, verwundert, statt ihres trockenen Futters ein 
lebendiges, himmlisch- anmutiges Geschöpft zu finden. Engel verehren 
den Ankömmling; die Mutter sitzt still dabei; St. Joseph aber sitzt 
abgewendet und kehrt unmutig den Kopf nach der sonderbaren Szene.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1180
%
Der Humor ist eins der Elemente des Genies, aber sobald er 
vorwaltet, nur ein Surrogat desselben; er begleitet die abnehmende 
Kunst, zerstört, vernichtet sie zuletzt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1181
%
Hierüber kann eine Arbeit anmutig aufklären, die wir 
vorbereiten: Sämtliche Künstler nämlich, die uns schon von so manchen 
Seiten bekannt sind, ausschließlich von der ethischen zu betrachten, 
aus den Gegenständen und der Behandlung ihrer Werke zu entwickeln, 
was Zeit und Ort, Nation und Lehrmeister, was eigne unzerstörliche 
Individualität beigetragen, sich zu dem zu bilden, was sie wurden, 
sie bei dem zu erhalten, was sie waren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1182
%
"Da wir überzeugt sind, dass derjenige, der die intellektuelle 
Welt beschaut und des wahrhaften Intellekts Schönheit gewahr wird, 
auch wohl ihren Vater, der über allen Sinn erhaben ist, bemerken 
könne, so versuchen wir denn, nach Kräften einzusehen und für uns 
selbst auszudrücken - insofern sich dergleichen deutlich machen lässt 
-, auf welche Weise wir die Schönheit des Geistes und der Welt 
anzuschauen vermögen."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1183
%
"Nehmet an daher, zwei steinerne Massen seien nebeneinander 
gestellt, deren eine roh und ohne künstliche Bearbeitung geblieben, 
die andere aber durch die Kunst zur Statue, einer menschlichen oder 
göttlichen, ausgebildet worden. Wäre es eine göttliche, so möchte sie 
eine Grazie oder Muse vorstellen; wäre es eine menschliche, so dürfte 
es nicht ein besonderer Mensch sein, vielmehr irgendeiner, den die 
Kunst aus allem Schönen versammelte."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1184
%
"Euch wird aber der Stein, der durch die Kunst zur schönen 
Gestalt gebracht worden, alsobald schön erscheinen; doch nicht weil 
er Stein ist - denn sonst würde die andere Masse gleichfalls für 
schön gelten -, sondern daher, dass er eine Gestalt hat, welche die 
Kunst ihm erteilte."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1185
%
"Die Materie aber hatte eine solche Gestalt nicht, sondern 
diese war in dem Ersinnenden früher, als sie zum Stein gelangte. Sie 
war jedoch in dem Künstler nicht, weil er Augen und Hände hatte, 
sondern weil er mit der Kunst begabt war."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1186
%
"Also war in der Kunst noch eine weit größere Schönheit; denn 
nicht die Gestalt, die in der Kunst ruhet, gelangt in den Stein, 
sondern dorten bleibt sie, und es gehet indessen eine andere, 
geringere hervor, die nicht rein in sich selbst verharret, noch auch 
wie sie der Künstler wünschte, sondern insofern der Stoff der Kunst 
gehorchte."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1187
%
"Wenn aber die Kunst dasjenige, was sie ist und besitzt, auch 
hervorbringt, und das Schöne nach der Vernunft hervorbringt, nach 
welcher sie immer handelt, so ist sie fürwahr diejenige, die mehr 
oder wahrer eine größere und trefflichere Schönheit der Kunst 
besitzt, vollkommener als alles, was nach außen hervortritt."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1188
%
"Denn indem die Form, in die Materie hervor schreitend, schon 
ausgedehnt wird, so wird sie schwächer als jene, welche in Einem 
verharret. Denn was in sich eine Entfernung erduldet, tritt von sich 
selbst weg: Stärke von Stärke, Wärme von Wärme, Kraft von Kraft; so 
auch Schönheit von Schönheit. Daher muss das Wirkende trefflicher 
sein als das Gewirkte. Denn nicht die Unmusik macht den Musiker, 
sondern die Musik, und die übersinnliche Musik bringt die Musik in 
sinnlichem Ton hervor."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1189
%
"Wollte aber jemand die Künste verachten, weil sie die Natur 
nachahmen, so lässt sich darauf antworten, dass die Naturen auch 
manches andere nachahmen; dass ferner die Künste nicht das geradezu 
nachahmen, was man mit Augen siehet, sondern auf jenes Vernünftige 
zurückgehen, aus welchem die Natur besteht und wornach sie handelt."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1190
%
"Ferner bringen auch die Künste vieles aus sich selbst hervor 
und fügen anderseits manches hinzu, was der Natur na Vollkommenheit 
abgehet, indem sie die Schönheit in sich selbst haben. So konnte 
Phidias den Gott bilden, ob er gleich nichts sinnlich Erblickliches 
nachahmte, sondern sich einen solchen in den Sinn fasste, wie Zeus 
selbst erscheinen würde, wenn er unsern Augen begegnen möchte."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1191
%
Man kann den Idealisten alter und neuer Zeit nicht verargen, 
wenn sie so lebhaft auf Beherzigung des Einen dringen, woher alles 
entspringt und worauf alles wieder zurückzuführen wäre. Denn freilich 
ist das belebende und ordnende Prinzip in der Erscheinung dergestalt 
bedrängt, dass es sich kaum zu retten weiß. Allein wir verkürzen uns 
an der andern Seite wieder, wenn wir das Formende und die höhere Form 
selbst in eine vor unserm äußern und innern Sinn verschwindende 
Einheit zurückdrängen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1192
%
Wir Menschen sind auf Ausdehnung und Bewegung angewiesen; diese 
beiden allgemeinen Formen sind es, in welchen sich alle übrigen 
Formen, besonders die sinnlichen, offenbaren. Eine geistige Form wird 
aber keineswegs verkürzt, wenn sie in der Erscheinung hervortritt, 
vorausgesetzt, dass ihr Hervortreten eine wahre Zeugung, eine wahre 
Fortpflanzung sei. Das Gezeugte ist nicht geringer als das Zeugende; 
ja es ist der Vorteil lebendiger Zeugung, dass das Gezeugte 
vortrefflicher sein kann als das Zeugende.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1193
%
Dieses weiter auszuführen und vollkommen anschaulich, ja, was 
mehr ist, durchaus praktisch zu machen, würde von wichtigem Belang 
sein. Eine umständliche folgerechte Ausführung aber möchte den Hörern 
übergroße Aufmerksamkeit zumuten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1194
%
Die Kunst ruht auf einer Art religiösem Sinn, auf einem tiefen, 
unerschütterlichen Ernst; deswegen sie sich auch so gern mit der 
Religion vereinigt. Die Religion bedarf keines Kunstsinnes, sie ruht 
auf ihrem eigenen Ernst; sie verleiht aber auch keinen, so wenig sie 
Geschmack gibt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1195
%
Realität in der höchsten Nützlichkeit (Zweckmäßigkeit) wird 
auch schön sein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1196
%
Vollkommenheit ist schon da, wenn das Notwendige geleistet 
wird, Schönheit, wenn das Notwendige geleistet, doch verborgen ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1197
%
Vollkommenheit kann mit Disproportion bestehen, Schönheit 
allein mit Proportion.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1198
%
Jeder große Künstler reißt uns weg, steckt uns an. Alles, was 
in uns von eben der Fähigkeit ist, wird rege, und da wir eine 
Vorstellung vom Großen und einige Anlage dazu haben, so bilden wir 
uns gar leicht ein, der Keim davon stecke in uns.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1199
%
Raphaelin von Reggio malte mit solcher Leichtigkeit die 
Außenseiten der Häuser in Fresko, dass alle Kinder Kalk auf Ziegeln 
strichen und das gleiche zu tun gedachten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1200
%
Es ist eine Tradition, Dädalus, der erste Plastiker, habe die 
Erfindung der Drehscheibe des Töpfers beneidet. Von Neid möchte wohl 
nichts vorgekommen sein; aber der große Mann hat wahrscheinlich 
vorempfunden, dass die Technik zuletzt in der Kunst verderblich 
werden müsse.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1201
%
Bei Gelegenheit der berlinischen Vorbilder für Fabrikanten kam 
zur Sprache, ob so großer Aufwand auf die höchste Ausführung der 
Blätter wäre nötig gewesen. Wobei sich ergab, dass gerade den 
talentvollen jungen Künstler und Handwerker die Ausführung am meisten 
reizt, und dass er durch Beachtung und Nachbildung derselben erst 
befähigt wird, das Ganze und den Wert der Formen zu begreifen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1202
%
Die Technik im Bündnis mit dem Abgeschmackten ist die 
fürchterlichste Feindin der Kunst.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1203
%
"An meinen Bildern müsst ihr nicht schnuffeln, die Farben sind 
ungesund." Rembrandt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1204
%
In Rembrandts trefflicher Radierung, der Austreibung der Käufer 
und Verkäufer aus den Tempelhallen, ist die Glorie, welche gewöhnlich 
des Herrn Haupt umgibt, in die vorwärts wirkende Hand gleichsam 
gefahren, welche nun in göttlicher Tat Glanz umgeben derb zuschlägt. 
Um das Haupt ist's, wie auch das Gesicht, dunkel.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1205
%
Chodowiecky ist ein sehr respektabler und wir sagen idealer 
Künstler.
Seien guten Werke zeugen durchaus von Geist und Geschmack. Mehr 
Ideales war in dem Kreise, in dem er arbeitete, nicht zu fordern.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1206
%
Ein edler Philosoph sprach von der Baukunst als einer 
erstarrten Musik und musste dagegen manches Kopfschütteln gewahr 
werden. Wir glauben diesen schönen Gedanken nicht besser nochmals 
einzuführen, als wenn wir die Architektur eine verstummte Tonkunst 
nennen.
Man denke sich den Orpheus, der, als ihm ein großer wüster 
Bauplatz angepriesen war, sich weislich an den schicklichsten Ort 
niedersetzte und durch die belebenden Töne seiner Leier den 
geräumigen Marktplatz um sich her bildete. Die von kräftig 
gebietenden, freundlich lockenden Tönen schnell ergriffenen, aus 
ihrer massenhaften Ganzheit gerissenen Felssteine mussten, indem sie 
sich enthusiastisch herbeibewegten, sich kunst- und handwerksgemäß 
gestalten, um sich sodann in rhythmischen Schichten und Wänden 
gebührend hinzuordnen. Und so mag sich Straße zu Straße anfügen! An 
wohl schützenden Mauern wird's auch nicht fehlen.
Die Töne verhallen, aber die Harmonie bleibt. Die Bürger einer 
solchen Stadt wandeln und weben zwischen ewigen Melodien; der Geist 
kann nicht sinken, die Tätigkeit nicht einschlafen, das Auge 
übernimmt Funktion, Gebühr und Pflicht des Ohres, und die Bürger am 
gemeinsten Tage fühlen sich in einem ideellen Zustand: Ohne 
Reflexion, ohne nach dem Ursprung zu fragen, werden sie das höchsten 
sittlichen und religiösen Genusses teilhaftig. Man gewöhne sich, in 
Sankt Peter auf und ab zu gehen, und man wird ein Analogon desjenigen 
empfinden, was wir auszusprechen gewagt.
Der Bürger dagegen in einer schlecht gebauten Stadt, wo der Zufall 
mit leidigem Besen die Häuser zusammenkehrte, lebt unbewusst in der 
Wüste eines düsteren Zustandes; dem fremden Eintretenden jedoch ist 
es zumute, als wenn er Dudelsack, Pfeifen und Schellentrommeln hörte 
und sich bereiten müsste, Bärentänzen und Affensprüngen beizuwohnen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1207
%
Antike Tempel konzentrieren den Gott im Menschen; des 
Mittelalters Kirchen streben nach dem Gott in der Höhe.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1208
%
Werke der Kunst werden zerstört, sobald der Kunstsinn 
verschwindet.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1209
%
Die Allegorie verwandelt die Erscheinung in einen Begriff, den 
Begriff in ein Bild, doch so, dass der Begriff im Bilde immer noch 
begrenzt und vollständig zu halten und zu haben und an demselben 
auszusprechen sei.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1210
%
Die Symbolik verwandelt die Erscheinung in Idee, die Idee in 
ein Bild, und so, dass die Idee im Bild immer unendlich wirksam und 
unerreichbar bleibt und, selbst in allen Sprachen ausgesprochen, doch 
unaussprechlich bliebe.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1211
%
Die Kunst soll das Penible nicht vorstellen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1212
%
Ursache des Dilettantismus: Flucht vor der Manier, Unkenntnis 
der Methode, törichtes Unternehmen, gerade immer das Unmögliche 
leisten zu wollen, welches die höchste Kunst erforderte, wenn man 
sich ihm je nähern könnte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1213
%
Fehler der Dilettanten: Phantasie und Technik unmittelbar 
verbinden zu wollen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1214
%
Gemüt hat jedermann, Naturell manche, Kunstbegriffe sind selten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1215
%
Die Alten vergleichen die Hand der Vernunft.
Die Vernunft ist die Kunst der Künste, die Hand die Technik alles 
Handwerks.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1216
%
Die Dilettanten, wenn sie das Möglichste getan haben, pflegen 
zu ihrer Entschuldigung zu sagen, die Arbeit sei noch nicht fertig. 
Freilich kann sie nie fertig werden, weil sie nie recht angefangen 
ward. Der Meister stellt sein Werk mit wenigen Strichen als fertig 
dar; ausgeführt oder nicht, schon ist es vollendet. Der geschickteste 
Dilettant tastet im Ungewissen, und wie die Ausführung wächst, kommt 
die Unsicherheit der ersten Anlage immer mehr zum Vorschein. Ganz 
zuletzt entdeckt sich erst das Verfehlte, das nicht auszugleichen 
ist, und so kann das Werk freilich nicht fertig werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1217
%
In der wahren Kunst gibt es keine Vorschule, wohl aber 
Vorbereitungen; die beste jedoch ist die Teilnahme des geringsten 
Schülers am Geschäft des Meisters. Aus Farbenreibern sind treffliche 
Maler hervorgegangen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1218
%
Ein anderes ist die Nachäffung, zu welcher die natürliche 
allgemeine Tätigkeit des Menschen durch einen bedeutenden Künstler, 
der das Schwere mit Leichtigkeit vollbringt, zufällig angeregt wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1219
%
Von der Notwendigkeit, dass der bildende Künstler Studien nach 
der Natur mache, und von dem Werte derselben überhaupt sind wir 
genugsam überzeugt; allein wir leugnen nicht, dass es uns öfters 
betrübt, wenn wir den Missbrauch eines so löblichen Strebens gewahr 
werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1220
%
Nach unserer Überzeugung sollte der junge Künstler wenig oder 
gar keine Studien nach der Natur beginnen, wobei er nicht zugleich 
dächte, wie er jedes Blatt zu einem Ganzen abrunden, wie er diese 
Einzelheit, in ein angenehmes Bild verwandelt, in einen Rahmen 
eingeschlossen, dem Liebhaber und Kenner gefällig anbieten möge.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1221
%
Es steht manches Schöne isoliert in der Welt; doch der Geist 
ist es, der Verknüpfungen zu entdecken und dadurch Kunstwerke 
hervorzubringen hat. - Die Blume gewinnt erst ihren Reiz durch das 
Insekt, das ihr anhängt, durch den Tautropfen, der sie befeuchtet, 
durch das Gefäß, woraus sie allenfalls ihre letzte Nahrung zieht. 
Kein Busch, kein Baum, dem man nicht durch die Nachbarschaft eines 
Felsens, einer Quelle Bedeutung geben, durch eine mäßige einfache 
Ferne größern Reiz verleihen könnte. So ist es, mit menschlichen 
Figuren und so mit Tieren aller Art beschaffen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1222
%
Der Vorteil, den sich der junge Künstler hiedurch verschafft, 
ist gar mannigfaltig. Er lernt denken, das Passende gehörig 
zusammenbinden, und wenn er auf diese Weise geistreich komponiert, 
wird es ihm zuletzt auch an dem, was man Erfindung nennt, an dem 
Entwickeln des Mannigfaltigen aus dem Einzelnen, keineswegs fehlen 
können.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1223
%
Tut er nun hierin der eigentlichen Kunstpädagogik wahrhaft 
Genüge, so hat er noch nebenher den großen, nicht zu verachtenden 
Gewinn, dass er lernt, verkäufliche, dem Liebhaber anmutige und 
liebliche Blätter hervorzubringen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1224
%
Eine solche Arbeit braucht nicht im höchsten Grade ausgeführt 
und vollendet zu sein; wenn sie gut gesehen, gedacht und fertig ist, 
so ist sie für den Liebhaber oft reizender als ein größeres 
ausgeführtes Werk.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1225
%
Beschaue doch jeder junge Künstler seine Studien im Büchelchen 
und Portefeuille und überlege, wie viele Blätter er davon auf jene 
Weise genießbar und wünschenswert hätte machen können.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1226
%
Es ist nicht die Rede vom Höheren, wovon man wohl auch sprechen 
könnte, sondern es soll nur als Warnung gesagt sein, die von einem 
Abwege zurückruft und aufs Höhere hindeutet.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1227
%
Versuche es doch der Künstler nur ein halb Jahr praktisch und 
setze weder Kohle und Pinsel an ohne Intention, einen vorliegenden 
Naturgegenstand als Bild abzuschließen. Hat er angebornes Talent, so 
wird sich's bald offenbaren, welche Absicht wir bei diesen 
Andeutungen im Sinne hegten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1228
%
Wenn ich jüngere deutsche Maler, sogar solche, die sich eine 
Zeitlang in Italien aufgehalten, befrage, warum sie doch besonders in 
ihren Landschaften so widerwärtige grelle Töne dem Auge darstellen 
und vor aller Harmonie zu fliehen scheinen, so geben sie wohl ganz 
dreist und getrost zur Re: Sie sähen die Natur genau auf solche 
Weise.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1229
%
Kant hat uns aufmerksam gemacht, dass es eine Kritik der 
Vernunft gebe, dass dieses höchste Vermögen, was der Mensch besitzt, 
Ursache habe, über sich selbst zu wachen. Wie großen Vorteil uns 
diese Stimme gebracht, möge jeder an sich selbst geprüft haben. Ich 
aber möchte in eben dem Sinne die Aufgabe stellen, dass eine Kritik 
der Sinne nötig sei, wenn die Kunst überhaupt, besonders die 
deutsche, irgend wieder sich erholen und in einem erfreulichen 
Lebensschritt vorwärts gehen solle.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1230
%
Der zur Vernunft geborene Mensch bedarf noch großer Bildung, 
sie mag sich ihm nun durch Sorgfalt der Eltern und Erzieher, durch 
friedliches Beispiel oder durch strenge Erfahrung nach und nach 
offenbaren. Ebenso wird zwar der angehende Künstler, aber nicht der 
vollendete geboren: Sein Auge komme frisch auf die Welt, er habe 
glücklichen Blick für Gestalt, Proportion, Bewegung; aber für höhere 
Komposition, für Haltung, Licht, Schatten, Farben kann ihm die 
natürliche Anlage fehlen, ohne dass er es gewahr wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1231
%
Ist er nun nicht geneigt, von höher ausgebildeten Künstlern der 
Vor- und Mitzeit das zu lernen, was ihm fehlt, um eigentlicher 
Künstler zu sein, so wird er im falschen Begriff von bewahrter 
Originalität hinter sich selbst zurückbleiben; denn nicht allein das, 
was mit uns geboren ist, sondern auch das, was wir erwerben können, 
gehört uns an, und wir sind es.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1232
%
Das Verhältnis der Künste und Wissenschaften zum Leben ist nach 
Verhältnis der Stufen, worauf sie stehen, nach Beschaffenheit der 
Zeiten und tausend andern Zufälligkeiten sehr verschieden; deswegen 
auch niemand darüber im ganzen leicht klug werden kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1233
%
Poesie wirkt am meisten im Anfang der Zustände, sie seien nun 
ganz roh, halb kultiviert, oder bei Abänderung einer Kultur, beim 
Gewahrwerden einer fremden Kultur, dass man also sagen kann, die 
Wirkung der Neuheit findet durchaus statt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1234
%
Musik im besten Sinne bedarf weniger der Neuheit, ja vielmehr, 
je älter sie ist, je gewohnter man sie ist, desto mehr wirkt sie.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1235
%
Die Würde der Kunst erscheint bei der Musik vielleicht am 
eminentesten, weil sie keinen Stoff hat, der abgerechnet werden 
müsste. Sie ist ganz Form und Gehalt und erhöht und veredelt alles, 
was sie ausdrückt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1236
%
Die Musik ist heilig und profan. Das Heilige ist ihrer Würde 
ganz gemäß, und hier hat sie die größte Wirkung aufs Leben, welche 
sich durch alle Zeiten und Epochen gleich bleibt. Die profane sollte 
durchaus heiter sein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1237
%
Eine Musik, die den heiligen und profanen Charakter vermischt, 
ist gottlos, und eine halbschürige, welche schwache, jammervolle, 
erbärmliche Empfindungen auszudrücken Belieben findet, ist 
abgeschmackt. Denn sie ist nicht ernst genug, um heilig zu sein, und 
es fehlt ihr der Hauptcharakter des Entgegengesetzten: Die Heiterkeit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1238
%
Die Heiligkeit der Kirchenmusiken, das Heitere und Neckische 
der Volksmelodien sind die beiden Angeln, um die sich die wahre Musik 
herumdreht. Auf diesen beiden Punkten beweist sie jederzeit eine 
unausbleibliche Wirkung: Andacht oder Tanz. Die Vermischung macht 
irre, die Verschwächung wird fade, und will die Musik sich an 
Lehrgedichte oder beschreibende und dergleichen wenden, so wird sie 
kalt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1239
%
Die Sehnsucht, die nach außen, in die Ferne strebt, sich aber 
melodisch in sich selbst beschränkt, erzeugt den Minor.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1240
%
Kantilene: Die Fülle der Liebe und jedes leidenschaftlichen 
Glücks verewigend.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1241
%
Plastik wirkt eigentlich nur auf ihrer höchsten Stufe; alles 
Mittlere kann wohl aus mehr denn einer Ursache imponieren; aber alle 
mittleren Kunstwerke dieser Art machen mehr irre, als dass sie 
erfreuen. Die Bildhauerkunst muss sich daher noch ein stoffartiges 
Interesse suchen, und das findet sie in den Bildnissen bedeutender 
Menschen. Aber auch hier muss sie schon einen hohen Grad erreichen, 
wenn sie zugleich wahr und würdig sein will.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1242
%
Die Malerei ist die lässlichste und bequemste von allen 
Künsten. Die lässlichste, weil man ihr um des Stoffes und des 
Gegenstandes willen, auch da, wo sie nur Handwerk oder kaum eine 
Kunst ist, vieles zugute hält und sich an ihr erfreut; teils weil 
eine technische, obgleich geistlose Ausführung den Ungebildeten wie 
den Gebildeten in Verwunderung setzt, so dass sie sich also nur 
einigermaßen zur Kunst zu steigern braucht, um in einem höheren Grade 
willkommen zu sein. Wahrheit in Farben, Oberflächen, in Beziehungen 
der sichtbaren Gegenstände aufeinander, ist schon angenehm; und da 
das Auge ohnehin gewohnt ist, alles zu sehen, so ist ihm eine 
Missgestalt und also auch ein Missbild nicht so zuwider als dem Ohr 
ein Misston. Man lässt die schlechteste Abbildung gelten, weil man 
noch schlechtere Gegenstände zu sehen gewohnt ist. Der Maler darf 
also nur einigermaßen Künstler sein, so findet er schon ein größeres 
Publikum als der Musiker, der auf gleichem Grade stünde; wenigstens 
kann der geringere Maler immer für sich operieren, anstatt dass der 
mindere Musiker sich mit andern soziieren muss, um durch gesellige 
Leistung einigen Effekt zu tun.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1243
%
Die Frage, ob man bei Betrachtung von Kunstleistungen 
vergleichen solle oder nicht, möchten wir folgendermaßen beantworten: 
Der ausgebildete Kenner soll vergleichen; denn ihm schwebt die Idee 
vor, er hat den Begriff gefasst, was geleistet werden könne und 
solle; der Liebhaber, auf dem Wege zur Bildung begriffen, fördert 
sich am besten, wenn er nicht vergleicht, sondern jedes Verdienst 
einzeln betrachtet; dadurch bildet sich Gefühl und Sinn für das 
Allgemeinere nach und nach aus. Das Vergleichen der Unkenner ist 
eigentlich nur eine Bequemlichkeit, die sich gern des Urteils 
überheben möchte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1244
%
Das Was des Kunstwerks interessiert die Menschen mehr als das 
Wie; jenes können sie einzeln ergreifen, dieses im ganzen nicht 
fassen. Daher kommt das Herausheben von Stellen, wobei zuletzt, wenn 
man wohl aufmerkt, die Wirkung der Totalität auch nicht ausbleibt, 
aber jedem unbewusst.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1245
%
Die Frage: "Woher hat's der Dichter?", geht auch nur aufs Was; 
vom Wie erfährt dabei niemand etwas.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1246
%
Einbildungskraft wird nur durch Kunst, besonders durch Poesie 
geregelt. Es ist nichts fürchterlicher als Einbildungskraft ohne 
Geschmack.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1247
%
Das Manierierte ist ein verfehltes Ideelle, ein subjektiviertes 
Ideelle; daher fehlt ihm das Geistreiche nicht leicht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1248
%
Der Philolog ist angewiesen auf die Kongruenz des geschrieben 
Überlieferten. Ein Manuskript liegt zum Grunde, es finden sich in 
demselben wirkliche Lücken, Schreibfehler, die eine Lücke im Sinne 
machen, und was sonst alles an einem Manuskript zu tadeln sein mag. 
Nun findet sich eine zweite Abschrift, eine dritte, die Vergleichung 
derselben bewirkt immer mehr, das Verständige und Vernünftige der 
Überlieferung gewahr zu werden. Ja er geht weiter und verlangt von 
seinem innern Sinn, dass derselbe ohne äußere Hilfsmittel die 
Kongruenz des Abgehandelten immer mehr zu begreifen und darzustellen 
wisse. Weil nun hiezu ein besonderer Takt, eine besondere Vertiefung 
in seinen abgeschiedenen Autor nötig und ein gewisser Grad von 
Erfindungskraft gefordert wird, so kann man dem Philologen nicht 
verdenken, wenn er sich auch ein Urteil bei Geschmackssagen zutraut, 
welches ihm jedoch nicht immer gelingen wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1249
%
Der Dichter ist angewiesen auf Darstellung. Das Höchste 
derselben ist, wenn sie mit der Wirklichkeit wetteifert, das heißt, 
wenn ihre Schilderungen durch den Geist dergestalt lebendig sind, 
dass sie als gegenwärtig für jedermann gelten können. Auf ihrem 
höchsten Gipfel scheint die Poesie ganz äußerlich; je mehr sie sich 
ins Innere zurückzieht, ist sie auf dem Wege zu sinken. - Diejenige, 
die nur das Innere darstellt, ohne es durch ein Äußeres zu 
verkörpern, oder ohne das Äußere durch das Innere durchfühlen zu 
lassen, sind beides die letzten Stufen, von welchen aus sie ins 
gemeine Leben hinein tritt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1250
%
Die Redekunst ist angewiesen auf alle Vorteile der Poesie, auf 
alle ihre Rechte; sie bemächtigt sich derselben und missbraucht sie, 
um gewisse äußere, sittliche oder unsittliche, augenblickliche 
Vorteile im bürgerlichen Leben zu erreichen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1251
%
In natürlicher Wahrheit und Großheit, obgleich wild und 
unbehaglich ausgebildetes Talent ist Lord Byron, und deswegen kaum 
ein anderes ihm vergleichbar.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1252
%
Eigentlichster Wert der so genannten Volkslieder ist der, dass 
ihre Motive unmittelbar von der Natur genommen sind. Dieses Vorteils 
aber könnte der gebildete Dichter sich auch bedienen, wenn er es 
verstünde.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1253
%
Hiebei aber haben jene immer das voraus, dass natürliche 
Menschen sich besser auf den Lakonismus verstehen als eigentlich 
Gebildete.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1254
%
Eine Romanze ist kein Prozess, wo ein Definitivurteil sein muss.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1255
%
Shakespeare ist für aufkeimende Talente gefährlich zu lesen; er 
nötigt sie, ihn zu reproduzieren, und sie bilden sich ein, sich 
selbst zu produzieren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1256
%
Über Geschichte kann niemand urteilen, als wer an sich selbst 
Geschichte erlebt hat. So geht es ganzen Nationen. Die Deutschen 
können erst über Literatur urteilen, seitdem sie selbst eine 
Literatur haben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1257
%
Das Wort Schule, wie man es in der Geschichte der bildenden 
Kunst nimmt, wo man von einer florentinischen, römischen und 
venezianischen Schule spricht, wird sich künftighin nicht mehr auf 
das deutsche Theater anwenden lassen. Es ist ein Ausdruck, dessen man 
sich vor dreißig, vierzig Jahren vielleicht noch bedienen konnte, wo 
unter beschränkteren Umständen sich eine natur- und kunstgemäße 
Ausbildung noch denken ließ; denn, genau besehen, gilt auch in der 
bildenden Kunst das Wort Schule nur von den Anfängen: Denn sobald sie 
treffliche Männer hervorgebracht hat, wirkt sie alsobald in die 
Weite. Florenz beweist seinen Einfluss über Frankreich und Spanien; 
Niederländer und Deutsche lernen von den Italienern und erwerben sich 
mehr Freiheit in Geist und Sinn, anstatt dass die Südländer von ihnen 
eine glücklichere Technik und die genauste Ausführung von Norden her 
gewinnen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1258
%
Das deutsche Theater befindet sich in der Schlussepoche, wo 
eine allgemeine Bildung dergestalt verbreitet ist, dass sie keinem 
einzelnen Orte mehr angehören, von keinem besondern Punkte mehr 
ausgehen kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1259
%
Der Grund aller theatralischen Kunst wie einer jeden andern ist 
das Wahre, das Naturgemäße. Je bedeutender dieses ist, auf je höherem 
Punkte Dichter und Schauspieler es zu fassen verstehen, eines desto 
höheren Ranges wird sich die Bühne zu rühmen haben. Hiebei gereicht 
es Deutschland zu einem großen Gewinn, dass der Vortrag trefflicher 
Dichtung allgemeiner geworden ist und auch außerhalb des Theaters 
sich verbreitet hat.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1260
%
Auf der Rezitation ruht alle Deklamation und Mimik. Da nun beim 
Vorlesen jene ganz allein zu beachten und zu üben ist, so bleibt 
offenbar, dass Vorlesungen die Schule des Wahren und Natürlichen 
bleiben müssen, wenn Männer, die ein solches Geschäft übernehmen, von 
dem Wert, von der Würde ihres Berufs durchdrungen sind.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1261
%
Shakespeare und Calderon haben solchen Vorlesungen einen 
glänzenden Eingang gewährt; jedoch bedenke man immer dabei, ob nicht 
hier grade das imposante Fremde, das bis zum Unwahren gesteigerte 
Talent der deutschen Ausbildung schädlich werden müsse!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1262
%
Eigentümlichkeit des Ausdrucks ist Anfang und Ende aller Kunst. 
Nun hat aber eine jede Nation eine von dem allgemeinen 
Eigentümlichkeiten der Menschheit abweichende besondere Eigenheit, 
die uns zwar anfänglich widerstreben mag, aber zuletzt, wenn wir's 
uns gefallen ließen, wenn wir uns derselben hingäben, unsere eigene 
charakteristische Natur zu überwältigen und zu erdrücken vermöchte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1263
%
Wie viel Falsches Shakespeare und besonders Calderon über uns 
gebracht, wie diese zwei großen Lichter des Poetischen Himmels für 
uns zu Irrlichtern geworden, mögen die Literatoren der Folgezeit 
historisch bemerken.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1264
%
Eine völlige Gleichstellung mit dem spanischen Theater kann ich 
nirgends billigen. Der herrliche Calderon hat so viel 
Konventionelles, dass einem redlichen Beobachter schwer wird, das 
große Talent des Dichters durch die Theateretikette durchzuerkennen. 
Und bringt man so etwas irgendeinem Publikum, so setzt man bei 
demselben immer guten willen voraus, dass es geneigt sei, auch das 
Weltfremde zuzugeben, sich an ausländischem Sinn, Ton und Rhythmus zu 
ergötzen und aus dem, was ihm eigentlich gemäß ist, eine Zeitlang 
herauszugehen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1265
%
Einen wundersamen Anblick geben des Aristoteles Fragmente des 
Traktats über Dichtkunst. Wenn man das Theater in- und auswendig 
kennt wie unsereiner, der einen bedeutenden Teil des Lebens auf diese 
Kunst verwendet und selbst viel darin gearbeitet hat, so sieht man 
erst, dass man sich vor allen Dingen mit der philosophischen Denkart 
des Mannes bekannt machen müsste, um zu begreifen, wie er diese 
Kunsterscheinung angesehen habe; außerdem verwirrt er unser Studium 
nur, wie denn die moderne Poetik das Alleräußerlichste seiner Lehre 
nur zu ihrem Verderben anwendet und angewendet hat.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1266
%
Des tragischen Dichters Aufgabe und Tun ist nichts anderes als: 
Ein psychisch-sittliches Phänomen, in einem fasslichen Experiment 
dargestellt, in der Vergangenheit nachzuweisen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1267
%
Was man Motive nennt, sind also eigentlich Phänomene des 
Menschengeistes, die sich wiederholt haben und wiederholen werden, 
und die der Dichter nur als historische nachweist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1268
%
Ein dramatisches Werk zu verfassen, dazu gehört Genie. Am Ende 
soll die Empfindung, in der Mitte die Vernunft, am Anfang der 
Verstand vorwalten und alles gleichmäßig durch eine lebhaft-klare 
Einbildungskraft vorgetragen werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1269
%
Es ist nichts theatralisch, was nicht für die Augen symbolisch 
wäre.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1270
%
Die gewöhnlichen Theaterkritiken sind unbarmherzige 
Sündenregister, die ein böser Geist vorwurfsweise den armen Schächern 
vorhält ohne hilfreiche Hand zu einem bessern Wege.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1271
%
Schauspieler gewinnen die Herzen und geben die ihrigen nicht 
hin; sie hintergehen, aber mit Anmut.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1272
%
Gar oft im Laufe des Lebens, mitten in der größten Sicherheit 
des Wandels, bemerken wir auf einmal, dass wir in einem Irrtum 
befangen sind, dass wir uns für Personen, für Gegenstände einnehmen 
ließen, ein Verhältnis zu ihnen erträumten, das dem erwachten Auge 
sogleich verschwindet; und doch können wir uns nicht losreißen, eine 
Macht hält uns fest, die uns unbegreiflich scheint. Manchmal jedoch 
kommen wir zum völligen Bewusstsein und begreifen, dass ein Irrtum so 
gut als ein Wahres zur Tätigkeit bewegen und antreiben kann. Weil nun 
die Tat überall entscheidend ist, so kann aus einem tätigen Irrtum 
etwas Treffliches entstehen, weil die Wirkung jedes Getanen ins 
Unendliche reicht. So ist das Hervorbringen freilich immer das Beste, 
aber auch das Zerstören ist nicht ohne glückliche Folge.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1273
%
Der wunderbarste Irrtum aber ist derjenige, der sich auf uns 
selbst und unsere Kräfte bezieht, dass wir uns einem würdigen 
Geschäft, einem ehrsamen Unternehmen widmen, dem wir nicht gewachsen 
sind, dass wir nach einem Ziel streben, das wir nie erreichen können. 
Die daraus entspringende tantalisch-sisyphische Qual empfindet jeder 
nur um desto bitterer, je redlicher er es meinte. Und doch sehr oft, 
wenn wir uns von dem Beabsichtigten für ewig getrennt sehen, haben 
wir schon auf unserm Wege irgendein anderes Wünschenswerte gefunden, 
etwas uns Gemäßes, mit dem uns zu begnügen wir eigentlich geboren 
sind.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1274
%
Die Liebe, deren Gewalt die Jugend empfindet, ziemt nicht dem 
Alten, sowie alles, was Produktivität voraussetzt. Dass diese sich 
mit den Jahren erhält, ist ein seltner Fall.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1275
%
Alle Ganz- und Halbpoeten machen uns mit der Liebe dergestalt 
bekannt, dass sie müsste trivial geworden sein, wenn sie sich nicht 
naturgemäß in voller Kraft und Glanz immer wieder erneute.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1276
%
Der Mensch, abgesehen von der Herrschaft, in welcher Die 
Passion ihn fesselt, ist noch von manchen notwendigen Verhältnissen 
der Liebe gebunden. Wer diese nicht kennt oder in Liebe umwandeln 
will, der muss unglücklich werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1277
%
Alle Liebe bezieht sich auf Gegenwart; was mir in der Gegenwart 
angenehm ist, sich abwesend mir immer darstellt, den Wunsch des 
erneuerten Gegenwärtigseins immerfort erregt, bei Erfüllung dieses 
Wunsches von einem lebhaften Entzücken, bei Fortsetzung dieses Glücks 
von einer immer gleichen Anmut begleitet wird, das eigentlich lieben 
wir, und hieraus folgt, dass wir alles lieben können, was zu unserer 
Gegenwart gelangen kann; ja um das Letzte auszusprechen: Die Liebe 
des Göttlichen strebt immer darnach, sich das Höchste zu 
vergegenwärtigen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1278
%
Ganz nahe daran steht die Neigung, aus der nicht selten Liebe 
sich entwickelt. Sie bezieht sich auf ein reines Verhältnis, das in 
allem der Liebe gleicht, nur nicht in der notwendigen Forderung einer 
fortgesetzten Gegenwart.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1279
%
Diese Neigung kann nach vielen Seiten gerichtet sein, sich auf 
manche Personen und Gegenstände beziehen, und sie ist es eigentlich, 
die den Menschen, wenn er sie sich zu erhalten weiß, in einer schönen 
Folge glücklich macht. Es ist einer eignen Betrachtung wert, dass die 
Gewohnheit sich vollkommen an die Stelle der Liebesleidenschaft 
setzen kann: Sie fordert nicht sowohl eine anmutige als bequeme 
Gegenwart; alsdann aber ist sie unüberwindlich. Es gehört viel dazu, 
ein gewohntes Verhältnis auszuheben; es besteht gegen alles 
Widerwärtige; Missvergnügen, Unwillen, Zorn vermögen nichts gegen 
dasselbe; ja es überdauert die Verachtung, den hass. Ich weiß nicht, 
ob es einem Romanschreiber geglückt ist, dergleichen vollkommen 
darzustellen, auch müsste er es nur beiläufig, episodisch 
unternehmen; denn er würde immer bei einer genauen Entwicklung mit 
manchen Unwahrscheinlichkeiten zu kämpfen haben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1280
%
In der Geschichte überhaupt, besonders aber der Philosophie, 
Wissenschaft, Religion, fällt es uns auf, dass die armen beschränkten 
Menschen ihre dunkelsten subjektiven Gefühle, die Apprehensionen 
eingeenger Zustände in das Beschauen des Weltalls und dessen hoher 
Erscheinungen überzutragen nicht unwürdig finden.
Zugegeben, dass der Tag, von dem Urquell des Lichts ausgehend, 
weil er uns erquickt, belebt, erfreut, alle Verehrung verdiene, so 
folgt noch nicht, dass die Finsternis, weil sie uns unheimlich macht, 
abkühlt, einschläfert, sogleich als böses Prinzip angesprochen und 
verabscheut werden müsse; wir sehen vielmehr in einem solchen 
Verfahren die Kennzeichen düster-sinnlicher, von den Erscheinungen 
beherrschter Geschöpfe.
Wie es damit in der alten Symbolik ausgesehen, davon gibt uns 
Nachstehendes genugsames Zeugnis.
"Bedeutend wird endlich, dass der finstere Thaumas zugleich mit 
den Harpyien die Göttin des Regenbogens, die siebenfarbige Iris, 
gezeugt hat. Es sind aus der Finsternis mit der weißen Farbe der 
Kälte alle Farben des Lichts und des Feuers entsprungen, und selbst 
der böse Ahriman, die ewige geistige Finsternis, soll die Farben 
ausgeströmt haben."
Kanne, "Pantheum", S. 339.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1281
%
Die Biographie sollte sich einen großen Vorrang vor der 
Geschichte erwerben, indem sie das Individuum lebendig darstellt und 
zugleich das Jahrhundert, wie auch dieses Lebendig darstellt und 
zugleich das Jahrhundert, wie auch dieses lebendig auf jenes 
einwirkt. Die Lebensbeschreibung soll das Leben darstellen, wie es an 
und für sich und um sein selbst willen da ist. Dem 
Geschichtsschreiber ist nicht zu verargen, dass er sich nach 
Resultaten umsieht; aber darüber geht die einzelne Tat sowie der 
einzelne Mensch verloren. Wollte man die Herrlichkeit des Frühlings 
und seiner Blüten nach dem wenigen Obst berechnen, das zuletzt noch 
von den Bäumen genommen wird, so würde man eine sehr unvollkommene 
Vorstellung jener lieblichen Jahreszeit haben. Und doch hat der 
Gärtner das Recht, sein Jahr bloß nach dem zu beurteilen, was ihm 
Keller und Kammern füllt. Alles wahrhaft Biographische, wohin die 
zurückgebliebenen Briefe, die Tagebücher, die Memoiren und so manches 
andere zu rechnen sind, bringen das vergangene Leben wieder hervor, 
mehr oder weniger wirklich oder im ausführlichen Bilde. Man wird 
nicht müde, Biographien zu lesen, so wenig als Reisebeschreibungen: 
Denn man lebt mit Lebendigen. Die Geschichte, selbst die beste, hat 
immer etwas Leichenhaftes, den Geruch der Totengruft. Ja man kann 
sagen, sie wird immer verdrießlicher zu lesen, je länger die Welt 
steht: Denn jeder Nachfolgende ist genötigt, ein schärferes, ein 
feineres Resultat aus den Weltbegebenheiten heraus zu sublimieren, da 
denn zuletzt, was nicht als caput mortuum liegen
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1282
%
         Religion: Alte;
            Poesie: Religion der Jugend.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1283
%
Die Natur ist immer Jehova.
Was sie ist, was sie war und was sie sein wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1284
%
Dass Christus auf eine Hamletische Weise zugrunde ging, und 
schlimmer, weil er Menschen um sich berief, die er fallen ließ, da 
Hamlet bloß als Individuum perierte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1285
%
         Anthropomorphism,
            Erotomorphism.
Dass er alles was auch vorgeht, in sittlich-sinnlich Gefühl 
auflöst und verwandelt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1286
%
Reine Naturgesinnung in fremdem Zustande.
Je reiner die Gesinnung, desto weniger Bedürfnis des Zustandes.
Je komplizierter, interessanter für sich selbst der Zustand ist, 
so gibt er unsern Gesinnungen das Gesetz.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1287
%
Der grenzenlose Verstand, dem jeder Verstand zusagt, dem die 
Vernunft nichts anhaben kann, wenn auch das Gefühl nicht immer 
beistimmt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1288
%
Es ist nicht wahr, dass das Leben ein Traum sei; nur dem 
scheint es so, der
            auf eine alberne Weise ruhet,
            auf die ungeschickteste Weise verletzt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1289
%
Man hat den Epikur, der ein armer Hund war wie ich, sehr 
missverstanden, wenn er das Höchste in die Schmerzlosigkeit legte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1290
%
Besonderes Vergnügen, sich mit Personen, die man liebt, über 
Dinge zu erklären und weitläufig zu sein, Empfinden rege zu machen, 
wenn man gleich weiß, dass, was man sagt, nicht wahr ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1291
%
Die Menschen wundern sich, dass ich es besser weiß wie sie, und 
es ist kein Wunder, sie halten sehr oft für falsch, was ich denke.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1292
%
Man muss nicht fürchten, überstimmt zu werden, wenn uns 
widersprochen wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1293
%
Das Falsche (der Irrtum) ist meistens der Schwäche bequemer.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1294
%
Wenn sie wüssten, wo das liegt, was sie suchen, so suchten sie 
ja nicht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1295
%
Die Güte des Herzens nimmt einen weiteren Raum ein als der 
Gerechtigkeit geräumiges Feld.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1296
%
Je uneigennütziger der Mensch ist, desto mehr ist der ... 
unterworfen den Eigennützigen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1297
%
Das, was man für sie tut, ist nicht genug, das, was man für sie 
getan hat, ist nichts: Die ganze Existenz, die man ihnen geschaffen 
hat, nehmen sie von Gottes Gnaden, und so ist man, als wenn man nicht 
wäre, nicht gewesen wäre.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1298
%
In weltlichen Dingen sind nur zu betrachten die Mittel und der 
Gebrauch.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1299
%
Rasches Vorschreiten zum Zweck, ohne die Mittel zu bedenken.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1300
%
Als wenn man, um dem Sohn, der in der Wiege liegt, beizeiten 
Vorteil zu bringen, den Vater totschlagen wollte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1301
%
Gedankenlosigkeit, die uns den Wert des Augenblicks verkennen 
lässt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1302
%
Charakter, der, dargestellt, kein Bild, pragmatisiert, kein 
Resultat gibt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1303
%
Drei Dinge werden nicht eher erkannt als zu gewisser Zeit:
            ein Held im Kriege,
            ein weiser Mann im Zorn,
            ein Freund in der Not.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1304
%
Drei Klassen von Narren:
            die Männer aus Hochmut,
            die Mädchen aus Liebe,
            die Frauen aus Eifersucht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1305
%
Toll ist:
            wer Toren belehrt,
            Weisen widerredet,
            von hohlen Reden bewegt wird,
            Huren glaubt,
            Geheimnisse Unsichern vertraut.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1306
%
Wer muss Langmut üben?
            Der große Tat vorhat,
            bergan steigt,
            Fische speist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1307
%
Ein Deutscher war schon absurd, solang' er hoffte; da er nun 
überwunden war, so war gar nicht mehr mit ihm zu leben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1308
%
Vorschlag zu einem polemischen Purism in Schulen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1309
%
Stoffartige Hilfe, die sich die Poesie der letzten Zeit gibt 
durch bedeutende Motive, Religion und Ritterwesen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1310
%
Beispiele, wie sich die Menschen über das Unerwartete, ja 
Unerträgliche durch poetische Formen begütigen:
            empirisch erscheinende absolute Gewalt
                  Oberon, Blaubart.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1311
%
Identität rasenden Enthusiasmus' und unbarmherziger Kritik 
schwer ins ich zu erzielen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1312
%
Wirkung namhafter, gründlich arbeitender Autoren. Gegenwirkung 
journalistisch anonymer.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1313
%
Ein geistreicher Humorist als quasi Poet, der, der Fülle seines 
Wissens und Empfindens gedenkend, sich in Tropen auszusprechen 
genötigt fühlt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1314
%
Trübe Stellen, wo die Intention des Dichters uns nicht klar 
entgegentritt, die man sich, weil man ihn liebt, erst auslegt, und 
auf die man, zurückkehrend, immer eine gewisse Unbehaglichkeit 
empfindet.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1315
%
Es kommt mir wunderbar vor, eine so tragische Schuld zu sehen, 
dass eine Tragödie gar nicht darauf zu folgen brauchte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1316
%
Abstumpfen des Geistes durchs Geistreiche.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1317
%
               Englische Stücke:
            Das Verruchte des Stoffs,
            das Absurde der Form,
            verwerfliche Handlungen.
            Vermaledeites englisches Theater!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1318
%
Hersilie sagte von der Pilgernden Törin: "Wenn ich närrisch 
werden möchte, wie mir manchmal die Lust ankommt, so wäre es auf 
diese Weise."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1319
%
Das Erhabene, für uns Übererhabene, höchst Verehrungswerte, 
doch, genau besehen, mit einem absurden, ja infamen Empirischen 
Verbundene macht uns stutzig, und man entschließt sich schwer.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1320
%
Wie das Unbedingte sich selbst bedingen und so das Bedingte zu 
seinesgleichen machen kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1321
%
Dass das Bedingte zugleich unbedingt sei. Welches unbegreiflich 
ist, ob wir es gleich alle Tage erfahren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1322
%
Der Empirismus, zur Unbedingtheit { erhöht, / erweitert, } ist 
ja Naturphilosophie. (Schelling.)
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1323
%
Dass es dem Menschen selten gegeben ist, in dem einzelnen Falle 
das Gesetz zu erkennen. Und doch, wenn er es immer [?] in Tausenden 
erkennt, muss er es ja wieder in jedem Einzelnen finden. Die großen 
Umwegen [?] erspart sich der Geist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1324
%
Alle Verhältnisse der Dinge wahr. Irrtum allein in dem 
Menschen. An ihm nichts wahr, als dass er irrt, sein Verhältnis zu 
sich, zu andern, zu den Dingen nicht finden kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1325
%
Wissen: Das Bedeutende der Erfahrung, das immer ins Allgemeine 
hinweist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1326
%
         Geschichte der Wissenschaft:
Was muss zu allen Zeiten den Menschen von Haus aus interessieren?
Wie hat man nach und nach gesucht, sich davon Rechenschaft zu 
geben oder sich zu beruhigen?
            Geschichte des Wissens:
Was ist dem Menschen nach und nach bekannt geworden?
Wie hat er sich dabei und damit benommen?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1327
%
Niederträchtigkeit der mittlern Zeit bis ins sechzehnte 
Jahrhundert, treffliche Menschen wie Aristoteles, Hippokrates durch 
dumme Märchen lächerlich zu machen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1328
%
Unglücklich ist immer derjenige, der sich in Korporationen 
einlässt. V. Humboldt darf von allem nichts melden, als was in Paris 
gilt. Was soll denn da aus dem werden, was wir Wissen und 
Wissenschaft nennen? In hundert Jahren wird es ganz anders aussehen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1329
%
Bei den Kontroversen darauf zu sehen, wer das punctum saliens 
getroffen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1330
%
Voltaire kommt mir immer vor wie ein Zauberer, der einen 
Hexenkessel abschäumt; es ist nur Schaum, was sein Löffel schöpft; 
aber ein verteufelter Schaum, aus einem Kessel voll unendlicher 
Ingredienzien aufsiedend.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1331
%
Dass die Natur, die uns zu schaffen macht, gar keine Natur mehr 
ist, sondern ein ganz anderes Wesen als dasjenige, womit sich die 
Griechen beschäftigten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1332
%
Die Griechen nannten Entelecheia ein Wesen, das immer in 
Funktion ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1333
%
Die Griechen, wenn sie beschrieben oder erzählen, sprachen 
weder von Ursache noch von Resultat, sondern trugen die äußere 
Erscheinung vor.
Auch in der Naturwissenschaft machten sie keine Versuche wie wir, 
sondern hielten sich an den einzelnen Erfahrungsfällen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1334
%
Die Funktion ist das Dasein, in Tätigkeit gedacht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1335
%
Alle Wirksamkeit ist stärker am Mittelpunkt als gegen die 
Peripherie zu. Raum zwischen Mars und Jupiter.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1336
%
Ersparnis der Erfahrung
   Sündflut der Erfahrung,
   Dinge, wovon man nicht reden würde, wenn man
   wüsste, wovon die Rede ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1337
%
Bei Naturforschung auf Anordnung, auf System auszugehen, 
hinderlich und förderlich.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1338
%
Mathematik, die auf Konviktion, Überführung ausgeht, weshalb 
gute Köpfe sich an ihr ärgern.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1339
%
Man hört, nur die Mathematik sei gewiss; sie ist es nicht mehr 
als jedes andere Wissen und Tun. Sie ist gewiss, wenn sie sich 
klüglich nur mit Dingen abgibt, über die man gewiss werden und 
insofern man darüber gewiss werden kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1340
%
Das ist eben das Hohe der Mathematik, dass ihre Methode gleich 
zeigt, wo ein Anstoß ist. Fanden sie doch dem Gang der himmlischen 
Körper nicht ihre Rechnungen gemäß und wendeten sich daher auf die 
Annahme [?] der Störungen und diese Störungen noch immer zu viel oder 
zu wenig.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1341
%
In diesem Sinne kann man die Mathematik als die höchste und 
sicherste der Wissenschaft ansprechen.
Aber wahr kann sie nichts machen, als was wahr ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1342
%
Was hat denn der Mathematiker für ein Verhältnis zum Gewissen, 
was doch das höchste, das würdigste Erbteil der Menschen ist, eine 
inkommensurable, bis ins Feinste wirkende, sich selber spaltende und 
wieder verbindende Tätigkeit? Und Gewissen ist's vom Höchsten bis ins 
Geringste. Gewissen ist's, was das kleinste Gedicht gut und 
vortrefflich macht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1343
%
Wenn diese Hoffnungen sich verwirklichen, dass die Menschen 
sich mit allen ihren Kräften, mit Herz und Geist, mit Verstand und 
Liebe vereinigen und voneinander Kenntnis nehmen, so wird sich 
ereignen, woran jetzt noch kein Mensch denken kann. Die Mathematiker 
werden sich gefallen lassen, in diesen allgemeinen sittlichen 
Weltbund als Bürger eines bedeutenden Staates aufgenommen zu werden, 
und nach und nach sich des Dünkels entäußern, als Universalmonarchen 
über alles zu herrschen; sie werden sich nicht mehr beigehen lassen, 
alles für nichtig, für inexakt, für unzulänglich zu erklären, was 
sich nicht dem Kalkül unterwerfen lässt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1344
%
Alle Kristallisationen sind ein realisiertes Kaleidoskop.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1345
%
... Es ist daher das Beste, wenn wir bei Beobachtungen soviel 
als möglich uns der Gegenstände und beim Denken darüber soviel als 
möglich uns unsrer selbst bewusst sind.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1346
%
Zum Schönen wird erforderte in Gesetz, das in die Erscheinung 
tritt.
                  Beispiel von der Rose.
In den Blüten tritt das vegetabilische Gesetz in seine höchste 
Erscheinung, und die Rose wäre nun wieder der Gipfel dieser 
Erscheinung.
Perikarpien können noch schön sein.
Die Frucht kann nie schön sein: Denn da tritt das vegetabilische 
Gesetz in sich (ins bloße Gesetz) zurück.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1347
%
Die Unmöglichkeit, Rechenschaft zu geben von dem Natur- und 
Kunstschönen: Denn
ad 1. müssten wir die Gesetze kennen, nach welchen die allgemeine 
Natur handeln will und handelt, wenn sie kann; und
ad 2. Die Gesetze kennen, nach denen die allgemeine Natur unter 
der besondern Form der menschlichen Natur produktiv handeln will und 
handelt, wenn sie kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1348
%
Schönheit der Jugend aus Obigem abzuleiten. Alter stufenweises 
Zurücktreten aus der Erscheinung. Inwiefern das Alternde schön 
genannt werden kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1349
%
Beharren eines jeden im Charakter, bis zum Gipfel des 
menschlichen Daseins, ohne an die Rückkehr zu denken.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1350
%
Die Schönheit zeigt milde, hohe Übereinstimmung alles dessen, 
was unmittelbar, ohne Überlegen und Nachdenken zu erfordern, gefällt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1351
%
Vollkommene Künstler haben mehr dem Unterricht als der Natur zu 
danken.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1352
%
Die höchste Absicht der Kunst ist, menschliche Formen zeigen, 
so sinnlich bedeutend und so schön, als es möglich ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1353
%
Friedrich der Zweite zu Pferd nach Chodowiecky ist in Zinn 
gemalt in Nürnberg zu haben; gewöhnlich führt er die Soldaten der 
Kinder an und ist auch da noch ehrwürdig.
Ich möchte ihn aber doch auf ähnliche Art weder in Lebensgröße 
noch weniger kolossal mit Augen sehen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1354
%
Zeichnet doch eure patriotischen Gegenstände! Ein König, der 
auf einer Brunnenröhre sitzt und denkt. Ja, wenn ihr seine Gedanken 
zeichnen könntet!
Ein solcher König hat mit eurer bildenden Kunst [nichts] zu tun; 
er soll nur im Geist und in der Wahrheit verehrt werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1355
%
Zeichnet, stecht in Kupfer, bezahlt, verkauft, belohnt immer in 
offenbarer Stille, und wenn euch ein tadelnd Wort trifft, so lasst's 
ja hingehn; aber reizt nur niemanden, diese Armseligkeiten immer 
lauter und lauter vor den Ohren der Welt auszulachen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1356
%
Wenn ihr sagt: "Wir machen so", da hat kein Mensch was dagegen; 
sagt ihr aber: "Ihr sollt's auch so machen, euch nach unserer 
Beschränkung beschränken", da kommt ihr um vieles zu spät.
Ein Bildhauer, der aus Marmor Patrioten - Husarenpelze hauen muss, 
sollte dies mit Zerknirschen, als einer traurigen Notwendigkeit 
gehorchend, verrichten und sich freuen, wenn sich eine fremde Stimme 
erhebt, die das nun eben nicht als das Heil ...
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1357
%
Paris ist offen; Italien wird's auch werden; solang' uns der 
Atem bleibt, werden wir den Künstler in das Weite der Welt und Kunst 
und in die Beschränktheit seiner selbst weisen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1358
%
Sich in seiner Beschränktheit gefallen, ist ein elender 
Zustand; in Gegenwart des Besten seine Beschränktheit fühlen, ist 
freilich kein Glück, aber es kann zum Glück führen - - ängstlich, 
aber diese Angst erhebt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1359
%
Indem das Heil. römische Reich dem verdienten Helden eine 
Statue setzen will, setzt es in corpore in eine Lotterie. Es ist zu 
fürchten, dass es eine Kunstniete zieht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1360
%
Das Menschlich-Liebenswürdige, Zarte unter der Form einer 
imaginierten bildenden Kunst. Klosterbruder, Sternbald.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1361
%
Bei Betrachtung von Kunstwerken, sowohl dichterischen als 
bildnerischen, des 3. und 4. Jahrhunderts lässt sich bemerken, wie 
lange die Künstler noch am alten guten Sinne festgehalten haben, da 
schon alles um sie her dafür erstorben war. Erklärungsart der 
Kunstwerke auf diesem Wege. Sie sind keineswegs abstrus, sondern 
plastisch zu nennen. S. das Kapitolinische Basrelief mit dem 
Prometheus pp.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1362
%
Organische Natur: Ins Kleinste lebendig; Kunst: Ins Kleinste 
empfunden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1363
%
Konflikte. Sprünge der Natur und Kunst. Eintretender Genius zur 
rechten Zeit. Element genugsam vorbereitet. Nicht roh und starr. Auch 
nicht schon verbraucht. Ebenso mit der Organisation. Hier springt die 
Natur auch nur, insofern alles vorbereitet ist, als ein Höheres, in 
die Wirklichkeit Tretendes zur eminenten Erscheinung gelangen kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1364
%
Perspektivische Gesetze: Die mit so großem Sinn als Richtigkeit 
die Welt auf das Auge des Menschen und seinen Standpunkt beziehen und 
dadurch möglich machen, dass jedes sonderbare, verworrene Gedräng' 
von Gegenständen in ein reines, ruhige Bild verwandelt werden kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1365
%
         Poetische Metamorphosen.
Phantasie ist der Natur viel näher als die Sinnlichkeit, diese ist 
in der Natur, jene schwebt über ihr. Phantasie ist der Natur 
gewachsen, Sinnlichkeit wird von ihr beherrscht.
Frühste, lebhafte, tüchtige Sinnlichkeit finden wir immer sich zur 
Phantasie erhebend. Sogleich wird sie produktiv, anthropomorphisch. 
Felsen und Ströme sind von Halbgöttern belebt, Untergötter endigen 
unterwärts in Tiere: Pan, Faune, Tritone. Götter nehmen Tiergestalt 
an, ihre Absichten zu erfüllen. Welche Fabeln sind die ältesten 
dieser Art?
Bei Ovid ist die Analogie der tierischen und menschlichen Glieder 
im Übergang trefflich ausgedrückt. Dante hat eine höchst merkwürdige 
Stelle dieser Art.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1366
%
